Ganz entspannt mit Rückenwind

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Einfach der Nase nach oder lieber mit dem GPS-Navi unterwegs? Experte Thomas Möller hat Tipps für Radfahrer

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06. Juli 2018, 15:30 Uhr

Den Sommer auf dem Fahrrad genießen. Durch Seenlandschaften, Wälder, beschauliche Dörfer oder auf Deichwegen radeln – da gibt es viele Möglichkeiten. Thomas Möller, Landesvorsitzender des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) in Schleswig-Holstein, schätzt besonders entspanntes, familienfreundliches Radfahren. In einer Serie informieren wir über neue Radfahrtrends und stellen an weiteren Erscheinungstagen besondere Routen durch das Land vor.

Herr Möller, fährt man im Küstenland Schleswig-Holstein eigentlich anders Rad? Der Wind weht ja angeblich immer von vorn.
Thomas Möller: Ich denke schon, dass man in unserer Region auf Radtouren und -ausflügen mehr auf Wind und Wetter achtet. Richtung und Stärke des Windes spielen bei der Streckeneinteilung durchaus eine Rolle. Ich mache es gerne so, dass ich den Hinweg bewusst mit Gegenwind fahre und auf der Rücktour dann den Rückenwind genieße. Wenn sich der Wind allerdings zwischenzeitlich gedreht hat…


…hat man schon wieder Gegenwind. Gibt es überhaupt ein ideales Radtourenwetter?
Da hat natürlich jeder so seine Vorlieben, aber mein Lieblingsradfahrwetter sind sommerliche mittlere Temperaturen, Sonnenschein garniert mit einigen Wolken und eine leichte Brise – herrlich. Bei der Auswahl der Strecke kann man natürlich auch selber für Schatten sorgen, wenn es zu warm oder zu pustig ist. Wege, die durch Knicks und Wälder führen, sind dann ideal. Meint die Sonne es zu gut, geht es per Zwischenstopp an den Strand für ein erfrischendes Bad. Und wenn es unterwegs Schauer gibt, macht man eben im Café oder im Museum halt.


Digitalisierung ist allerorten ein Thema. Gilt das auch für Radtouren?
Für die Orientierung auf Ausflügen nutzen laut Umfrage interessanterweise 60 Prozent der Radfahrer ganz analog die Wegweiser an der Strecke. Auch die gute, alte Fahrradkarte aus Papier tut noch ihren Dienst für ein Viertel der Befragten. Andererseits fahren jeweils rund 30 Prozent mit Unterstützung durch Apps und das Internet. Ein weiteres Drittel ist mit speziellen GPS-Geräten für Räder unterwegs. Da ist also durchaus ein digitaler Trend erkennbar.


Und was bevorzugen Sie?
Ich persönlich würde die analoge Variante wählen, also die Fahrradkarte mitnehmen. So ein Smartphone-Akku ist ja doch irgendwann leer; besonders die Satelliten-Navigation gilt als Energiefresser. Zwar gibt es sogenannte Powerbanks und Möglichkeiten der Aufladung per Nabendynamo, aber das hat ja nicht jeder parat. Ich denke, man sollte beides kombinieren: Wenn man sich verfahren hat oder die Strecke kurzfristig ändern will, hilft der Blick aufs mobile Endgerät.


Mehr als die Hälfte der Radler verlässt sich also auf die Beschilderungvor Ort.
Eine gut ausgeschilderte Wegeführung ist in der Tat sehr wichtig. Das macht für die meisten Radler schon die Erlebnisqualität einer Tour aus. Leider sind andere Bundesländer da besser aufgestellt. Die Schilder sind oft zu klein oder zu unauffällig, mangels ausreichender Wartung mit Algen zugewachsen, uneindeutig oder nicht häufig genug platziert.


Hört man sich unter Radlern um, gibt noch weiteren Verbesserungsbedarf.
Radfahrer wünschen sich, dass das Streckennetz weiter ausgebaut und optimiert wird. Zum Beispiel durch breitere Radwege. Bestehende Wege sollten von Schlaglöchern und Unebenheiten befreit werden. Wer beim Fahren ständig nach unten blicken muss, sieht von der Landschaft nichts. Das beeinträchtigt den Fahrkomfort, aber vor allem auch die Sicherheit.


Was konkret unternimmt Ihr Verein?
Wir setzen uns intensiv dafür ein, dass die Bedingungen zum Radfahren im Alltag und für den Tourismus hierzulande besser werden. Dazu sind wir momentan im Gespräch mit dem Wirtschafts- und Verkehrsministerium, damit eine Landesstrategie zur Förderung des Radfahrens erarbeitet und dann zügig umgesetzt wird.

Wenn ich eine Radtour machen möchte – was kann der ADFC für mich tun?
Wir beraten gerne zu Tagesausflügen oder Kurzreisen. Bei Übernachtungen empfehlen wir Bett+Bike-Unterkünfte. Diese zertifizierten Betriebe sind auf die besonderen Bedürfnisse von Radfahrenden eingestellt. Und mit unseren Tourenleitern können Sie zusammen die Umgebung erradeln und erleben. Auch Urlaubsgäste sind natürlich herzlich willkommen.


Haben Sie Tipps für Strecken abseits der populären Pfade?
Da empfehle ich, auch mal eine Radtour durch das Binnenland zu machen und dort das ursprüngliche Schleswig-Holstein zu entdecken. Wer mit der Familie auf Tour ist, wird die Radwege entlang des Nord-Ostsee-Kanals mögen. Besonders Kinder finden das toll. Es gibt wenig Autoverkehr, die Wege sind gerade und haben kaum bis gar keine Steigung. Imposante Schiffe ziehen gemächlich vorbei. Das ist erlebnisreiches und geruhsames Radeln zugleich.


Ihre Kinder sind drei und fünf Jahre alt und fahren schon selber Fahrrad – was raten Sie Eltern mit kleinen Kindern bei der Tourenplanung?
Das ist eigentlich wie bei anderen Ausflügen auch. Wichtig ist, für die Lütten interessante Ziele zu setzen. Das kann ein toller Spielplatz, Eisessen, Baden oder auch eine besondere Überraschung sein. Ich achte darauf, dass die Fahrt nicht zu anstrengend wird, das unterschätzt man als Erwachsener oft. Aber auch wenn man nicht so weit herumkommt, durch diese kindgemäße Entschleunigung erleben Sie so manches mit neuem Blick. Man hält an, um eine Kuh zu streicheln, eine Wiesenblume zu pflücken oder mit den Füßen im Wasser zu plantschen.


Wohin führt Ihre nächste Radtour?
Je nach Wetter, Lust und Laune fahren wir entweder ins Nachbardorf Kollmoor zum Kühe- und Pferde-Gucken, zum Freibad nach Lägerdorf oder zum nächstgelegenen Dorf-Café zum Kuchenessen.

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