Entspannen mit Faszienrollen

Mit der Rolle sollen verklebte Faszien gelöst werden. Schmerzzustände können so behoben werden.
Mit der Rolle sollen verklebte Faszien gelöst werden. Schmerzzustände können so behoben werden.

Viele Freizeit- und Leistungssportler schwören auf die Faszienrolle, auch „Blackroll“ genannt, und deren Wohlfühleffekt. Die Sportmedizin tut sich mit dem Trainings- und Therapiewerkzeug aber noch schwer.

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02. September 2018, 10:26 Uhr

Paul Reinborn sitzt mit ausgestrecktem linken Bein auf einer Gymnastikmatte. Unter der Wade liegt eine schwarze Hartschaumrolle – eine sogenannte Faszienrolle, auch unter dem Markennamen „Blackroll“ bekannt. Der Physiotherapeut vom Olympiastützpunkt Stuttgart stützt sich auf beiden Händen ab, hebt seinen Po an und schiebt seinen Unterschenkel langsam nach vorn und hinten, so dass die Wade von der Rolle massiert wird. In der Fitnessszene heißt das auch „Foam Rolling“ – „Foam“ bedeutet Schaum.

Die Effekte, die Reinborn und viele andere Therapeuten, Ärzte oder Sportler solchen Übungen mit der Faszienrolle zuschreiben, klingen vielversprechend. Man könne Verspannungen lösen, die Beweglichkeit erhöhen, die Koordinationsfähigkeit verbessern und kräftiger werden, sagt Reinborn, der viele Leistungssportler behandelt. Anwenden könne man die Rolle, die es auch von anderen Herstellern als dem Unternehmen „Blackroll“ gibt, von den Füßen bis zum Kopf. Nur vom Bauchbereich würde er wegen des Drucks auf die Organe abraten.

Faszien sind das faserige Bindegewebe, das wie ein Netzwerk den ganzen Körper durchzieht. Es umschließt nicht nur alle Muskeln, sondern auch Organe oder Gelenke. Um gesund zu bleiben und nicht zu verkleben, braucht es Bewegung und Stimulation. Die Faszienrolle kommt dabei vor allem in der Regeneration nach dem Sport zum Einsatz. Paul Reinborn empfiehlt, sie zwei- oder dreimal pro Woche für fünf Minuten anzuwenden.

Den Wohlfühleffekt und gesundheitlichen Nutzen der Faszienrolle führt der Buchautor Kay Bartrow auf mehrere Ursachen zurück. Zum einen verbessere der Druck auf das Gewebe die Durchblutung und damit den Einbau von Nährstoffen sowie den Abtransport von Stoffwechsel-Abfallprodukten, erklärt der Physiotherapeut aus Balingen. Zum anderen sorge die Rolle dafür, dass sich die einzelnen Schichten des Bindegewebes gegeneinander verschieben und sich dadurch Verklebungen lösen – so jedenfalls die Theorie. Dieser Effekt erzeuge ein Gefühl der Entspannung, beuge Verletzungen vor und mache den Körper belastbarer.

Faszienrollen gibt es in unterschiedlichen Härtegraden. Wobei die härteste Variante meist nur von Leistungssportlern genutzt werde, erklärt Reinborn. Ihr Druck sei für Freizeitsportler zu hoch und daher zu schmerzhaft. „Eigentlich braucht man aber nur einen Härtegrad, man kann den Druck ja selbst variieren.“ Also eine bestimmte Körperpartie mehr oder weniger fest auf die Rolle drücken.


„Langzeiteffekte sind nicht genügend untersucht.“

 Sportwissenschaftler Wilhelm Bloch

Rollen mit gewellter oder genoppter Oberfläche dienten dagegen nicht der Regeneration, erklärt Bartrow. Im Gegenteil: Sie erzeugten eine Vibration im Gewebe und damit eine größere Tiefenwirkung, die Sportler vor dem Wettkampf nutzten, um ihre Faszien anzuregen.

Zudem kommen im Faszientraining neben den großen auch kleine Rollen sowie Bälle zum Einsatz, um kleinere Körperpartien wie Oberarme oder Nacken zu massieren. „Für kleinere Spannungsproblematiken braucht man kleinere Hilfsmittel wie die Bälle, um den Punkt oder die Linie richtig zu treffen“, sagt Reinborn.


„Würde man mit Druck Richtung Unterschenkel rollen, würden die

Venenklappen über die Jahre kaputtgehen, wenn man immer in die falsche Richtung rollt.“

Auch Professor Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule Köln sieht durchaus positive Effekte der Faszienrolle. Allerdings handele es sich meistens um kurzzeitige, sagt der Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin. So halte die Erhöhung der Beweglichkeit gerade mal für zehn oder 15 Minuten an.

Schmerzen ließen sich dagegen gut mit Rollen oder Bällen lindern, wenn man nicht rollt, sondern längere Zeit auf die schmerzhaften Triggerpunkte drückt. „Durch den Druck werden die Schmerzrezeptoren gereizt und schalten runter“, erläutert Bloch. Reinborn rät, sich mit der Rolle langsam zum Beispiel durch die Wade oder den Rücken „durchzuarbeiten“. Spürt man einen schmerzhaften Punkt, solle man einige Sekunden drauf bleiben und warten, bis die Entspannung einsetzt – und erst dann weiterrollen.

Bloch gibt aber zu bedenken, dass die wissenschaftliche Erkenntnislage für Effekte der Faszienrolle „ganz schlecht“ sei. Für die Forschung seien die Veränderungen des Bindegewebes durch die „Blackroll“ noch eine „Black Box“: „Wenn es eine ausreichende Evidenz gibt, dann für akute Effekte, aber Langzeiteffekte sind nicht genügend untersucht.“ Der Sportmediziner hält es zum Beispiel nicht für möglich, dass man mit den Rollen Verklebungen der Faszien lösen kann. Das könne nicht funktionieren, „denn man drückt ja auf die komplette Muskulatur – auf die Faszien, auf die Muskelfasern, auf die Gefäße und die Nerven. Wir wissen daher eigentlich nicht wirklich, welche Strukturen wie verändert werden.“

Alle Experten empfehlen, sich die Anwendung der Rollen zuerst von einem Fachmann zeigen zu lassen. Es sei wichtig, dass man immer zum Körper hin rollt, erklärt Bloch. Massiert man also den Oberschenkel, muss man Richtung Rumpf rollen. Der Grund: Die Venenklappen, die den Blutfluss regulieren, öffnen sich Richtung Gesäß, nicht zum Unterschenkel hin. „Würde man mit Druck Richtung Unterschenkel rollen, würden die Venenklappen über die Jahre kaputtgehen, wenn man immer in die falsche Richtung rollt“, warnt Bloch. Daraus könnte eine venöse Insuffizienz – also etwa Krampfadern – entstehen.

Am besten wissenschaftlich gesichert sei der Entspannungseffekt, sagt Bloch. „Bei Druck werden Spannungssensoren in den Muskeln gereizt und geben eine Rückmeldung an das Rückenmark. Dieses verändert dann den Tonus der Muskulatur, das heißt, sie entspannt sich.“

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