Hamlet, der zornige Rebell

Hamlet (Christian Hellrigl, Mitte) begehrt auf gegen die Skrupellosigkeit der Macht und gegen eine Gesellschaft, die davor die Augen verschließt.
Hamlet (Christian Hellrigl, Mitte) begehrt auf gegen die Skrupellosigkeit der Macht und gegen eine Gesellschaft, die davor die Augen verschließt.

Atemlos und aufregend: Shakespeares berühmtes Drama erntet bei der Premiere im Landestheater lang anhaltenden Applaus

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08. Dezember 2019, 14:05 Uhr

Rendsburg | In über 400 Jahren Bühnenpräsenz hat Shakespeares „Hamlet“ viele Deutungsvarianten erfahren. Die emotionale Ausnahmesituation der Titelfigur lädt zu unterschiedlichen Interpretationen ein und passt damit in jede Zeit. „Ein Stück wie „Hamlet“ erfordert in der Realisierung auf der Bühne zwingend dramatische Zuspitzung“, schreibt Dramaturg André Becker im Programmheft zur aktuellen Inszenierung am Landestheater. Regisseurin Anna-Elisabeth Frick hat den Originaltext eingedampft und aus dem Kondensat ein Drama gestaltet, das Hamlet nicht als zaudernden Melancholiker und Grübler, sondern als zornigen Rebellen zeigt, der gegen die skrupellos wirkenden Mechanismen der Macht genauso aufbegehrt wie gegen eine Gesellschaft, die davor die Augen verschließt.

Im ersten Bild sehen wir ein Feiervolk nach dem Absturz. Am Fuße einer Festlichkeit, in der sichtbar viel Alkohol geflossen ist, liegen Männer und Frauen wie hingemäht auf der Bühne, die, von steingrauen Rundbögen umfangen, an ein Schloss denken lässt (Bühne und Kostüme: Martha-Marie Pinsker). Zu unheilvoll wabernden Klängen, die im Lauf des Spiels von minimalistischen Tonfolgen und nervenzerfetzendem Getöse abgelöst werden (Musik: Hannes Strobl) erheben sich wie in Zeitlupe König und Königin. Animalisch und gewalttätig ist die Körpersprache des frischgebackenen Ehepaares, dessen Glück auf Brudermord basiert. Wie im Tanz bewegen sich Lukas Heinrich und Beatrice Boca umeinander in dieser intensiven, wortlosen Szene, die bildmächtig ist wie viele, die noch folgen sollen.

Was wurde hier gefeiert? War es die Beerdigung des alten Königs oder die Eheschließung seines Bruders mit seiner Witwe? Egal, die Gäste sind gut drauf. Kaum aus dem komatösen Rausch erwacht, prosten sie einander wieder mit meckerndem Lachen zu. Eben noch lustig, verschmilzt die Schar der Hofschranzen Sekunden später im Chor zum Geist des toten Königs, der Hamlet den Auftrag erteilt, den feigen Mord zu rächen. Der Prinz besteht fortan aus Zorn und Empörung, steigt aus dem Laden aus, dessen Gesetze ihm schlagartig klar geworden sind. Mit der Körperspannung eines Springteufel agiert Christian Hellrigl. Seine Sprache überschlägt sich, wenn er die unsichtbare Schauspieltruppe dirigiert, die den Königsmord nachspielt.

Frick lässt es als Hörspiel mit Beschreibungen aus dem Off ablaufen, starr und emotionslos betrachtet von der Hofgesellschaft und beobachtet von einem zappeligen Hamlet, den es vor Aufregung kaum auf dem Platz hält. Irgendwann sehen wir ihn auf der Stelle rennen – davon oder gegenan – bis zur Atemlosigkeit. Die Intensität der Körpersprache ist neben der Kraft der Bilder ein gewichtiges Pfund dieser aufregenden Inszenierung, in der die Figuren sich immer wieder die Seele aus dem Leib brüllen (stark: Kimberly Krall als Ophelia) und die kaum Platz für Entspannungsmomente lässt, egal, wie albern die Partyhüte von Rosencrantz und Guildenstern (Nenad Subat und Timon Schleheck) aussehen. Selbst das Premierenpublikum in Rendsburg schien am Ende erschöpft, fand jedoch noch genug Energie für einen langen, zustimmenden Applaus.

Nächste Termine: Sa, 14. Dez., Schleswig, Mi, 18. Dez., Flensburg.



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