Funkstille beim Havarie-Kommando

Nach drei Jahren funktioniert UKW-Funkverkehr erst jetzt wieder / Weiter kein Radar und Schiffsortungssystem

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06. März 2019, 22:43 Uhr

Der Untersuchungsbericht zur Strandung der „Glory Amsterdam“ vor der Insel Langeoog im Oktober 2017 ist 192 Seiten lang – und enthält eine unglaubliche Erkenntnis.

Akribisch berichtet die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchungen (BSU) von ihren Ermittlungen, stellt Daten, Karten, Berechnungen und Ergebnisse von Befragungen zusammen. Die Havarie hatte mehrere Ursachen: Die Verständigungsschwierigkeiten mit dem chinesischen Kapitän ist nur eine. Und: Der frühzeitige Einsatz eines Boarding Teams an Bord des Havaristen hätte die Kommunikation zwischen Havarist und Schlepper deutlich leichter gemacht und die Strandung vielleicht verhindern können.

Doch nicht nur Havaristen und Retter müssen miteinander kommunizieren können: Koordiniert werden sollen solche „komplexen Schadenslagen“ von dem Havarie-Kommando in Cuxhaven, das als Reaktion auf die „Pallas“-Katastrophe im Jahr 1998 für genau solche Fälle gegründet worden war. Nur: Die Nautiker im Havarie-Kommando sind im Blindflug unterwegs.

Wie auf Seite 159 des Berichts festgestellt wird, verfügte das Havariekommando in seinem hochmodernen Lagezentrum nicht über die Möglichkeit, am UKW-Funkverkehr teilzunehmen. Was Verkehrszentrale, Notschlepper, Havarist und Seenotretter untereinander funkten, bekamen die Nautiker des Havarie-Kommandos nur aus zweiter Hand mit – per Telefon, Fax oder E-Mail. Auch Echtzeit-Daten der Verkehrszentrale über Radar und das Schiffsortungssystem AIS kann der Havariestab nicht verfolgen. Missverständnisse, falsche Annahmen und fehlerhafte Schlussfolgerungen sind das Ergebnis – stille Post im Katastrophenfall. Die BSU geht davon aus, dass sich diese Kommunikations-Defizite „zweifelsfrei nachteilig auf die Bewältigung der Krisensituation ausgewirkt haben“.

Bei der Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste ist man darüber überrascht: „Wir sind, gelinde gesagt – weil wir ja ein freundlicher Verband sind –, tief enttäuscht“, sagt Sprecher Hans von Wecheln.

Seit drei Jahren muss das Havarie-Kommando Einsätze quasi blind und taub koordinieren: 2016 zogen die rund 40 Mitarbeiter um – in ein Gebäude in Cuxhaven mit sogenannter „kritischer Infrastruktur“ und somit erhöhten Sicherheitsbedingungen. „Seit 2016 waren wir von der Außenwelt abgeschnitten. Da ging gar nichts mehr“, räumt Michael Friedrich, der Sprecher des Havarie-Kommandos, ein. Während der „Glory Amsterdam“-Havarie habe man teilweise mit Privathandys kommuniziert. Damit ist jetzt zumindest teilweise Schluss: „Seit dem 25. Januar 2019 können wir auf zwei Kanälen sprechen und hören.“ Vielleicht gerade rechtzeitig vor der nächsten Havarie. Radar und AIS gibt es aber immer noch nicht – das Havarie-Kommando ist immer noch blind. Leitartikel Seite 2

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