Ein Zug für nur einen Fahrgast

Jetzt mit einer Anlaufstelle in Elmshorn präsent: Ingrid Nestle.
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Jetzt mit einer Anlaufstelle in Elmshorn präsent: Ingrid Nestle.

Erstmals belegen Zahlen der Bahn, dass der „Sylt Shuttle plus“ meist fast leer herumfährt – Grüne fordern nun eine Freigabe für den Nahverkehr

Unser Hauptstadtkorrespondent Hening Baethge von
30. Mai 2019, 13:23 Uhr

Sylt/Berlin | Gut anderthalb Jahre ist es her, da zeigte sich die Deutsche Bahn mit dem Betrieb ihres Ende 2015 eingeführten „Sylt Shuttle plus“ zwischen Westerland und Bredstedt in Nordfriesland ganz zufrieden: „Die Auslastung ist aus unserer Sicht okay“, sagte Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis damals. „Wir haben aber noch Kapazitäten frei.“

Das kann man wohl sagen. Seit der nur für Fernreisende zugelassene Sylt Shuttle plus den Verkehr aufgenommen hat und bis zu 48-mal am Tag fährt, nennen die Nordfriesen den anscheinend fast immer leer herumfahrenden Doppeltriebwagen gern den „Geisterzug“. Und jetzt zeigen Zahlen der Bahn erstmals, dass dieser Name vollkommen berechtigt ist: Im Durchschnitt nur ein bis zwei Reisende verlieren sich normalerweise in den rot-weißen Zügen mit 150 Sitzplätzen.

Freiwillig hat die Bahn die blamablen Zahlen nicht herausgerückt. Vielmehr hat die schleswig-holsteinische Grünen-Bundestagsabgeordnete Ingrid Nestle deren Herausgabe vom Bundes-Bahnbeauftragten Enak Ferlemann mit einer parlamentarischen Anfrage erzwungen – und auch der hat sie erst beim zweiten Nachhaken geliefert. Demnach haben letztes Jahr „23 000 Fernverkehrskunden“ den Sylt Shuttle plus genutzt. „Das sind 16 Prozent mehr als im Jahr 2017“, verkündet CDU-Politiker Ferlemann stolz.

Das klingt nicht schlecht – doch rechnet man die 23 000 Reisenden auf die jährlichen Fahrten des Sylt Shuttle plus um, so zeigt sich, dass zu Zufriedenheit nicht der geringste Grund besteht. Zwar kann die Bahn nicht mal genau sagen, wie oft der Shuttle im Jahr fährt, sondern nur, dass er „bis zu 24-mal pro Tag und Richtung“ verkehrt, also bis zu 48-mal am Tag. Aber selbst wenn man nur die üblichen 40 Fahrten am Tag zugrunde legt, kommt man auf fast 15 000 Fahrten im Jahr – und auf 1,5 Reisende pro Fahrt. „Jede Nahverkehrslinie wäre schon längst stillgelegt, jeder Bus auch“, kritisiert Grünen-Politikerin Nestle.

Zwar führt Ferlemann in der Statistik der Bahn auch an, dass im letzten Jahr wegen ausgefallener Regionalzüge ausnahmsweise 334 Sylt-Shuttle-Fahrten für Nahverkehrspendler freigegeben wurden und dadurch gleich 45 000 weitere Kunden mitfuhren. Auch sind 181 Fahrten für den Schülerverkehr geöffnet worden. Zudem hat der Shuttle im Sommer manchmal Radfahrer mitgenommen, die nicht in den überfüllten Regionalzug durften. Insgesamt kommt Ferlemann so für letztes Jahr auf 85 000 Reisende im Shuttle. Doch selbst wenn man diese Ausnahmefälle mitzählt, ergibt sich nur ein Durchschnitt von gerade mal fünf bis sechs Fahrgästen pro Zug.

Ein Wunder ist die geringe Auslastung nicht – denn der Shuttle hat für Reisende zwischen Bredstedt und Westerland nur Nachteile: Er ist teurer als der Regionalexpress und braucht eine halbe Stunde länger, weil in Niebüll der Sylter Autozug an- oder abgekoppelt wird. Dass die Bahn den oft leeren Zug dennoch ab und bis Bredstedt fahren lässt und so zum Ärger der Einheimischen bis zu 48-mal am Tag für geschlossene Bahnübergänge entlang der Strecke sorgt, ist ein Trick, um im Ringen um die Trasse für den lukrativen Sylter Autozug bessere Karten zu haben: Mit der Buchung der zusätzlichen Schienenkilometer erhoffte sich die Bahn vor vier Jahren bei der Vergabe der Trassenzeiten durch die DB Netz einen Vorteil gegenüber der privaten Konkurrenz.

So sieht man es auch bei der landeseigenen Verkehrsgesellschaft Nah SH, die den Regionalverkehr im Norden organisiert. „Es bleibt die Vermutung, dass die Bahn den Zug vor allem deshalb eingeführt hat, um die Trassen zu erhalten“, sagt Nah-SH-Sprecher Dennis Fiedel. Vom Sylt Shuttle plus hält er wenig: „Wir sind nicht davon überzeugt, dass der verkehrlich sinnvoll ist.“ Auch die Abgeordnete Nestle schüttelt den Kopf: „Ein Fahrangebot, von dem der reguläre Pendlerverkehr nicht profitiert, ist den Menschen nicht vermittelbar“, kritisiert sie.

Sie erwartet daher von der Bahn zumindest, dass der Shuttle für den Nahverkehr freigegeben wird – immerhin wäre er zwischen Bredstedt und Niebüll genauso schnell wie der Regionalzug. „Das würde den Pendlerverkehr entlasten und die Akzeptanz des Sylt Shuttle vor Ort verbessern“, hofft Nestle. Die Bahn allerdings winkt ab: „Der Sylt Shuttle plus“, sagt eine Sprecherin, „ist ein eigenständiges Produkt des DB-Fernverkehrs.“

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