Ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen

Erhard Vogt und Sabine Niklas (rechts) von der SPD-Geschichtswerkstatt führten 30 Interessierte zu Orten von Opfern und Tätern in der NS-Zeit in Uetersen und gaben ihr Wissen aus umfangreichen Recherchen weiter.
Erhard Vogt und Sabine Niklas (rechts) von der SPD-Geschichtswerkstatt führten 30 Interessierte zu Orten von Opfern und Tätern in der NS-Zeit in Uetersen und gaben ihr Wissen aus umfangreichen Recherchen weiter.

Führung an Orte von Opfern und Tätern der NS-Zeit

shz.de von
23. Juni 2018, 16:05 Uhr

Ein Zeichen gegen das Vergessen und einen Beitrag für das Aufarbeiten der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 in Uetersen leistet seit fast neun Jahren die SPD-Geschichtswerkstatt. Sie wurde von Erhard Vogt aus Uetersen ins Leben gerufen. Durch die Kontaktaufnahme und Befragung von Zeitzeugen, Recherchen in Archiven und die Auswertung von Dokumenten und Artikeln haben die zehn Mitglieder Ausarbeitungen zu mehreren Themen der NS-Geschichte vor Ort erstellt. Erstmals hatten Vogt und seine Mitstreiter nun zu einem Stadtrundgang zum Thema „Uetersen im Nationalsozialismus“ eingeladen. Er und Sabine Niklas hatten die Führung ausgearbeitet und gaben ihr Wissen weiter.

30 Interessierte nahmen an dem Rundgang zu neun Orten, an denen in Uetersen Opfer oder Täter der NS-Zeit lebten, teil. „Eineinhalb Jahre haben wir an dem Thema sogar im Bundesarchiv recherchiert“, betonte Vogt. Die Führung begann am ehemaligen Rathaus am Buttermarkt. Vogt machte deutlich, dass der eigentliche Hoheitsträger nicht der Bürgermeister, sondern der NSDAP-Ortsgruppenleiter war. Der hatte sein Machtzentrum wenige Hundert Meter weiter in der Moltkestraße 4a. Dort befand sich ab Ende 1934 das Haus der Uetersener NSDAP, die bereits im September 1930 als Ortsgruppe gegründet worden war.

1939 lebten in Uetersen 8000 Menschen, 570 waren Mitglied der NSDAP. Betroffen machte die Geschichtsinteressierten, dass in der Moltkestraße nach dem Krieg von 1945 bis 1962 ein Mediziner wohnte und im Uetersener Krankenhaus beschäftigt war, der in der Nazi-Zeit an der Tötung von psychisch kranken, geistig und körperlich behinderten Menschen beteiligt war: Dr. Kurt Borm. Er war verstrickt in die Euthanasie, die in der Tötungsanstalt Bernburg/Saale betrieben wurde. Auch sechs Betroffene aus Uetersen kamen dort zu Tode. „Wir sind mit Angehörigen eines Opfers in Kontakt, um eventuell mit einem Stolperstein die Erinnerung wachzuhalten“, berichtete Vogt.

Lange verweilten die Teilnehmer des Stadtrundgangs vor der Turnhalle an der Parkstraße 1a. Dort war zur NS-Zeit ein Lager für 130 französische Zwangsarbeiterinnen. „Bekannt sind uns in Uetersen zwölf Standorte von Lagern beziehungsweise Unterkünften für Zwangsarbeiter. Einige lebten auch in Privathäusern oder bei Landwirten, bei denen sie arbeiteten“, berichtete Niklas. Sie hatte zu diesem Thema und zu den Themen „Gymnasium in der NS-Zeit“, „Gaststätte Erholung als damaliges Parteilokal der NSDAP“, „Verfolgung der Zeugen Jehovas“ sowie zu den „Uetersener Opfern, für die Stolpersteine gelegt wurden“, die Erläuterungen übernommen.


34 Zwangsarbeiter sind in Uetersen gestorben

Niklas berichtete, dass es von 1939 bis zum Kriegsende in Uetersen bis zu 1700 Zwangsarbeiter gab. Im Uetersener Krankenkaus wurden mindestens 328 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene wegen Fleckfieber, Lungentuberkulose und Diphterie, aber auch wegen Verbrennungen, Brüchen, Vergiftungen und Suizidversuchen behandelt. Mindestens 34 Zwangsarbeiter verstarben in Uetersen. „Auch 15 Kinder, die von Zwangsarbeiterinnen in einer Baracke neben dem Krankenhaus geboren wurden, verstarben kurz danach“, so Niklas.

Besonders berührte die Rundgangsteilnehmer, dass ein polnischer Zwangsarbeiter und eine verheiratete Uetersenerin ein Liebespaar wurden und ein Kind bekamen. Der Zwangsarbeiter Tadeusz Mazurek und die Uetersenerin kamen in Konzentrationslager. Sie überlebten, heirateten nach dem Krieg und wanderten 1950 gemeinsam nach Australien aus.

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