Familie Mann in sieben Kapiteln

Die Büste Heinrich Manns und die Hermes-Statue haben vorübergehend ihren Platz im Behnhaus gefunden. Fotos: Die Lübecker Museen
Die Büste Heinrich Manns und die Hermes-Statue haben vorübergehend ihren Platz im Behnhaus gefunden. Fotos: Die Lübecker Museen

Die Buddenbrooksausstellung im Behnhaus zeigt das literarische Schaffen der Brüder Mann im großbürgerlichen Ambiente

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21. Mai 2020, 13:23 Uhr

Lübeck | Sie sind wieder da: Die Familie Mann und vor allem die Buddenbrooks, aus dem Literaturhaus an der Lübecker Mengstraße voraussichtlich bis 2023 ausquartiert, haben für die Dauer der dortigen Um- und Ausbauten Unterschlupf im großbürgerlichen Wohnumfeld des nahen Behnhauses an der Königstraße gefunden. Zusammen mit der Kuratorin Tatjana Dübbel haben die Museumsleiter Birte Lipinkski (Buddenbrookhaus) und Alexander Bnastek (Museum Behnhaus Drägerhaus) eine lebendige Welt der Lübecker Kaufmannschaft im 19. Jahrhundert geschaffen, von der man schon jetzt bedauern muss, dass sie eine Interimslösung ist.

„Hallo, ich bin Tony Buddenbrook“. In kurzen Filmen führt die Hamburger Schauspielerin Helena Krey in die Kapitel der Ausstellung ein. Sieben sind es insgesamt: Buddenbrooks, Familie Mann, Rebellion, Julia Mann, Leidenschaft, Politik und Exil sind sie überschrieben, doch die Reise ins bürgerliche Wohlleben startet standesgemäß im Empfangszimmer, ein Raum, der bis vor kurzem noch als Abstellraum zugesperrt war und der sich nun restauriert in neuem alten Glanz präsentiert. Hier wird eingestimmt auf das Folgende, das medial gestützt – per App, in Videos, auf Bildschirmen – zu ergründen ist, das aber auch ganz konservativ mit Objekten und gedruckten Erläuterungen aufwartet, das vor allem aber im Einklang mit dem Behnhaus-Interieur ein eigenes Kunst-Werk ist und mit Muße erobert werden will.

Thematisch auf die Räume abgestimmt, fügen sich die Buddenbrook-Module elegant zurückhaltend in das gediegene Wohnambiente ein. Ja, so ähnlich haben sie gelebt – die Romanhelden wie auch die Manns. Die erdachte und die reale Familie sind im Behnhaus präsent, darüber hinaus geht es um das Gebäude selbst und ein bisschen auch darum, was die literarischen Produkte für Folgen hatten: die Breloer-Verfilmung der „Buddenbrooks“ von 2007 etwa, aus der ein Fächer mit Lübeck-Silhouette zu sehen ist.


Stationen eines Schriftstellerlebens

Verglichen mit anderen Exponaten wirkt der jedoch wie ein keckes Augenzwinkern. Der Bücherschrank im Empfangszimmer etwa oder der gewaltige siebenarmige Leuchter im Obergeschoss gehören zu den packenden Dingen, die Thomas Mann aus Lübeck durch die Stationen seines Lebens bis ins kalifornische Exil und wieder zurück nach Europa begleitet haben. Und beides sind Objekte, wie sie auch die Familie Behn (sie brachte mit dem Bildhauer Fritz Behn ebenfalls einen Künstler, einen „Exoten“, hervor) besessen hat.


Hausinventar für den Patrizier-Ehrgeiz

Wie im Lübecker Wohnhaus der Familie Mann hat der Architekt Joseph Christian Lillie im Behnhaus gewirkt, im Behnhaus sind Mahagonimöbel zu sehen, wie sie – Patrizier-Ehrgeiz – auch bei den Manns zu finden waren. Zum Hausinventar gehört ein Bronzeguss des „Hermes“ von Hans Schwegerle (der eine Porträtbüste von Thomas Mann anfertigte). Ein Abguss dieses Gottes von Handel und Rhetorik stand auch bei Thomas Mann in München; heute steht dieses Münchner Exemplar im Schleswiger Prinzenpalais.

Inhaltlich geht es vor allem um die Brüder Heinrich und Thomas und ihren seit Jugendtagen schwelenden Zwist, der beim Blick auf das literarische Schaffen des jeweils anderen Funken sprühte und dann in der Zeit um den von Heinrich Mann entschieden verurteilten Ersten Weltkrieg entflammte. Erotik und Leidenschaft? Der sinnenfrohe Heinrich und der distanzierte Thomas sind auch da in Leben und Wirken uneins. „Kannst du dir meine Tony Buddenbrook verstrickt in sinnliche Leidenschaft vorstellen? Welche Geschmacklosigkeit!“, schreibt Thomas Mann an einen Freund. Bruder Heinrich züchtigt er brieflich für dessen Roman „Die Jagd nach Liebe“: „Es ist zu viel, zu viel Schenkel, zu viel Brust, Lende, Wade, Fleisch und man begreift nicht, wie du jeden Vormittag wieder davon anfangen kannst.“

Es ist eine glückliche Kultur-Marriage, die an der Königstraße entstanden ist. Der literarische Part fügt sich so selbstverständlich ins großbürgerliche Ambiente wie der Titel klingt, mit dem er daherkommt: „Buddenbrooks im Behnhaus.“ Im Juni schlägt Lübecks berühmte Romanfamilie ein weiteres Interims-Domizil auf: Zwischen Marienkirche und Rathaus öffnet dann ein Infocenter mit Museumsshop: „Buddenbrooks am Markt.“

Im Behnhaus gibt es literarisches Begleitheft, Ausstellungsguide und Touch-Pen zur hygienischen Nutzung der Touchscreens kostenlos; der ausführliche Katalog zur Ausstellung kostet 12,90 Euro.


> www.buddenbrookhaus.de


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