Heringstage ohne Grenzen

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Eine Premiere gab es bei der 40. Ausgabe des Kappelner Stadtfestes: Gestern wurde es mit der traditionellen Heringswette eröffnet, und der neue König kommt aus Polen, seine Königin aus Italien.

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10. Mai 2018, 17:19 Uhr

Die 40. Heringstage begannen gestern Vormittag mit einer Premiere. „Das ist etwas, was wir noch nie hatten“, kündigte Werner Kinast, stellvertretender Vorsitzender des Verschönerungsvereins, an. „Das neue Königspaar ist ein Paar, das nicht aus Deutschland kommt.“ Die Überraschung war groß, denn sowohl der neue König als auch seine Königin kommen in diesem Jahr aus den Partnerstädten Kappelns. Bartosz Gwózdz-Sproketowski ist der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Ustka in Polen. An seiner Seite hat Anna Guidato von der Delegation aus Merate in Italien die Regentschaft übernommen. Mit einem „Bongiorno a tutti“ begann sie ihre Antrittsrede, Marta Kraft übersetzte, was die 78-Jährige den knapp 200 Gästen in der Alten Maschinenhalle zu sagen hatte. Zum fünften Mal sei sie zu den Heringstagen gekommen. „Die Wette war immer nur ein Spiel für mich. Wer hätte gedacht, dass daraus so eine Verpflichtung wird“, erklärte sie lachend. Sie freue sich, es sei ein gutes Zeichen, aber sie sei auch auf die Hilfe der Kappelner Bürger angewiesen. „Sehr geehrte Untertanen“, sagte Gwózdz-Sproketowski, „das wollte ich schon immer mal sagen.“ Der 40-Jährige hat zum dritten Mal mitgewettet und versprach ebenfalls, das Amt so gut wie möglich auszufüllen, auch wenn er noch nicht so genau wisse, welche Pflichten ihn erwarten.

Begonnen hatten die Heringstage mit dem traditionellem Gottesdienst in der St.-Nikolai-Kirche. Anschließend gingen die 101 Wett-Teilnehmer begleitet vom Schützenbläserkorps Kappeln, auf die Schiffe: Seenotrettungskreuzer „Nis Randers“ und Motorschiff „Kalkgrund“ fuhren sie Richtung Heringszaun, wo die Reuse mit dem Tagesfang in ein Ruderboot gezogen wurde. 102 Pfund zappelten im Netz – die gleiche Pfundzahl wie im vergangenen Jahr. Der Erlös aus dem Verkauf der Wettscheine kommt dem neuen Heringszaun zugute. „Wir hoffen, bald mit dem Neubau beginnen zu können“, erklärte Dieter Clausen, Vorsitzender des Verschönerungsvereins, und übergab an die Bürgervorsteherin Dagmar Ungethüm-Ancker. Sie konnte Gäste aus Verwaltung und Politik begrüßen, unter anderen die Bundestagsabgeordnete Petra Nicolaisen, den Landtagstagspräsidenten Klaus Schlie und den Kreispräsidenten Ulrich Brüggemeier. Ungethüm-Ancker nutzte die Gelegenheit, um sich zu verabschieden: „Ich war in den letzten Jahren gerne Ihre und Eure Bürgervorsteherin.“ Das Publikum applaudierte ihr lange und erhob sich von den Sitzen.

Die Heringstage – ein Fest, das Identität zeige und Heimat abbilde, formulierte Petra Nicolaisen. Identität – das griff auch Schlie auf, denn das zeige das Fest immer wieder: die große Bedeutung von Fischerkunst und Fischerhandwerk. Schlie ist regelmäßig zu Gast bei den Heringstagen. „Hochdeutsch Schlei, plattdütsch Schlie – hier zu sein ist praktisch eine Verpflichtung, die ich im Namen trage“, sagte er.

Bevor das neue Königspaar proklamiert wurde, verabschiedete sich das alte. Heringskönig und Landesbischof Gerhard Ulrich hatte sich dafür etwas Besonderes ausgedacht und ließ seine Schauspielerfahrung durchblitzen. Aus der Sicht eines Touristen, der Kappelner Heringe und des Heringskönigs nahm er die Diskussion um die Rutschgefahr durch die Bronzeplatten in der Innenstadt und die Vielzahl an ungelesenen Gutachten, die schon einen Anbau ans Stadtarchiv befürchten ließen, aufs Korn. Aber Ulrich lobte auch, wie gut Integration und Inklusion in der Stadt funktionieren. „Kappeln ist eine Stadt mit einer Schwäche für Schwache – und genau das ist ihre Stärke“, erklärte er. Alles zusammen führe dazu, dass Gäste sich hier mit offenen Türen und Armen empfangen fühlen. „Und das ist am Ende dann auch wieder gut für den Hering.“

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