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Gefängnisse richten sich auf ältere Häftlinge ein

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Demografischer Wandel macht auch vor Kriminellen nicht halt – hinter Gittern gibt es Duschhocker und Seniorengymnastik

shz.de von
erstellt am 08.Apr.2014 | 18:49 Uhr

Kriminalität ist kein Privileg der Jugend. Auch Ältere betrügen, morden und vergewaltigen – und sitzen deshalb noch im hohen Alter hinter Schloss und Riegel. Das Bundeskriminalamt registrierte 2012 insgesamt 152 000 Tatverdächtige über 60 Jahre. Die Zahl hat innerhalb eines Jahrzehnts um gut acht Prozent zugenommen, nicht etwa weil die Senioren krimineller werden, sondern weil ihr Anteil in der Bevölkerung steigt.

Auch in Schleswig-Holsteins Kittchen sitzen etliche Senioren. So bestätigt das Kieler Justizministerium jetzt, das allein in Lübeck sieben Männer ihre Strafe verbüßen, die ihren 70. Geburtstag bereits hinter sich haben. 15 sind über sechzig. „Zwar stellt man im Norden noch keine dramatische Zunahme der Seniorenkriminalität fest, richtet sich jedoch schon jetzt auf die Bedürfnisse älterer Inhaftierter ein“, lobte gestern der FDP-Politiker Heiner Garg die schon vor Jahren eingeleitete Strategie des Ministeriums. So wird für den Seniorensport im Lübecker Männervollzug eigens ein dafür ausgebildeter Lehrer gesucht. Und dort, wo es nötig ist, wird auch ein Fahrstuhl im Knast eingebaut, um gehbehinderten Verurteilten die nötige Mobilität zu erhalten. In der JVA Lübeck wird noch in diesem Jahr eine Abteilung ausschließlich für ältere Gefangene mit längeren Freiheitsstrafen eingerichtet.


Altersgerechter Innenhof


„Beim Umbau wird der höhere Platzbedarf der älteren Menschen berücksichtigt“, teilt das Ministerium mit. So gibt es in der Zelle einen Sessel und in der Dusche Hocker und zusätzliche Griffe. Die rollatorgerechte Abteilung mit sechs Haftplätzen befindet sich im Erdgeschoss, von wo aus ein altersgerecht gestalteter Freistundenhof barrierefrei zu erreichen ist.

Dass der demografische Wandel längst die Gefängnisse erreicht hat und sie teilweise zu Altersheimen macht, ruft auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) auf den Plan. „Aufgrund einer älter werdenden Gesellschaft werden wir auch vermehrt ältere Straftäter haben“, sagte Oliver Malchow, lange GDP-Chef in Schleswig-Holstein und seit einem Jahr Bundesvorsitzender. Ältere blieben immer länger rüstig und in der Lage, Straftaten zu begehen. Die Gewerkschaft fordert deshalb mehr Fortbildungen für Polizei und Justiz für den Umgang mit straffälligen Senioren. „Wie geht man zum Beispiel mit Demenz um, wenn ein alter, gebrechlicher Mann noch die Kraft hatte, seinen Zimmernachbarn zu töten?“, fragte Malchow kürzlich.

Auch die Kosten für die medizinische Betreuung der Inhaftierten steigen mit dem Alter. „Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit mit Pflegestufe ist keine Seltenheit mehr“, gibt Garg zu Bedenken und fordert auch hier entsprechende Vorsorge.

Einige der Opas hinter Gittern (Knast-Omas gibt es kaum) haben sich erst im hohen Alter etwas zu Schulden kommen lassen. Beliebt bei Senioren sind vor allem Eigentumsdelikte wie Ladendiebstähle, was nach Ansicht von Experten mit der Zunahme der Altersarmut zu tun haben könnte. Besonders häufig finden sich Verdächtige über 60 in den Kriminalitätsstatistiken auch bei Delikten wie Beleidigung, Nötigung, Hausfriedensbruch und Tankbetrug. Die meisten Knastsenioren sind allerdings schon seit ihrer Jugend immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten und haben immer wieder „gesessen“. Resozialisierung im hohen Alter macht nach Ansicht von Experten jedoch keinen Sinn. In Baden-Württemberg hat man daraus den Schluss gezogen, ein eigenes Seniorengefängnis einzurichten – für Ü60-Knackis.

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