Hohe Dunkelziffer in Spanien : Europas neues Corona-Epizentrum

Geste der Hoffnung: Wie hier in Madrid applaudieren Klinikpersonal und Patienten einander täglich.
Geste der Hoffnung: Wie hier in Madrid applaudieren Klinikpersonal und Patienten einander täglich.

Schon eine Million Infizierte in Spanien? Weil Tests fehlen, weiß das niemand so genau.

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03. April 2020, 20:39 Uhr

Madrid | Es sind dramatische Szenen, die sich in Spaniens Hauptstadt abspielen: Menschen liegen in den überfüllten Notaufnahmen der Krankenhäuser auf dem Boden. In den Leichenhäusern stapeln sich hunderte von Särgen, in denen Todesopfer der Corona-Epidemie ruhen. Soldatentrupps in Schutzanzügen rücken zur Seuchenbekämpfung in Altenheime ein, in denen in den letzten Tagen hunderte Senioren an dem Virus starben.

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez. Foto: dpa/Borja Puig De La  Bellacasa
Borja Puig De La Bellacasa
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez. Foto: dpa/Borja Puig De La Bellacasa
 

„Eine Katastrophe“, sagt Ministerpräsident Pedro Sánchez. Und zwar eine, auf die Spanien offenbar nicht ausreichend vorbereitet ist. Noch vor einem Monat schaute die Regierung eher mitleidig auf Italien, wo die Zahl der Corona-Kranken damals bereits in die Tausende ging. Am 8. März, als in Italien die am stärksten betroffene Lombardei abgeriegelt wurde, gab es in Spanien auch schon rund 700 Fälle. Aber der spanische Gesundheitsminister Salvador Illa versicherte, man habe alle Infizierten und ihre Kontaktpersonen unter Kontrolle.

Großveranstaltungen blieben erlaubt

Spaniens Regierung fühlte sich zu diesem Zeitpunkt so sicher, dass sie sogar noch Großveranstaltungen in Madrid genehmigte: etwa eine Massendemo zum Weltfrauentag am 8. März. Oder einen Riesenaufmarsch der rechtspopulistischen Partei Vox am selben Tag. Auch das Fußball-Spitzenspiel Atlético Madrid gegen Sevilla fand am fraglichen Wochenende in der Hauptstadt vor vollen Rängen statt.

Wenig später explodierten die Infektionszahlen. Über Nacht wurde die Hauptstadt zum Corona-Brennpunkt. Von Madrid aus verbreitete sich das Virus binnen weniger Tage im ganzen Land.

Lage scheint außer Kontrolle

Inzwischen scheint die Lage völlig außer Kontrolle. In der Region Madrid, in der gut sieben Millionen Menschen leben, sterben jeden Tag mindestens 300 Menschen am Virus Sars-CoV-2 – zwei Drittel der Toten sind älter als 80 Jahre. Bis Freitag wurden in Madrid insgesamt 4500 Corona-Todesopfer und 34.200 Infizierte gezählt.

Die statistische Sterberate in der spanischen Hauptstadt liegt mit weit über zehn Prozent noch sehr viel höher als in anderen internationalen Corona-Krisenregionen wie etwa in der Lombardei oder der chinesischen Provinz Hubei. Da die Bestatter mit dem Abtransport der Verstorbenen nicht mehr nachkommen, musste das Militär inzwischen den Leichentransport in Madrid übernehmen.

Spanien hat Italien vermutlich schon abgelöst

Spanien ist nun mit insgesamt 118.000 bestätigten Infizierten und 11.000 Toten auf dem Weg, Italien als Europas Corona-Epizentrum abzulösen. Am Freitag lagen beide Länder mit ihren amtlichen Erkrankungszahlen etwa auf gleicher Höhe. Doch die Ansteckungskurve in Spanien geht sehr viel steiler nach oben als in Italien. Deswegen wird damit gerechnet, dass die Spanier in Kürze den traurigen Spitzenplatz in der europäischen Epidemie-Statistik einnehmen werden.

Die offiziellen Angaben in Spanien sind allerdings vermutlich nur die Spitze des Eisberges:

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die wirkliche Zahl der infizierten Personen zehn Mal höher ist, als die amtlichen Angaben. Epidemie-Forscher Daniel López-Acuña
 

Gibt es also statt der 118.000 bestätigten Fälle schon jetzt mehr als eine Million Corona-Kranke in Spanien?

Vieles spricht dafür: etwa der große Mangel an Testmöglichkeiten in Spanien. Das führt dazu, dass nur bei jenen schwereren Infektionen, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen, getestet wird. Patienten, die lediglich leichte Covid-19-Symptome haben, was erfahrungsgemäß bei den meisten Erkrankungen der Fall ist, werden weder getestet noch mitgezählt.

Medizinischem Personal fehlt Schutzkleidung

Es ist erschreckend: Die Laborkapazitäten sind so gering, dass nicht einmal bei allen Risikopersonen ein Test gemacht werden kann. Darunter leiden vor allem Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, die in vorderster Front in Hospitälern und Altenheimen gegen das Virus kämpfen. Und die selbst nicht wissen, ob sie Virusträger sind, die Krankheitserreger weiter verbreiten.

Auch mangelt es dem medizinischen Personal an Gesichtsmasken und virusresistenten Kitteln. Ein Skandal, sagt Jaume Padrós, Präsident der Ärztekammer in Barcelona. Für die Mediziner sei dies „die Hölle“. Die Krankenschwestern fühlen sich ebenfalls vom Staat im Stich gelassen:

Sie müssen sich Kittel aus Mülltüten und Schutzmasken aus Plastikschnellheftern basteln. Florentino Pérez Raya, Chef des nationalen Pflegeverbandes
 

Die Folge: Immer mehr Klinikmitarbeiter stecken sich an. Rund 15 Prozent aller Infizierten in Spanien – deutlich mehr als in Italien oder China – sind Ärzte und Pfleger. Spaniens Krankenhäuser werden so zu einem Sicherheitsrisiko. Und sie tragen paradoxerweise dazu bei, dass sich die Epidemie weiter ausbreitet.

Zu wenige Intensivbetten verfügbar

In vielen Krankenhäusern spielen sich zudem Tragödien ab, weil es nicht genügend Intensivbetten für die vielen Menschen gibt, die ärztliche Hilfe brauchen.

Ein COVID-19-Patient in Spanien wird auf einer Intensivstationen behandelt.
Felipe Dana/AP/dpa
Ein COVID-19-Patient in Spanien wird auf einer Intensivstationen behandelt. /AP/dpa
 

Längst werden in den Hospitälern in Madrid und in Barcelona die Regeln der Kriegsmedizin angewendet: „Wenn 20 Patienten in kritischem Stadium eingeliefert werden, du aber nur zehn Behandlungsplätze mit Beatmungsmaschinen hast, dann musst du dich entscheiden“, berichtet ein Intensivmediziner. Und die Regeln besagen, dass jene mit den besseren Überlebenschancen Vorrang haben. „Das ist sehr, sehr hart.“

Die Verlierer bei diesen medizinischen Auswahlkriterien sind meist die alten und gebrechlichen Kranken in den Seniorenheimen, in denen das Coronavirus besonders schlimm wütet. Oftmals komme nicht einmal mehr der Krankenwagen, wenn in einem Heim der Notruf gewählt wird, weil einer der hochbetagten Bewohner um sein Leben ringt, berichten spanische Medien. „Sie lassen die Leute einfach sterben“, empört sich der Sohn einer 88-Jährigen, die in Barcelona an einer schweren Lungenentzündung litt – und vergeblich auf Hilfe wartete.

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