Energiewende: Showdown für die Nord-Projekte

Hier soll „grünes“ Kerosin aus Windstrom entstehen: Raffinerie Heide in Hemmingstedt.
Hier soll „grünes“ Kerosin aus Windstrom entstehen: Raffinerie Heide in Hemmingstedt.

Der Bund entscheidet bald über wichtige Forschungsvorhaben – das Land hofft auf Erfolge für die Westküste

Unser Hauptstadtkorrespondent Hening Baethge von
06. Juni 2019, 13:02 Uhr

berlin | Daniel Günther zeigt sich vorsichtig: „Wir wissen, dass wir nicht als Favorit bei allen Projekten gestartet sind“, sagt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident gestern in der Berliner Hauptstadtvertretung des Landes. Umso mehr will er deutlich machen, dass der Norden im Standort-Wettbewerb um Deutschlands erstes Forschungswerk für Batteriezellen und weitere neue Vorhaben zur Energiewende mithalten kann: „Wir glauben, dass die Projekte perfekt bei uns an die Westküste passen“, sagt Günther vor rund hundert versammelten Branchenvertretern und Bundestagsabgeordneten.

Dass der Ministerpräsident in Berlin persönlich für die Westküste trommelt, liegt am nahenden Showdown im Kampf um gleich mehrere wichtige Projekte der Energiewende. So will Günthers CDU-Parteifreundin und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek am 8. Juli entscheiden, an welchem Standort in Deutschland der Bund 550 Millionen Euro für die geplante Forschungsfabrik für Batteriezellen von Elektroautos investiert – ein Werk, aus dem später sogar eine große kommerzielle Fabrik werden könnte. Einer von sechs Bewerbern für das Forschungswerk ist das Itzehoer Fraunhofer-Institut für Silizium-Technologie.

Dessen Chef Axel Müller-Groeling wirbt gestern in Berlin ebenfalls für den Standort Itzehoe. Unter anderem hebt er hervor, dass die Batteriefabrik dort mit Windstrom und daher „mit 100 Prozent CO2-freier Energie“ versorgt werden soll. Auch gebe es bereits ein Gebäude, in dem man schon im September anfangen könne, sowie in großem Umfang flexible Erweiterungsmöglichkeiten auf dem Gelände. Nicht zuletzt sei eine Kofinanzierung durch das Land mit 145 Millionen Euro sowie Stadt und Kreis mit 15 Millionen gesichert. Dass Itzehoe dennoch als Außenseiter gilt, liegt an den Rivalen aus Braunschweig, Ulm, München, Münster und Dresden: Die Standorte liegen entweder in der Nähe großer Automobilhersteller – oder in Bundesländern, die vom Kohleausstieg betroffen sind und daher auf ein Kompensationsprojekt vom Bund hoffen können.

Noch vor der Sommerpause will zudem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier festlegen, welche Projekte in seinem Ideenwettbewerb „Real-Labore der Energiewende“ in die engere Auswahl kommen. Hier ist die Konkurrenz für die drei schleswig-holsteinischen Bewerber aus Heide, Brunsbüttel und der Metropolregion Hamburg noch größer: Gleich 90 Kandidaten streiten um Bundesgeld von 100 Millionen Euro jährlich. Rund zwei Drittel der Bewerber dürften in der anstehenden ersten Runde ausscheiden; am Ende bleiben wohl noch drei bis vier übrig, vermutet man in Kiel. Da sollte wenigstens einer aus Schleswig-Holstein dabei sein.

Die größten Chancen gibt man im Land dem Heider Projekt „Westküste 100“, in dem ein Konsortium um den dänischen Nordseewindpark-Betreiber Ørsted mit Meereswindstrom per Elektrolyse Wasserstoff erzeugen will. Dieser „grüne“ Wasserstoff soll dann in der Raffinerie Heide zum Erzeugen von klimafreundlichem Kerosin für Flugzeuge genutzt werden, aber auch ins Gasnetz eingespeist werden. Die bei der Elektrolyse entstehende Wärme soll ebenfalls genutzt werden – für das nahe gelegene Gewerbegebiet. „Das wäre ein Leuchtturmprojekt für ganz Deutschland“, schwärmt Ørsted-Manager Volker Malmen von dem Real-Labor „Westküste 100“.

Nicht zuletzt CDU-Mann Günther würde sich freuen, wenn der Windstrom im Norden bei drohender Überlastung des Stromnetzes endlich nicht mehr verloren ginge, sondern anderweitig verwendet werden könnte. Derzeit sei es ja so, sagt Günther sarkastisch, dass Schleswig-Holstein nicht nur aus Kohle und Kernenergie aussteige, „sondern in Teilen auch aus den erneuerbaren Energien – weil wir die Anlagen so oft abschalten müssen.“

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