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Gedenkstättenbesuch soll Pflicht werden

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung will Schleswig-Holstein das Aufarbeiten der Nazi-Diktatur stärker unterstützen und professionalisieren

Verschweigen, verdrängen, verharmlosen – darauf hat Schleswig-Holstein lange gesetzt, wenn es um die Bewältigung der braunen Vergangenheit des Landes ging. Nur dank des Engagements zahlreicher ehrenamtliche Initiativen wurden KZ-Gedenkstätten eingerichtet und die Erinnerungskultur gepflegt. Dass sie bis vor Kurzem mit 60 000 Euro pro Jahr aus dem Landeshaushalt abgespeist wurde, findet Kultusministerin Anke Spoorendonk (SSW) „mehr als erbärmlich“. Sie startet jetzt eine Initiative, um angesichts des anstehenden Generationswechsels die Erinnerung an die von Norddeutschland ausgehenden Greueltaten in der NS-Zeit wachzuhalten. So soll es – wenn es nach Spoorendonk geht – für Schüler „Pflicht werden, eine Gedenkstätte zu besuchen“. Gespräche mit dem Ziel, „dass die Lehrpläne für die Schulen in Schleswig-Holstein dies künftig verbindlich vorsehen“, habe sie bereits mit dem Bildungsministerium geführt. Andere Bundesländer seien dabei Vorbilder.

Möglich wäre zum Beispiel ein Besuch in der nordfriesischen KZ-Gedenkstätte Ladelund. Für die Modernisierung der Ausstellung macht sich Spoorendonk jetzt stark und hat 500 000 Euro dafür vorgesehen. Vier Millionen Euro will sie sogar für die Einrichtung eines Museums in der restaurierten Neulandhalle im Dithmarscher Dieksanderkoog an der Elbmündung ausgeben. Dort soll in der nicht unter Denkmalschutz stehenden NS-Trutzburg – gebaut im Stil eines Haubargs – ein historischen Lernort entstehen, „um die Mechanismen völkischer Propaganda und ideologischer Verführbarkeit heutigen Generationen zu vermitteln“. Das sei auch deshalb nötig, weil immer mehr Zeitzeugen verstummen und spätere Generationen – „nicht nur Jugendliche“ eine Antwort auf die Frage erwarten: „Wie konnte das passieren?“, und „Warum haben so viele mitgemacht?“. Die Neulandhalle sei zwar „kein Täterort und auch keine Opfer-Gedenkstätte“ aber sie sei ein Zeugnis, wie bei den Volksgruppen „die Zustimmungsdiktatur der Nazis funktioniert hat“. Die Neulandhalle entstand 1933 im „Adolf-Hitler-Koog“. Für 92 Bauern wurde auf dem der See abgetrotzten Gelände eine NS-Mustersiedlung errichtet. Viele wussten damals nicht, dass der Landgewinnung durch Deichbau die Landgewinnung durch Krieg und Massenmord folgte.

Am 6. September will Spoorendonk die Konzepte für das KZ-Ladelund, in dem 1944 über 300 Jungen und Männer ums Leben kamen, und für die Neulandhalle in Berlin vorstellen – in der Hoffnung, dass die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ jeweils die Hälfte der Projektkosten übernimmt.

Am Wochenende wird zudem eine Ausstellung in der Schleswig-Holstein-Vertretung in der Bundeshauptstadt eröffnet. In der Einladung dazu heißt es zur Neulandhalle: „Als Stätte einer ideologisch aufgeladenen, baulich und programmatisch ausgedrückten Manifestation der Volksgemeinschaft sowie des Lebensraumprogramms inszenierte hier das NS-Regime seine publikumswirksamen Schauseiten.“

Bis 2017 sollen die Projekte Neulandhalle und Ladelund realisiert werden. Dabei setzt Spoorendonk auf wissenschaftliche Begleitung der Uni Kiel und Flensburg. Die Trägerschaft – sowohl Neulandhalle als auch Ladelund gehören der Kirche – soll künftig auf eine breitere Basis gestellt werden. Der Grund: Die Generation der „Gründer“ zieht sich langsam zurück und die Jugend habe – was die Vergangenheitsbewältigung angehe – heute eine andere Herangehensweise. „Deshalb müssen wird das Ehrenamt stärker unterstützen und professionalisieren.“ Spoorendonk weiter: „Wir können Gedenkstätten nicht privatisieren, als Land müssen wir für das kulturelle Erbe Verantwortung übernehmen.“

Die 2002 gegründete „Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten“ habe die Erwartungen leider nicht erfüllt. Deshalb sei jetzt ein landesweites Konzept nötig – wie im Koalitionsvertrag gefordert. Dass das Land nach der Kapitulation lange die Gedenkstättenarbeit vernachlässigt habe, liegt nach Ansicht der Ministerin auch an einer „zweiten braunen Vergangenheit“ im Norden nach dem Krieg. Wichtig sei es deshalb, nicht nur die Zeit zwischen 1933 und 1945 in den Gedenkstätten zu thematisieren sondern auch die Zeit davor und danach.

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erstellt am 03.Sep.2013 | 00:33 Uhr

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