Interview : Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs: „Alles getan, um Weihnachten zu retten“

Kirsten Fehrs ist mit großer Hartnäckigkeit für eine Aufklärung über sexuelle Gewalt in der evangelischen Kirche.
Kirsten Fehrs ist mit großer Hartnäckigkeit für eine Aufklärung über sexuelle Gewalt in der evangelischen Kirche.

Die Kirche steht vor einer Transformation. Kirsten Fehrs über ein Fest, das alles auf den Kopf stellt.

Avatar_shz von
24. Dezember 2020, 16:00 Uhr

Hamburg | Längst nicht überall wird es am heutigen Heiligen Abend in Schleswig-Holstein Weihnachtsgottesdienste in den Kirchen geben. Viele Gemeinden gehen mit ihren Angeboten ins Internet.

Welche Folgen das Corona-Jahr 2020 für die Kirche hatte, erklärt die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland, Kirsten Fehrs (59), im Gespräch mit sh:z-Chefredakteur Stefan Hans Kläsener und Benjamin Lassiwe.

Bischöfin Fehrs, was bedeutet Weihnachten im Corona-Jahr 2020?

Weihnachten ist anders. Aber Weihnachten kommt. Wir haben gesellschaftlich alles dafür getan, um Weihnachten zu retten – mit Sicherheitsmaßnahmen und einem nun verschärften Lockdown. Doch in Wahrheit ist es genau anders herum: Weihnachten rettet uns.

Es gibt uns eine Perspektive über das hinaus, was wir im Hier und Jetzt erleben. Das symbolisiert für mich die Zerbrechlichkeit des Kindes, das unbehaust in einem kalten Stall geboren wird. Es ist ein Bild für die Verwundbarkeit und Existenzbedrohung, wie sie gerade so viele Menschen empfinden: Kälte, Ängste und dazu die Geburt dieses Kindes, die die klare Botschaft aussendet: „Fürchtet euch nicht!“

Weihnachten werden viele Menschen um ihre Angehörigen fürchten, die auf einer Corona-Station im Krankenhaus liegen. Was können Sie diesen Menschen mitgeben?

Wir schließen diese Menschen seit Beginn der Pandemie in unsere Gedanken und Gebete ein. Ich bin sicher: Darin liegt eine enorme Kraft. Die Menschen brauchen Licht, sie brauchen Trost, Zuspruch. Und ich glaube, dass die Zuversicht, die im Weihnachtsfest liegt, die Menschen erreicht, weil sie ganz sehnsüchtig danach sind.

Erleben die Menschen Weihnachten bewusster als im Vorjahr?

Bei allen positiven neuen Entdeckungen des Digitalen sind viele Menschen auch sehr angestrengt davon. Ich nehme ein unglaubliches Bedürfnis wahr, die alten Worte, die Trostworte, die Nähe ausstrahlen und Warmherzigkeit in sich haben, zu hören. Worte, die die Herzen erreichen.

Die Kommunikation der vergangenen Monate, die eben hauptsächlich digital stattfinden musste, hat eines ganz deutlich gemacht: wie sehr wir auf Beziehungsnähe angewiesen sind und was tragfähige Beziehungen den Menschen bedeuten. Was Liebe ist. Was innerhalb einer Familie – so stressig es zuweilen auch sein kann – an neuer Nähe entstanden ist.

Aber braucht es trotz des Lockdowns Präsenzgottesdienste in den Kirchen?

Ja, ich glaube, dass es diese Gottesdienste vor Ort gerade jetzt braucht, weil der Gemeinschaftsaspekt für viele wichtig ist. Bei unseren Überlegungen leitete uns gleichzeitig von Anfang an die Devise: Möglichst kurz, kleine Teilnehmerzahlen, möglichst draußen, immer mit Mund-Nasen-Schutz.

Da haben die Gemeinden in den Vorbereitungen eine große Kreativität bewiesen. Und unsere Sicherheits- und Hygienekonzepte sind wirklich ausgefeilt. Inzwischen aber haben sehr viele Gemeinden angesichts regional steigender Inzidenzzahlen ihre Präsenzgottesdienste durch andere Angebote ersetzt – etwa durch einen „Segen to go“, durch Digitalandachten und Telefongottesdienste –, und das ist natürlich eine ebenso gut begründete Entscheidung.

Die Kirchengemeinderäte haben sehr gerungen. Vielleicht gehört dies zu den Lernaufgaben, die die Pandemie uns als Gesellschaft stellt: Dass wir in Spannungen und in aller Zerrissenheit beieinander bleiben. Dass die verschiedenen Parteien Worte und Ohren füreinander finden. Leben wir doch von der Zuversicht, dass Gott den Riss in der Welt heilt – darin liegen Zuspruch und Aufgabe zugleich.

