Interview zur Corona-Krise : Heinrich Bedford-Strohm: „Gott hat das Virus nicht geschickt“

Erfreut über kreative Lösungen in der Krise: Heinrich Bedford-Strohm. Foto: dpa/Lino Mirgeler
Erfreut über kreative Lösungen in der Krise: Heinrich Bedford-Strohm. Foto: dpa/Lino Mirgeler

Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland über die Menschenwürde in Krisenzeiten und „andere“ Ostern

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10. April 2020, 18:04 Uhr

München | Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat vor Ostern dazu aufgerufen, trotz der Corona-Krise im eigenen Land den Blick für das Leid in aller Welt nicht zu verlieren. Vorstellen kann sich der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm im Interview mit Burkhard Ewert, für Risikogruppen besondere Schutzmaßnahmen zu beschließen. Außerdem äußert sich der Bischof zu Zweifeln an Gott und Glaube, den gravierenden Folgen der Corona-Krise für die Kirchenfinanzen und darüber, wie jeder Einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten jetzt helfen kann und sollte, sozial und finanziell. Grundsätzlich zeigte er sich überzeugt.

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Herr Bedford-Strohm, ein Osterfest in Zeiten einer Pandemie steht bevor - wie stellt sich das für Sie als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland dar?

Es ist überaus schmerzlich, dass wir nicht wie gewohnt in unseren Kirchen die Ostergottesdienste feiern können. Gleichzeitig ist klar: Ostern fällt nicht aus. Wir werden es auf andere Art feiern, und ich bin sehr dankbar dafür, wie viele Ideen sich bereits entwickelt haben: Schauen Sie mal nach, online auf der Seite www.kirchevonzuhause.de. Unser Ziel ist es, dass wir Ostern kraftvoller denn je feiern, ohne dass wir die Menschen dabei Risiken aussetzen. Für uns steht die Nächstenliebe an erster Stelle, deshalb stehen wir dahinter, öffentliche Gottesdienste für eine begrenzte Zeit auszusetzen. Wir würden unsere eigene Botschaft konterkarieren, wenn wir solche Maßnahmen nicht mittragen würden, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Übrigens, bei Fernseh- und Radiogottesdiensten sind die Einschaltquoten in die Höhe geschnellt. Wir erreichen dort derzeit mehr als doppelt so viele Menschen wie vorher.

Allein die Fernsehgottesdienste wurden in der vergangenen Woche von mehr als zwei Millionen Menschen gesehen. Andere, häufig digitale Formate, kommen hinzu, etwa Livestreams aus Kirchen, sodass in manchen Gemeinden auch der eigene Pfarrer mit seiner Predigt weiterhin erlebt werden kann. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD).

 

Es gab in der Geschichte schlimmeres Leid als derzeit, aber jeweils begleitet von der Frage, wie dies mit einem allmächtigen, barmherzigen Gott zusammengeht. Wie lautet die Antwort?

Ich sage in aller Klarheit: Gott hat nicht das Coronavirus geschickt. Er ist ein Gott des Lebens, nicht des Todes. Gott hat sich in Jesus Christus gezeigt, und Jesus hat nicht getötet, sondern geheilt. Heute sind all die Menschen, die den bedürftigen, kranken und sterbenden Menschen beistehen, die Hände Gottes. Sie tragen dazu bei, Menschen zu heilen und Leben zu retten. Sie kümmern sich darum, dass Menschen in Einsamkeit beigestanden wird und auch denen, die materielle Not leiden. All das ist das Wirken Gottes. Gerade jetzt, in der Passionszeit, erinnern wir uns aber auch an das Leiden Christi und machen uns klar, was es bedeutet. Jesu letzte Worte waren ein Schrei der Verzweiflung: Mein Gott, warum hast du mich verlassen! Diese Zweifel, die Jesus hatte, sind welche, die Menschen auch heute haben. Sie dürfen wissen: Gott ist auch da, wo Menschen leiden. Und weil es dieses Leiden eben gibt, ist Ostern mit der Auferstehung eine so wichtige Botschaft: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das Leben siegt. Die Evangelische Kirche in Deutschland(EKD) hat vor Ostern dazu aufgerufen, trotz der Corona-Krise im eigenen Land den Blick für das Leid in aller Welt nicht zu verlieren.

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Eine Krankheit wie derzeit bringt im Einzelfall fürÄrzte die Abwägung zwischen Leben und Tod mit sich. Was sagen Sie diesen Menschen?

