Prozessauftakt in Kiel : Geldtransporter ausgeraubt: Fahrer und Komplize vor Gericht

Die Angeklagten: Fahrer Marcin J. (l.) und Komplize Jacek M. sollen 2,4 Millionen Euro gestohlen haben.
Die Angeklagten: Fahrer Marcin J. (links) und Komplize Jacek M. sollen 2,4 Millionen Euro gestohlen haben.

Die mutmaßlichen Täter gaben das Geld mit vollen Händen aus. Im Ski-Urlaub klickten dann die Handschellen.

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04. September 2018, 06:36 Uhr

Kiel | Hinter dem Richtertisch steht eine Leinwand. Darauf wird gezeigt, was die Staatsanwaltschaft als ein schlechtes Schauspiel werten dürfte: Das Entladen des Geldtransporters – inklusive jenes Moments, in dem klar wird, dass drei Boxen mit über 2,4 Millionen Euro fehlen. Auf dem Video der Überwachungskamera schaut Fahrer Marcin J. (41) suchend in jede Ecke, zuckt mit den Schultern, diskutiert mit seinem Beifahrer und greift schließlich zum Telefon, um den Verlust zu melden.

Am Montag wurde er in Handschellen in Saal 232 des Kieler Landgerichts geführt. Gemeinsam mit Möbelpacker Jacek M. (48), einem Freund aus Kindertagen. Die beiden Männer sollen für den spektakulären Millionen-Coup auf dem Weg von Hamburg nach Kiel verantwortlich sein. Weil Marcin J. als Dienstwaffe einen Revolver vom Typ Magnum 357 bei sich trug, wirft die Anklage ihnen einen besonders schweren Fall des gemeinschaftlichen Diebstahls mit Waffen vor. Darauf stehen bis zu zehn Jahre Haft.

Ein nicht genehmigter Halt an einer Tankstelle

Staatsanwalt Florian Müller-Gabriel: „Der Geldtransporter machte an der Esso-Tankstelle in Kirchbarkau an der B404 einen vom Arbeitgeber nicht genehmigten Halt. Der Angeklagte Marcin J. bat seinen Beifahrer, in der Tankstelle Kaffee zu holen. Anschließend fuhr er rückwärts in einen nicht einsehbaren Bereich, wo der Angeklagte Jacek M. mit seinem Fahrzeug wartete.“ Laut Staatsanwaltschaft luden die Männer dort drei Alu-Geldboxen um. Nach Informationendes sh:z gibt es davon allerdings keine Filmaufnahmen.

Marcin J. hörte sich die Anklage mit versteinerter Mine an, Jacek M. hielt den Kopf gesenkt. Beide wollen sich nicht zu den Vorwürfen äußern. „Das steht einem pauschalen Bestreiten der Anklage gleich“, sagte Rechtsanwalt Martin Schaar und fügte hinzu: „Für die Verteidigung ist der Sachverhalt in rechtlicher Hinsicht auch eher eine Unterschlagung und nicht ein Diebstahl mit Waffen.“

Beide Männer wurden Tag und Nacht observiert

Nach dem Verschwinden der Geldkassetten hatte die Firma „Prosegur“ Fahrer und Beifahrer gefeuert. Beide Männer wurden Tag und Nacht observiert, verdächtig machte sich jedoch nur einer: der Fahrer. Marcin J. und Kumpel Jacek M., beide aufgewachsen in der polnischen Kleinstadt Lomza, gaben reichlich Geld aus. Die Fahnder folgten den Tatverdächtigen sogar zu einem Ski-Urlaub in die Schweiz, waren sich schließlich sicher: Wir haben sie – und die Millionen sind in zwei Autos und einem Wohnmobil versteckt.

„Wie die Tat letztlich von uns vermeintlich aufgeklärt worden ist, das wird noch Gegenstand der Beweisaufnahme sein“, sagte der Staatsanwalt. Das Gericht hat dafür sechs weitere Verhandlungstage geplant und 17 Zeugen geladen. Auch Anwälte von „Prosegur“ sitzen im Gerichtssaal. Da ein fünfstelliger Betrag der Beute fehlt, wollen sie ihre Schadensersatzansprüche gleich im Strafverfahren geltend machen. Das Urteil soll im November gesprochen werden.

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