Wird es an Weihnachten in allen Gemeinden der Nordkirche irgendein Angebot geben – oder gibt es Gemeinden, wo einfach gar nichts läuft?

In meinem Sprengel habe ich es bislang noch nicht erlebt, dass alle Angebote eingestellt wurden. Manches wird möglicherweise sehr schnell neu gedacht und umgesetzt werden müssen, es gibt derzeit ja nirgendwo Routine.

Und das erleben wir auch an Weihnachten, in diesem Kind, das die Welt auf den Kopf stellt: Wir werden in eine völlig neue Weltsicht hineingeworfen. Gleichzeitig ist diese Nicht-Routine seit Frühjahr für viele in den Gemeinden nicht nur Ansporn für Neues, sondern auch belastend gewesen.

Wir spüren mancherorts große Erschöpfung. Es wäre sicher gut, im Januar eine zeitlang zur Ruhe zu kommen und wieder Kraft zu schöpfen.

Es gibt den Vorwurf, dass sich die Kirche in der Pandemie zu wenig um die Menschen gekümmert hat...

Das liegt unter anderem daran, dass Seelsorge logischerweise in geschütztem Raum geschieht und kaum je den Weg in die Öffentlichkeit findet. Aber dem Vorwurf, dass zum Beispiel Sterbende nicht begleitet wurden, möchte ich energisch widersprechen: Das hat vielerorts unter erschwerten Bedingungen stattgefunden.

Können Ihre Seelsorger denn heute auf Corona-Stationen gehen?

Hier in Hamburg hatten wir bereits im März schon Zugang zu Krankenhäusern und Altenheimen. Allerdings mangelte es wirklich lange an Schutzkleidung, und die Krankenhausseelsorger durften nicht zu den Erkrankten auf die Stationen gehen. Aber diese Ausrüstung ist inzwischen vorhanden.

Corona hat ja auch Folgen für die Nordkirche. Zum Beispiel bei der Kirchensteuer, die wegen der zahllosen Kurzarbeiter einbricht. Dazu kommen die langfristigen Mitgliederverluste. Wie geht es weiter?

 Wie in jeder Landeskirche werden wir auf allen Ebenen nicht nur Einsparungen vornehmen. Wir werden einen Transformationsprozess durchführen müssen, der stärker eingreift in die Kirche, als wir es bislang in all unseren Veränderungsprozessen erlebt haben. Diese Transformation ist zunächst eine Gestaltungsaufgabe, herausfordernd, aber auch zukunftsweisend und kreativ.

Zugleich bedeutet dies: Wir werden definitiv manche Arbeitsbereiche der Kirche so nicht mehr aufrechterhalten können. Die entscheidende Frage wird sein: Wie kommen wir zu gemeinsam getragenen Prioritätenentscheidungen...

Geht das mehr in Richtung Gemeindepfarramt, oder in Richtung Funktionspfarrstelle?

Einer der Schlüsselmomente ist für mich die Erkenntnis, dass beides – die lokale Präsenz und regionale Aufgaben – miteinander verbunden sein können. Das finde ich eine wichtige neue Perspektive: Dass eine Pastorin, ein Pastor beides macht, natürlich in angemessenem Umfang. Dass sie den Dienst vor Ort absolviert und gleichzeitig eine ganz besondere Facette der persönlichen Kompetenz in der eigenen Arbeit auch anderen regional zur Verfügung stellt.

Funktioniert das auch im ländlichen Raum, wo die Gemeinden schon heute groß sind?

Was wir brauchen, ist eine Verabschiedung von dem inneren Bild, dass alles so bleibt, wie es immer war. Die Gemeinden und die Kirchengemeinderäte ringen ja schon lange genau damit, ob in Kappeln, in Greifswald oder in Ratzeburg. Ich sehe das mit aufrichtigem Respekt. Aber es wird für die Zukunft noch stärker als bislang entscheidend sein, klug zu entscheiden: Wo hören wir mit Doppelstrukturen auf? Muss es in jeder Gemeinde unbedingt das gleiche Angebot für alle geben? Wo gibt es sinnvolle neue Kooperationen?

Wo sind denn die Stellen, wo die Kirche künftig vielleicht nicht mehr präsent sein wird?

Das ist eine schwere Frage. Immer, wenn ich darüber nachdenke, geht es mir persönlich so: Amtshandlungen? Unverzichtbar. Krankenhaus-Seelsorge? Unverzichtbar. Evangelische Kitas und Schulen? Unverzichtbar. Zentral könnte folgende Frage sein: Würden wir heute eine Einrichtung noch mal gründen? Es gibt ja durchaus positive gesellschaftliche Entwicklungen, die viel vorangebracht haben und unser finanzielles Engagement heute so nicht mehr benötigen.