Zunächst einmal ist es das Wichtigste, dass solche schlimmen Dilemma-Situationen, in die Ärzte gelangen können, so weit wie möglich verhindert werden. Deshalb tragen wir die Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit voll mit. Wir wollen keine Bilder haben wie in New York, wo Leichen mit Gabelstaplern in Lastwagen befördert werden. Wenn Ärzte dennoch in Situationen geraten, in denen sie abwägen müssen, wem sie zuerst helfen, sollten sie wissen, dass sie unsere volle Solidarität haben. Sie dürfen sich, wenn sie an emotionale Grenzen gelangen, in Gottes Hand wissen.

Wie steht es um die Abwägung zwischen wirtschaftlichen Gefahren und gesundheitlichem Schutz?

Die Abwägung zwischen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Interessen ist sehr schwierig. Das oberste Ziel muss es sein, Leben zu retten, unabhängig von der Altersgruppe und unabhängig von der wirtschaftlichen Produktivität eines Menschen. In einer Gesellschaft so zu handeln ist ein Zeichen von Humanität. Zugleich ist zu fragen: Welche Wirkungen hat der wirtschaftliche, der kommunikative und auch der soziale Stillstand? Wie wirkt er sich aus auf die Psyche? Wenn die Wirtschaft einbricht, wird auch damit viel Leid verbunden sein. Diese Abwägung kann den Verantwortlichen niemand abnehmen. Wichtig ist aber, dass sie auf Basis gesicherter Informationen sorgfältig getroffen werden muss.

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Der Corona-Schutz schränkt auch Freiheitsrechte ein – besorgt Sie das?

Es besorgt mich so lange nicht, als es sich tatsächlich um eine zeitlich begrenzte Antwort auf die konkrete Situation handelt. Es würde mich erst dann besorgen, wenn es über die Notsituation hinaus zur Folge hätte, dass demokratische Kontrolle staatlichen Handelns eingeschränkt wird. Das darf nicht passieren.

Glauben Sie, dass sich die Menschen an eine Politik der „starken Hand“ gewöhnen?

Die Demokratie zeigt gerade in Deutschland, wie stark sie ist. Die Politik versucht Leben zu retten, über die Parteigrenzen hinweg, und die allermeisten Menschen tragen es aus innerer Einsicht heraus mit, nicht aus Angst vor Sanktionen. Wir haben eine starke Zivilgesellschaft. Ich sehe die Chance, dass durch die Erfahrung der aktuellen sachorientierten und verantwortlichen Suche nach Lösungen ein Gewinn an politischer Kultur auch nach der Krise erwachsen könnte.

Denken Sie an die Debatten, die es vor Corona gab, an die Angriffe und Schmähungen von handelnden Akteuren und Instanzen – etwa in den sozialen Netzwerken. Davon ist nicht viel geblieben. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD).


 

Was bedeuten harte Beschränkungen für alte, kranke und einsame Menschen?

Die Herausforderung in dieser Situation ist, dass wir auf der einen Seite alte und schwache Menschen so weit wie möglich schützen müssen, dies aber auf der anderen Seite nicht zu Ausschluss und Vereinsamung führen darf. Wir müssen also Wege finden, ohne Gefährdungen miteinander in Kontakt zu treten – nicht nur digital. Ich denke zum Beispiel an Telefonketten, die weitgehend in Vergessenheit geraten waren. Vielleicht nutzen wir auch wieder mehr das alte Mittel des Briefs. Ich kenne eine Pfarrerin, die schickt jedem einzelnen Gemeindemitglied einen handgeschriebenen Osterbrief, das finde ich eine wunderbare Idee.

Ein Szenario sieht vor, Risikogruppen mit besonderen Auflagen zu belegen, um der Gesellschaft und Wirtschaft wieder ein geordneteres Leben zu ermöglichen. Wäre das für Sie denkbar?

Oberstes Ziel ist der Schutz der Schwächsten und Verletzlichsten. Was nicht passieren darf, ist, dass alte Menschen keine Kontaktmöglichkeiten mehr haben. Die Würde der Menschen, die von besonderen Einschränkungen betroffen wären, darf nicht aus dem Blick geraten.

Wie geht die EKD mit ihren zahllosen Einrichtungen mit der Krise wirtschaftlich um? Gibt es auch Kurzarbeit? Wie steht es um das Spendenaufkommen?

Auch für die Kirche ergeben sich aus der gegenwärtigen Krise wirtschaftliche Folgen, das betrifft evangelische Einrichtungen wie etwa Tagungshäuser, denen jetzt die Einnahmen wegbrechen. Wir befassen uns in unseren Krisenstäben intensiv mit der Frage, wie wir diese Einrichtungen unterstützen können.

Mehr Arbeitslose bedeuten geringere Kirchensteuereinnahmen – sind Sie darauf vorbereitet?

