Sylter Bahnverkehr : Großer Bahnhof für „Anne“

Zahlreiche geladene Gäste waren gestern Mittag zur Loktaufe in den Kieler Ostuferhafen gekommen. Fotos: Marcus Dewanger
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Zahlreiche geladene Gäste waren gestern Mittag zur Loktaufe in den Kieler Ostuferhafen gekommen. Fotos: Marcus Dewanger

Taufe für RDC-Lok in Kiel / Etwas weniger Zugausfälle auf der Marschbahn / Pendler fordern Beibehaltung der Maluszahlung

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25. Juni 2018, 15:48 Uhr

Ein kurzer Ton aus der mitgebrachten goldenen Pfeife und dann sagt Henry Posner III. die beiden einzigen Wörter auf deutsch: „Abfahren bitte.“ Kurz danach tauft der US-Amerikaner die neue Lok für den Autoreisezug nach Sylt auf den Namen seiner Frau Anne. „Ich hoffe, dass wir mit der neuen Lok noch mehr Kontinuität und mehr Auslastung auf einer der attraktivsten Strecken der Welt bekommen“, sagt Posner, der die Verbindung von Niebüll nach Westerland als Chef der „Railroad Development Corporation“ betreibt und extra aus den USA zu der Taufe in den Kieler Ostuferhafen gekommen ist.

„Das ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP). „Ich hoffe, dass wir auf der Strecke eine hohe Stabilität im Verkehr bekommen, denn die war ja in der Vergangenheit nicht wirklich gut.“

Einige Meter von Buchholz entfernt steht Achim Bonnichsen, Sprecher der Pendlerinitiative auf der Marschbahn. Er weiß, wie eng der Verkehr zwischen Hamburg und Westerland getaktet ist – neue Züge sind auch immer ein Risiko: Wenn eine Bahn ausfällt oder liegen bleibt, ist gleich eine Reihe anderer Züge verspätet. Und das auch wieder im Juni: Laut Statistik der landeseigenen Gesellschaft Nah.SH lag die Pünktlichkeit zwischen Hamburg und Westerland in der vorvergangenen Woche bei 71 Prozent, zwischen Niebüll und Westerland sogar nur bei 49 Prozent. Erst gestern gab es wegen eines Defekts im Stellwerk Itzehoe wieder Verspätungen und Zugausfälle.

Zwar haben sich die Durchschnittswerte im Juni etwas gebessert – „aber wir sind immer noch meilenweit entfernt von den vertraglich vereinbarten 93 Prozent Pünktlichkeit auf der Strecke“, sagt Bonnichsen. Deswegen hat Buchholz in den vergangenen Monaten Strafzahlungen verhängt, zuerst 250 000 Euro, zuletzt 350 000 Euro, weil die Zahl der Zugausfälle zugenommen hatte. Die immerhin ist im Juni wieder zurückgegangen, weshalb Buchholz über eine Reduzierung der Strafzahlungen nachdenkt. Das Geld will er allerdings weiter in vollem Umfang an die Pendler weitergeben. „Ich finde es fair, dass man Strafzahlungen erhöht, wenn eine vertraglich zugesicherte Leistung noch einmal schlechter wird – im gleichen Maße aber auch anerkennt, wenn sie wieder besser wird“, sagt Buchholz, der allerdings die endgültigen Zahlen für Juni abwarten will. Die DB hat laut Buchholz bislang nicht auf seine Drohung reagiert, einen Teil der Verträge für die Marschbahn zu kündigen, sollte die nicht pünktlicher werden – allerdings liefen Gespräche mit Nah.SH, „die erklären sollen, was ich damit meine.“

Für Achim Bonnichsen wäre eine Reduzierung der Strafen ein falsches Signal. „Wir müssen den Druck auf die Deutsche Bahn sogar noch erhöhen. Was bringen uns ein paar Prozent weniger ausgefallene Züge? Die Situation auf der Marschbahn bleibt katastrophal.“ Jetzt wanderten die Fachkräfte von der Insel ab. „Im kommenden Sommer werden die Touristen fehlen, weil sie die Verkehrssituation nicht mehr mitmachen.“

Bonnichsen fordert, dass Bahnchef Richard Lutz nach Sylt kommen soll, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Außerdem will der Pendler in Berlin bei Verkehrs-Staatssekretär Enak Ferlemann weiter auf die schwierige Lage auf Sylt hinweisen. Wie die gelöst werden kann – das weiß auch er nicht. Oder doch? Kurz schaut Bonnichsen zu Henry Posner hinüber. „Vielleicht hat er ja Interesse an der Marschbahn?“

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