Freitagsinterview Frauenzentrum - lie

Christiane Schunter (l.) und Heidi Thiel helfen Frauen, denen Gewalt angetan wird.
Christiane Schunter (l.) und Heidi Thiel helfen Frauen, denen Gewalt angetan wird.

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19. Januar 2021, 16:19 Uhr

Schleswig | Häusliche Isolation soll uns derzeit vor dem gefährlichen Coronavirus beschützen. Was aber, wenn das eigene Zuhause kein Ort der Sicherheit ist, sondern Gefahr für Leib und häufig auch Leben darstellt? Wir haben mit Diplompädagogin Christiane Schunter und Traumapädagogin Heidi Thiel vom Frauenzentrum Schleswig über die Auswirkungen des Lockdowns gesprochen. Das Interview führte Marle Liebelt.

Frau Schunter, Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, verbringen im Lockdown mehr Zeit in den eigenen vier Wänden. Und mit dem Partner. Erleben Sie einen Zuwachs an Beratungsanfragen?
Christiane Schunter: Tatsächlich melden sich jetzt deutlich weniger Frauen bei uns als üblicherweise. So war es auch im ersten Lockdown. Das heißt aber nicht, dass sie weniger Gewalt erfahren.

Woran liegt das?
Betroffene Frauen haben derzeit kaum Möglichkeiten unbemerkt in Kontakt mit uns zu treten und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Viele wichtige Gelegenheiten fallen weg, in denen sie auf unser Beratungsangebot aufmerksam gemacht werden. Außerdem ist der Partner viel häufiger in ihrer Nähe. Häusliche Gewalt geht meist mit sozialer Kontrolle einher. Sie müssen heimlich zum Telefon greifen.

Hinzukommt, dass die Kinder nicht zur Schule oder Kita gehen, wo sie erzählen könnten, wenn zuhause etwas nicht in Ordnung ist. Durch die Einschränkung sozialer Kontakte sehen betroffene Frauen auch weniger Angehörige oder Freundinnen, die mal fragen: ’Sag mal, geht es dir nicht gut? Brauchst du Hilfe?’

Sie sagten, dass sie nicht weniger Gewalt erfahren. Woher wissen Sie das?
Wir haben nach dem ersten Lockdown die Erfahrung gemacht, dass die Hilfegesuche wieder ansteigen. Aber nicht nur das: Wir haben einen deutlichen Anstieg von Hochrisikofällen erlebt.

Das heißt?
Es sind nicht unbedingt mehr Frauen, die durch den Lockdown Gewalt erfahren. Aber diejenigen, bei denen häusliche Gewalt bereits vor dem Lockdown ein Thema war, erfahren häufig eine Zuspitzung. Die Art und der Umfang der Gewaltausübung werden heftiger. Viele Hilfegesuche nach dem ersten Lockdown waren solche Fälle, in denen Frauen sich in großer Gefahr befanden.

Wann ist das der Fall?
Heidi Thiel: Wir nehmen eine sogenannte Gefährdungseinschätzung vor. Das Hilft uns herauszufinden, welche Art des Schutzes für die Frau sinnvoll wäre, das ist je nach Situation oft individuell unterschiedlich. Oft hilft das aber auch den Betroffenen. Wir gehen verschiedene Punkte mit den Frauen durch. Häufig wird ihnen dabei bewusst, wie ernst ihre Lage, die sie bis zu dem Zeitpunkt oft noch besänftigen, tatsächlich ist.


Was fragen Sie dabei ab?
Da gibt es eine Checkliste, an der wir uns orientieren. Ist es schon öfter zu Gewalttaten gekommen? Hat der Partner eine Waffe? Ist er Drogenabhängig? Ist Arbeitslosigkeit gerade ein Thema? Gibt es sonstige besondere Belastungen, die das Gewaltverhalten beeinflussen? Diese Checkliste hilft dabei, das tatsächliche vom wahrgenommenen Ausmaß der Gewaltsituation zu unterscheiden und zu beurteilen.

Und dann?
Im schlimmsten Fall ist das Leben der Frau und eventuell auch der Kinder in Gefahr. Dann müssen wir versuchen, gemeinsam mit den Frauen geeignete Möglichkeiten zu deren Schutz zu schaffen.

Die finden sie im Frauenhaus?
Christiane Schunter: Da sprechen Sie ein großes Problem an. Häufig bekommen wir keinen Platz in den umliegenden Frauenhäusern. Die Plätze reichen nicht aus. Wir telefonieren dann Häuser in in ganz Schleswig Holstein und teilweise in anderen Bundesländern ab, bis wir einen Platz gefunden haben.
Auch wenn eine große Distanz zum Partner in Hochrisikofällen Vorteile haben kann, funktioniert das für viele Frauen nicht. Sie wären gezwungen ihre gewohnten Strukturen aufzugeben. Unterstützende Angehörige, Job und Schule der Kinder – all dies hat oft eine stabilisierende Wirkung auf die Frauen und ein Aufenthalt in einem entfernten Frauenhaus würde ihre Situation zusätzlich erschweren.

Und wie lösen Sie das dann?
Da wir während und nach dem ersten Lockdown, Schwierigkeiten hatten, Frauen in Frauenhäusern unterzubekommen, konnten wir Gelder aus dem Fond für soziale Härtefälle beantragen. Mit dieser Summe haben wir teilweise Ferienwohnungen für Frauen angemietet, die akut von Gewalt betroffen waren und wo wir keine andere Möglichkeit der Unterbringung gefunden haben. Hier haben wir viel Unterstützung vom Kreis Schleswig-Flensburg erfahren.

Keine dauerhafte Lösung...
Nein, in der Tat nicht. Wir brauchen leider mehr Plätze in Frauenhäusern. Aber das soll die Frauen bitte nicht abschrecken, unsere Hilfe zu suchen. Wir finden gemeinsam mit den Frauen Handlungsmöglichkeiten und Wege zu ihrem Schutz.

Woher weiß ich als Frau, wann ein Punkt erreicht ist, an dem ich Sie kontaktieren kann?
Jede Frau ist bei uns richtig. Dafür muss es keinen konkreten Vorfall gegeben haben. Vielleicht checkt Ihr Partner Ihr Handy oder kontrolliert, mit wem sie Kontakt hat oder ihre Finanzen. Es reicht ein mulmiges Gefühl. Wenn Sie denken: Irgendetwas stimmt nicht, ich kann das aber gar nicht richtig benennen. Es fühlt sich irgendetwas nicht gut an. Rufen Sie uns einfach an. 

FÜR DEN INFOKASTEN

Das Beratungsangebot des Frauenzentrums ist anonym, kostenlos und vertraulich. Sie erreichen die Mitarbeiterinnen Christiane Schunter, Heidi Thiel und Monika Staads telefonisch unter der 04621/25544 oder 0176/43961989.

Auf www.frauenzentrum-schleswig.de/kontakt erfahren Sie außerdem, wie Sie sicher online Kontakt aufnehmen können. Via „Text us“ sind ihre Nachrichten verschlüsselt und können nicht mitgelesen werden.

Alternativ erreichen Sie das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen kostenlos und rund um die Uhr unter 08000/116 016

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