Wir rechnen schon in diesem Jahr mit spürbar weniger Kirchensteuern und im nächsten Jahr sogar mit einem noch stärkeren Rückgang. Wir werden genau hinsehen müssen, welche Dinge wir dann noch finanzieren können und welche nicht mehr. Auch den Kirchen steht wie vielen anderen gesellschaftlichen Organisationen ein schmerzhafter Prozess bevor.

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An welche Bereiche denken Sie konkret? Wie wirkt es sich auf die Mitarbeiter aus?

Das betrifft Kirche und Diakonie auf allen Ebenen. Genau kennen wir die Bereiche noch nicht. Aber unser Ziel wird es immer sein sicherzustellen, dass alle Beschäftigten weiterhin einen Arbeitsplatz haben.

Ohne Gottesdienstbesucher entfällt die Kollekte – welchen Ausfall für karitative Zwecke bedeutet das?

Ja, da bricht viel weg. Wir werben dafür, dass die Menschen auf anderen Wegen spenden. Es ist natürlich ein massives Problem, wenn die Kollekten, die immer für bestimmte gemeinwesenorientierte Zwecke vorgesehen sind, nicht mehr zur Verfügung stehen. Deshalb ruft beispielsweise das Hilfswerk „Brot für die Welt“ dazu auf, seine Arbeit mit direkten Spenden zu unterstützen. Ich hoffe, dass die Menschen dies wahrnehmen, auch in Zeiten, in denen womöglich im eigenen Haushalt eine finanzielle Unsicherheit besteht.

Auch jetzt dürfen wir Menschen, denen es noch schlechter geht, nicht aus dem Blick verlieren, etwa Obdachlose und Flüchtlinge. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD).



In den sozialen Netzen stößt man auf die Frage, ob man ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man Musikschul- oder Vereinsbeiträge nicht weiterzahlt. Wozu raten Sie?

Es geht nicht um ein schlechtes Gewissen, sondern um die Frage und die freie Entscheidung: Wo kann ich selbst Solidarität mit anderen leisten, wenn ich dazu in der Lage bin? Wenn etwa Künstlerinnen und Künstler nicht mehr engagiert werden, hilft es, wenn Menschen sagen, ich fordere das Geld für meine Konzertkarte nicht zurück. Die Ausgabe war schon eingeplant und fällt für einen persönlich möglicherweise weniger ins Gewicht als für den, der damit seinen Lebensunterhalt bestreitet. Das gilt auch für die anderen Bereiche, die Sie genannt haben. Im Klaren muss man sich darüber sein, dass persönliche Zeichen der Solidarität nicht die gesellschaftliche Solidarität ersetzen, die jetzt gefragt ist. Wem es gut geht, so wie mir, der sollte sich darauf einstellen, nach der Krise seinen Beitrag zu leisten, um die Folgen zu bewältigen.

Eine Reichenabgabe?

Da sollen die Experten bewerten, was nützlich ist und was vielleicht auch kontraproduktiv. Aber der eigene Wohlstand ist nur dann ein Wohlstand, wenn er auch die schwächsten Glieder einer Gesellschaft erreicht. Sie haben Anspruch auf Solidarität.

Hilfe brauchen auch die Flüchtlinge, in Lesbos und anderswo. Wie lautet Ihr Appell?

Gerade in dieser schwierigen Situation ist es wichtig, dass wir weiterhin nicht nur auf Deutschland und Europa blicken. Alle Menschen sind vor Gott gleich – auch die, die unter der Heuschreckenplage in Ostafrika oder in den Flüchtlingslagern der Welt leiden. Die jetzt angekündigte Aufnahme von 50 Minderjährigen kann da nur ein erster Schritt sein.

Deshalb kritisieren wir als evangelische Kirche sehr deutlich, dass Deutschland seine Zusage, gemeinsam mit anderen europäischen Staaten 1500 Kinder aus Moria auf Lesbos auszufliegen, bis heute nicht erfüllt hat. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD).

Ab April sollte die „Sea-Watch 4“ Flüchtlinge vor Libyen im Mittelmeer aufnehmen, das Schiff, das Sie im Februar in Kiel getauft haben und das die EKD finanziert hat. Wie ist der Stand?

Die Ausbreitung des Coronavirus hat auch dieses Projekt, das von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis getragen wird, gebremst. Das Schiff ist noch in Spanien in der Werft und auch bereits ein Stück weit umgebaut worden. Es fehlen aber Materialen, die wegen der Krise derzeit nicht zugänglich sind, und natürlich stockt auch der normale Arbeitsbetrieb dort. Aber auch, wenn Sea-Watch als Betreiber des Schiffes derzeit noch keinen Zeitpunkt nennen kann, wann das Bündnisschiff ausläuft, können Sie sich darauf verlassen: Das Schiff wird ins Mittelmeer fahren und Flüchtlinge retten. Das wird auch Corona nicht verhindern.

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