WOA 2018 : Geplatzter Wacken-Traum: Zu arm für die Einreise nach Deutschland

Aufgewachsen sind die Jungs von „Doch Chkae“ in den Slums von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh.
Aufgewachsen sind die Jungs von „Doch Chkae“ in den Slums von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh.

Die Death-Metal-Band Doch Chkae aus Kambodscha hatte einen Traum – doch die Deutsche Botschaft durchkreuzt ihre Pläne.

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01. August 2018, 16:12 Uhr

Wacken | Für die kambodschanische Death-Metal-Band Doch Chkae (sprich: Dusch Gai) hätte ein Lebenstraum in Erfüllung gehen können: Die Wacken-Macher hatten die vier Musiker, davon drei Waisenkinder, eingeladen, auf dem diesjährigen W:O:A aufzutreten. Doch die Behörden machten den aufstrebenden Talenten aus den Slums einen Strich durch die Rechnung.

Die Gruppe durfte nicht nach Deutschland einreisen, weil die Jugendlichen zu arm sind. W:O:A-Pressesprecher Gunnar Sauermann bestätigte einen entsprechenden Bericht der „Bild“-Zeitung. „Es ist sehr bedauerlich, dass die Gruppe nicht beim Festival dabei sein kann“, sagte er. „Eine junge Band, die durch den Metal den Weg aus der Krise gefunden hat – das hätte sehr gut zum W:O:A gepasst.“

Abfall sammeln für den Lebensunterhalt

Die drei Waisen Theara, Vichey und Hing sind 19, 17 und 16 Jahre alt. Die Zahlen sind nur geschätzt, weil sie erst, als sie ins Kinderheim kamen, ihre ersten Ausweispapiere erhielten. Sie wuchsen in den Slums der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh auf – unweit der landesgrößten Müllhalde. Lange verdienten sie sich mit dem Sammeln von Abfällen ihren Lebensunterhalt. Eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit: Nach einem Bericht des Jugendmagazins „Fluter“ starb der Vater von Gitarrist Vichey, nachdem ihn ein Mülllaster während des Mittagsschlafs überrollt hatte.

Trotz eines großen Wirtschaftswachstums leben in Kambodscha 30 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Von dem Terrorregime der nationalistischen Roten Khmer in den 70er Jahren hat sich das Land noch immer nicht erholt. Die Erinnerung an den damaligen Genozid, dem mindestens 1,7 Millionen Menschen zum Opfer fielen, sitzt immer noch tief in den Köpfen der Menschen.

Metal verändert alles

Der Metal sollte im Leben von Theara, Vichey und Hing, die im Heim immer wieder als Problemkinder auffielen, eine Wende bringen. Um sie auf andere Gedanken zu bringen, nahm sie ihr Betreuer, der Schweizer Timon Seibel (38), im Jahr 2014 mit auf das Konzert einer Deatchcore-Band in der Stadt. Der Abend wurde für die drei Jugendlichen zum Schlüsselerlebnis: Wie wild begannen sie, Youtube-Videos anzuschauen und sich mit Heavy Metal zu beschäftigen.

Mit Vichey an der Gitarre, Hing am Schlagzeug und Theara als Sänger gründeten sie ihre eigene Band. Seibels Schwager Sochetra (15) ergänzte die Truppe wenig später als Bassist. Ihr Name „Doch Chkae“ bedeutet übersetzt so viel wie „Hundeleben“. Mit teils morbiden Texten – alle in der Landessprache Khmer – sorgen sie für Provokationen in Kambodscha, wo Death Metal bislang kaum verbreitet ist.

Zu arm für die Einreise

Als vor einigen Monaten die Einladung vom W:O:A kam, ging für die Jungs ein Traum in Erfüllung. Erstmals in ihrem Leben bekamen sie Reisepässe, deren Foto sie begeistert auf Facebook posteten: „Wacken, wir kommen.“ Doch kurz darauf lehnte die deutsche Botschaft ihre Visa für fünf Tage Aufenthalt ab. Die Kinder seien nicht ausreichend ökonomisch in Kambodscha verwurzelt, weswegen eine Absicht zurückzureisen nicht erkannt werden könne, sagte der zuständige Sachbearbeiter auf Anfrage der „Bild“-Zeitung.

Dass das Festival für alle Kosten aufgekommen wäre und Timon Seibel, der mittlerweile der Manager der Band ist, versichert hatte, den Jungs während ihres Aufenthalts nicht von der Seite zu weichen, reichte offenbar nicht aus. „Um Träume zu erfüllen, braucht man offenbar ein gut gefülltes Bankkonto“, sagte er traurig.

Zahlreiche W:O:A-Fans reagierten mit Wut und Enttäuschung auf die Absage der Behörde. Ein von Seibel initiierte Petition auf der Plattform change.org hat inzwischen über 1600 Unterzeichner. Die W:O:A-Veranstalter versicherten, dran zu bleiben: „Wir haben Doch Chkae bereits unsere Einladung für das Festival 2019 ausgesprochen“, so Gunnar Sauermann.

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