„Es ist ein auffallend schönes Stück“

In einer Sonderausstellung hat Museumsleiter Holger Junker steinzeitliche Werkzeuge zusammengetragen.
In einer Sonderausstellung hat Museumsleiter Holger Junker steinzeitliche Werkzeuge zusammengetragen.

Stadtgeschichte Ein Detail erzählt aus der Vergangenheit, Teil 4: Die frühgeschichtliche Wedeler Lanze im Stadtmuseum Wedel

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16. Oktober 2020, 15:17 Uhr

WEDEL | Spuren der Vergangenheit gibt es überall. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die den Bogen zur Ortsgeschichte spannen. In unserer Serie greifen wir solche Details auf. Heute geht es um eine frühgeschichtliche Lanze, die im Stadtmuseum Wedel zu sehen ist.

Die Geschichte der Rolandstadt beginnt nicht erst mit der Hatzburg um das Jahr 1300. „Geschichte fängt für mich mit menschlicher Aktivität an“, sagt Museumsleiter Holger Junker. In einer frühgeschichtlichen Sonderausstellung zeigt er archäologische Funde aus der Gegend, die einen Blick auf viel frühere Kulturen werfen. Kernstück der Ausstellung ist die Wedeler Lanze, eine in der Elbe gefundene, kunstvoll damaszierte Eisenlanzenspitze aus der Zeit der Völkerwanderung.

Gehoben wurde die Lanze bereits Anfang der 1960er Jahre während Baggerarbeiten vor Lühesand. Restauriert und gelagert wurde sie im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig. Sie wird nicht nur während der Sonderausstellung zu sehen sein, denn sie gehört der Stadt und wird jetzt, nachdem sie vom neuen Museumsleiter aufgespürt und zurückgeholt wurde, im Stadtmuseum verbleiben.


Eine zeitliche Einordnung ist schwer

Wie alt die Wedeler Lanze ist, darüber gehen die Meinungen selbst in Fachkreisen auseinander. Hat der Historiker Dr. Klaus Raddatz sie im Jahre 1962 noch ins Frühmittelalter, genauer ins 10. oder 11. Jahrhundert eingeordnet, so schreibt Claus Ahrens vier Jahre später in seiner Dissertation, einem noch heute gültigen Landeskatalog, sie sei um 400 nach Christus entstanden. Diese erhebliche Diskrepanz erklärt Museumsleiter Junker so: „Es gibt keinen Fundzusammenhang, wie bei einem Grab. Und im Gegensatz zu Holz ist bei Eisen eine Datierung allein aus dem Material schwer möglich.“

Eine zeitliche Einordnung erfolgt allein über Formen, die sich seit der Bronzezeit ähneln. Junker zog einen Fachkollegen zu Rate, der die Lanze aufgrund ihrer schlanken Form in die Zeit der Völkerwanderung um das Jahr 450 verortet.

Sicher ist aber, dass die eiserne Spitze vor Lühesand ins Wasser gelangte. „Sie ist zu schwer, um von weiter weg angespült worden zu sein“, erklärt der Museumsleiter. In der Elbe vor Wedel hat es noch weitere Waffenfunde gegeben, darunter wikingerzeitliche Schwerter. Der Historiker Claus Ahrens vermutet dort einen alten Elbübergang per Fähre. „An diesen strategischen Punkten hat es immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen gegeben“, erläutert Junker. Die Lanze könne aber auch einfach verloren worden sein. Ein ritueller Hintergrund oder eine Opfer-Zeremonie sei ebenso denkbar. „Es ist ein auffallend schönes Stück“, urteilt der Archäologe. „Das Metall ist damasziert, das heißt, beim Schmieden wurde es aufwendig gefaltet.“ Dadurch wurden Muster auf die Klinge geworfen, zusätzlich ist sie besonders elastisch und bricht nicht so leicht.

Den Funden in der Elbe kommt besondere Bedeutung zu, da es in und um Wedel kaum Befunde von Siedlungen gibt. „Die Gegend war immer schon beliebt und wurde immer wieder überbaut“, so die Erläuterung Junkers. „Was aber gefunden wurde, sind Schlackereste von der Eisenverhüttung, und Roheisen wurde in der Nähe von Siedlungen verhüttet.“ Mehrere solcher Fundstellen gibt es im Stadtgebiet, unter anderem in der Hatzburgtwiete. In der archäologischen Sonderausstellung sind Einzelfunde aus der Gegend zu sehen, die aus Leihgaben zusammengetragen wurden, unter anderem vom Archäologischen Museum Hamburg und von Privatleuten. Die ältesten Exponate stammen vom Ende der letzten Eiszeit und sind etwa 15 000 Jahre alt, die jüngsten aus der Zeit der Ersterwähnung der hochmittelalterlichen Hatzburg im Jahr 1311.

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