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13. Dezember 2017 | 22:03 Uhr

Giftige Raupe erobert den Norden

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Eichenprozessionsspinner ist eingewandert – Experten sagen: In Schleswig-Holstein wird es gefährlich in Wald und Flur

shz.de von
erstellt am 05.Mai.2014 | 16:11 Uhr

Er ist klein, behaart und äußerst gefährlich: Die Saison des Eichenprozessionsspinners hat begonnen. Wenn die grauen Raupen des Nachfalters schlüpfen, bilden sie schon bald ihre giftigen Brennhaare, die bei Joggern, Spaziergängern oder spielenden Kindern juckende Hautausschläge und schmerzhafte Entzündungen auslösen können. In den vergangenen Jahren hat sich die Giftraupe in Deutschland teils massenhaft vermehrt. Auch nach Schleswig-Holstein sind die Tiere inzwischen eingewandert.

Wer mit den feinen Gifthärchen in Berührung kommt, muss mit Hautausschlägen und starkem Juckreiz rechnen, die tagelang anhalten können. Bei sehr empfindlichen Menschen lösen die feinen Härchen sogar allergische Schockreaktionen aus, die zu Atemnot und lebensbedrohlichen Asthmaanfällen führen können.

Das Herzogtum-Lauenburg gilt laut Julius-Kühn-Institut für Pflanzenkunde als befallen, ebenso die Hansestadt Hamburg. In der vergangenen Woche wurden im Stadtpark Winterhude zehn Bäume mit Fadenwürmern besprüht, um die giftigen Raupen zu töten. Dr. Malgorzata Rybak, Chefin des Hamburger Pflanzenschutzamts: „2012 hatten wir die Nester zerstört. Ohne großen Erfolg. Wir hoffen, dass die Fadenwürmer effektiver sind.“ Der Aufwand ist begründet. „Im Umkreis von 500 Metern um ein Gespinst der Raupe gibt es bei sechs Prozent der Bevölkerung Symptome“, erklärt Dr. Birger Heinzow vom Kieler Landesamt für soziale Dienste, Abteilung Gesundheitsschutz. Dazu zählen Schwindel, Fieber, Durchfall und ein starkes Krankheitsgefühl. Das Nesselgift Thaumetopoein lässt die roten Blutkörperchen aufblähen. Es steckt in den 0,1 bis 0,2 Millimeter langen, hohlen Brennhaaren, die mit Widerhaken besetzt sind. Rund eine Million besitzt jede Raupe davon. Beim ersten Kontakt kommt es zu starken Hautausschlägen, die erst nach zwei Wochen aufhören zu jucken. Kratzt sich der Betroffene, geraten die Härchen noch tiefer in die Haut. Werden die Haare eingeatmet oder geraten in die Augen, kommt es zu Entzündungen. Lebensgefährlich wird es bei einem zweiten Kontakt: Dann sind heftige Reaktionen möglich, von Atemnot bis zum allergischen Schock. „Die Raupe ist sogar in der Lage, ihr Nesselgift durch Muskelkontraktion freizusetzen. Das sieht aus wie Staub oder Puder, wirkt aber wie ein Schrotschuss,“ sagt Heinzow. Tückisch: Selbst die Brennhaare von toten Raupen behalten über zwei Jahre lang ihre toxische Wirksamkeit und werden vom Wind oft weit verweht. Verlassene Gespinstnester sind bis zu fünf Jahre lang eine Gefahr.


Bundesinstitut testet Gift-Drohne


Der Eichenprozessionsspinner stammt aus Süddeutschland und wandert seit den 90er Jahren in Richtung Norden. Der Name des Tieres geht darauf zurück, dass die Raupen im „Gänsemarsch“ zu ihren Nahrungsplätzen wandern. Das sind hauptsächlich Eichen, gelegentlich aber auch andere Baumarten wie die Hainbuche. Die Raupe braucht Wärme und Sonnenlicht. Befallen werden daher vor allem einzeln stehende Bäume: In Parks, Alleen oder an Waldrändern. Im Mai schlüpfen die Raupen aus dem Ei und beginnen zu fressen, zur Häutung ziehen sie sich stets in ihre Gespinste zurück. Ab dem dritten von sechs Larvenstadien, also Mitte Mai bis Mitte Juni, besitzen sie ihre giftigen Brennhaare.

In anderen Bundesländern wird bereits Gift aus Hubschraubern versprüht, um die Raupe zu töten. Die Kosten steigen von Jahr zu Jahr. So hatte Mecklenburg-Vorpommern 2010 rund 70 000 Euro für die Bekämpfung ausgegeben, 2013 waren es schon 818 000 Euro. Umweltverbände lehnen flächendeckende Spritzeinsätze aus der Luft strikt ab. Bei Paplitz in Südbrandenburg testete das Bundesinstitut für Risikobewertung deshalb gemeinsam mit dem Julius-Kühn-Institut eine Hubschrauber-Drohne, die im innerstädtischen Bereich Biozid gezielt auf einzelne Bäume versprühen soll. 24 Liter kann der 65 Kilogramm schwere Kleinhubschrauber bei jedem Einsatz tragen. „Auch ein Absaugen der Gespinste und Raupen mit speziellen Großstaubsaugern ist möglich“, erklärt Heinzow. „Die Mitarbeiter von Spezialfirmen tragen dabei Schutzkleidung, die jener bei der Asbestbeseitigung entspricht.“

Obwohl die Raupe in Schleswig-Holstein erst am Anfang ihres Einmarsches steht, wird sie nicht gezielt bekämpft. „Es gibt keine vorbeugenden Maßnahmen gegen den Eichenprozessionsspinner“, sagt Nicola Kabel, Sprecherin im Umweltministerium. Ob das fahrlässig ist, darüber kann man streiten. Birger Heinzow erklärt: „Man wird die Ausbreitung nicht verhindern können.“ Außerdem gelte: „Der Befall eines Baumes im Wald ist harmlos, an einem Spielplatz nicht.“

Deshalb setzt Schleswig-Holstein auf Aufklärung. „Kommunen, Ärzte und Forstverwaltungen wurden informiert, sollen einen Befall sofort melden“, so Kabel. Dann könnten befristete Zugangsverbote erlassen oder Warnschilder aufgestellt werden. Wie in Hamburg können die Ordnungsbehörden sich auch für eine örtliche Bekämpfung entscheiden, wenn in bewohnten Gebieten die Bevölkerung gefährdet ist. Das Julius-Kühn-Institut hält das Pflanzenschutzmittel Dipel ES für das schonendste Mittel. Es enthält ein Bakterium dessen Stoffwechselprodukte im Darm der Raupe toxisch wirken. Wirksam sind auch Häutungshemmer wie Neem oder Dimilin. Ob die Behandlung mit den Fadenwürmern in Hamburg erfolgreich ist, wird sich erst Ende Mai zeigen.

„Die beste Therapie ist, betroffene Gebiete zu meiden“, betont Heinzow. Und am Herzen liegt ihm: „Kinder sollten durch ihre Eltern oder Lehrer auf die Gefahr hingewiesen werden.“ Auch bereits verlassene Nester sowie tote Raupen dürften auf keinen Fall berührt werden.

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