Eines Ihrer Themen in der EKD war die Aufarbeitung sexueller Gewalt. Wo steht die EKD dort heute? Wie ist da Ihre Bilanz?

Wir haben einen Elf-Punkte-Plan aufgelegt, mit dem wir versucht haben zu systematisieren, was notwendig ist, um eine gute Form von Aufarbeitung und von Betroffenenbeteiligung nach vorn zu bringen. Außerdem wollten wir Erkenntnisse darüber bekommen, was in unserer Kirche strukturell täterschützend ist.

Alle elf Punkte, die 2018 von der EKD-Synode einstimmig beschlossen wurden, sind inzwischen erfüllt – oder so auf dem Weg, dass man sagen kann, über die nächsten zwei, drei Jahre ist der Prozess vorgezeichnet. Das ist die eine Ebene. Die andere ist: Wie verinnerlichen wir es innerhalb der Kirche, was Prävention und Aufarbeitung wirklich bedeutet? Wie verinnerlichen wir, dass dies eines der Themen ist, die immer wieder neu auf die Tagesordnung kommen müssen?

Wer soll das stattdessen machen?

Worum es mir geht, ist, dass sich konsequent die Leitungsgremien dafür verantwortlich fühlen. Denn wir wären nicht mehr Kirche, wenn wir riskieren, dass Gewalt strukturell in Kirche und Diakonie geschehen kann. Institutionen brauchen Schutzkonzepte, damit sie sich Fragen stellen: Haben wir genügend Sensibilität? Hören wir wirklich hin? Wie sprechen wir? Wie denken wir? Haben wir eine Ahnung, was es heißt, Betroffene zu sein? Wissen wir wirklich, was ein Trauma ist?

Ist die Kirche da konsequent und übergibt alle Fälle, die bekannt werden, den staatlichen Institutionen?

Selbstverständlich. Das ist ja etwas, das wir mit dem so genannten Präventionsschutzgesetz in der Nordkirche verbindlich geregelt haben. Sobald ein Fall zur Meldung kommt, wird er der Staatsanwaltschaft übergeben. Wenn die Staatsanwaltschaft nichts machen kann, weil der Fall verjährt ist, ist die Disziplinargerichtsbarkeit an der Reihe, wenn es sich um Kirchenbeamte handelt.

Aber an Ehrenamtliche oder Jugendmitarbeiter in den Gemeinden kommen Sie nicht mehr heran, wenn der Fall verjährt ist...

Das ist ein Problem. Aber es darf auf gar keinen Fall dazu führen, dass es keine Aufarbeitung mehr gibt. Schon gar nicht, wenn ein Täter noch aktiv sein könnte.

Betroffene sagen, dass noch nicht genug getan wurde.

Betroffenenbeteiligung – dieser Begriff umfasst vieles und trifft auf unterschiedliche Bedürfnisse bei Betroffenen, so ist jedenfalls meine Erfahrung. Für die einen ist wichtig, dass wir genau hinhören und lernen. Dass wir die Verfehlungen der Institution erkennen und bekennen. Dass wir Unterstützungsleistungen zahlen.

Anderen wiederum liegt auch daran, an Maßnahmen der EKD direkt mitzuwirken, was unbedingt zu begrüßen ist, aber nicht immer mit Zeitplänen und Gremienbeteiligungen zu vereinbaren ist. Das gelingt uns an bestimmten Punkten einfach noch nicht gut genug. Deswegen ja haben wir auf der EKD-Ebene einen Betroffenenbeirat eingesetzt.

Was haben Sie selbst denn in Ihrer Zeit als Beauftragte für den Missbrauch gelernt?

 Ich selbst habe am meisten gelernt durch meine Gespräche mit Betroffenen, was die Sprachsensibilität und behutsames Vorgehen angeht, aber auch, wie schnell Vertrauen wieder verloren gehen kann. Ich bin seit zehn Jahren mit Betroffenen im engsten Gespräch – und die Individualität jeder einzelnen Geschichte birgt immer auch die Gefahr, dass man genau das Falsche sagt und tut.

Das Letzte, was ich möchte, ist, dass die Betroffenen noch einmal verletzt werden. Aber es ist passiert, da gibt es nichts zu beschönigen – und alles, was wir tun können, um dies zukünftig zu verhindern, wollen wir auch versuchen.

Wie nehmen Sie die Situation Ihres katholischen Kollegen Stefan Heße wahr? Würden Sie an seiner Stelle zurücktreten?

Ich bitte um Verständnis, dass ich mich nicht zur katholischen Kirche äußere. Es wäre unangebracht, anderen an dieser Stelle Ratschläge zu geben.
 

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen