„Es ist alltagstaugliche Kunst“

Charlotte Schütz lernt den seltenen Beruf der Modistin.
Charlotte Schütz lernt den seltenen Beruf der Modistin.

Charlotte Schütz ist Schleswig-Holsteins einzige Auszubildende zur Modistin / Kundenkontakte über Instagram

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27. Februar 2021, 17:04 Uhr

kiel | Die Tür eines kleinen Lädchchens in der Kieler Altstadt öffnet sich. Dahinter ein Paradies für Hutbegeisterte. Alle möglichen Formen, Farben und Modelle werden hier in Regalen ausgestellt. Doch das, was hier ausliegt, ist Handarbeit. Gefertigt von professionellen Hutmacherinnen. Und die 23-jährige Charlotte Schütz will eine von ihnen werden.

Die Kielerin hat im vergangenen September ihre Ausbildung zur Modistin bei Hut Willer angetreten. „Hüte haben mich schon immer fasziniert. Ich dachte aber, dass man das nur in großen Städten lernen kann“, sagt sie. Tatsächlich wäre eine Stunde in der Berufsschule mit allen Auszubildenden Schleswig-Holsteins aus ihrem Fachbereich recht einsam. Charlotte Schütz ist nämlich die einzige im ganzen Land, die diese Ausbildung absolviert. Mehr Plätze werden nicht angeboten. „Es ist ein aussterbender Beruf. Aber das macht den Reiz aus“, sagt die 23-Jährige.

Als sie von der Möglichkeit erfuhr, ihren Traumjob in Schleswig-Holstein erlernen zu können, brach sie ihr Bachelor-Studium in Hamburg kurz vor dem Ende ab. Doch zwischen Traum und Realität kann auch eine Lücke klaffen. „Es ist nicht so ganz das romantische Bild, das man sich vorstellt. Es ist ein absolutes Handwerk, aber gepaart mit viel Kreativität“, sagt sie. Sie fasziniert es vor allem, dass der passende Hut einem Outfit den letzten Schliff geben könne. „Wir hatten mal einen Kunden, der war schon speziell gekleidet. Wir hatten hier eine Melone, die hat förmlich auf ihn gewartet“, sagt sie. Ihre Augen strahlen bei der kleinen Geschichte. Bei jedem Wort ist zu spüren, wie sehr die Kielerin für ihren Beruf brennt.

Ihr Traum wäre es, einen sogenannten „Fascinator“ zu entwerfen und herzustellen. „Das ist ein festlicher Kopfschmuck“, erklärt die 23-Jährige. Getragen werden diese vor allem bei großen Festspielen oder von Prominenten. Ihr Traum ist es dabei, ein eigenes Design zu entwickeln.

Bis es soweit ist, hat sie noch einen weiten Weg vor sich. Die Ausbildung dauert drei Jahre und bisher hat sie noch keinen Hut komplett alleine hergestellt. Einige Skizzen hat sie dennoch fertig bereitliegen. „Besonders für einige Freunde habe ich Ideen“, erklärt sie. Dabei fällt ihr besonders einer ein. „Ein Freund hat einen uralten Hut. Der wurde schon überfahren und wird regelmäßig als Sitzunterlage benutzt. Wenn ich das Teil sehe, bekomme ich die Krise“, sagt sie und lacht. Dabei müsse dieses besonders abgeliebte Exemplar nicht einmal ersetzt werden. „Es gibt so viele Möglichkeiten, Hüte zu reparieren oder sie durch kleine Eingriffe zu individualisieren“, sagt sie.

Das alles benötigt jedoch etwas Zeit. „Das kann zwischen ein paar Stunden und mehreren Tagen dauern. Dafür ist die Qualität so viel höher als bei einem Hut aus dem Internet“, betont die 23-Jährige. Was alles möglich ist, zeigt ihre Chefin regelmäßig bei Instagram. Seit Jahren bietet Claudia Voss über die Live-Videos in dem Sozialen Netzwerk Verkaufs- und Beratungsgespräche an. „Wir wollen so Kunden erreichen, die nicht aus Kiel kommen. Außerdem präsentieren wir da unser Handwerk“, so die Modisten-Meisterin. So bekommt Charlotte Schütz, wenn sie es denn möchte, gleichzeitig eine Weiterbildung für Soziale Netzwerke. Bisher fokussiert sie sich allerdings auf ihre Arbeit. „Es ist alltagstaugliche Kunst“, sagt sie.

Wie sehr sie diese Kunst fesselt wird vor allem an einer Sache deutlich: Auch wenn sich ihre Kolleginnen unterhalten, hat sie eine Nadel in der Hand und experimentiert mit Verzierungen herum. Nach der Ausbildung könnte sie sich vorstellen, ihren Bachelor nachzuholen. „Ich wollte mir die Chance nicht entgehen lassen. Aber es hat schon einen bitteren Beigeschmack, den Abschluss nicht zu haben“, sagt sie.

Ihr großes Ziel ist aber, ihren Beruf dann auch auszuüben. Vielleicht in einem kleinen Laden mit Charakter oder in einer Oper. „So viele Möglichkeiten gibt es da ja leider nicht“, sagt sie.

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