Ein anständiger Mensch – Nachruf auf John McCain

John McCain am Sonnabend einem Krebsleiden.
John McCain am Sonnabend einem Krebsleiden.

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26. August 2018, 16:49 Uhr

Um John McCain trauern nicht nur Republikaner. Der konservative Senator aus Arizona gehörte zu den wenigen im polarisierten Politbetrieb der USA, die über die Parteigrenzen hinweg Anerkennung genießen. Ein Außenseiter im besten Sinne des Wortes, der Respekt dafür verdiente, das Trauma von fünf Jahren Gefangenschaft in Nordvietnam inklusive Isolationshaft und Folter ungebrochen weggesteckt zu haben.

Freunde und Kollegen im Senat sahen McCain zuletzt in der Rolle des „Elder Statesmen“, der als Gegenmodell der traditionellen Republikaner zu dem sprunghaften Präsidenten diente. Als er sich im Juli 2017 für einen operativen Eingriff aus dem Senat abmeldete, fehlte plötzlich eine gewichtige Stimme.

Was zunächst nach einem Blutgerinnsel über dem linken Auge aussah, entpuppte sich als aggressiver Gehirntumor. Unmittelbar nach seiner Krebsdiagnose hielt McCain eine bemerkenswerte Rede, die zu einem Credo seiner Ausnahme-Karriere geriet: „Welcher größeren Idee können wir zu dienen hoffen, als dazu beizutragen, dass Amerika das starke, inspirierende Leuchtfeuer der Freiheit bleibt, die Verteidigerin der Würde aller Menschen und ihres Rechts auf Freiheit und gleiche Rechte?“, leidenschaftlich und Trump-kritisch. Dessen „America-Zuerst“-Patriotismus verurteilte er als „halbgaren, unechten Nationalismus, der von Leuten ausgeheckt wurde, die lieber Sündenböcke finden, als Probleme zu lösen.“

John Sidney McCains Soldaten-Vita kündigte sich schon mit der Geburt am 29. August 1936 auf der US-Militärbasis „Coco Solo“ in Panama an. Er ist sowohl Sohn als auch Enkel von Vier-Sterne-Admirälen. Der Familientradition folgend besuchte er die Marineakademie in Annapolis und stieg zum Marinepiloten auf.

Als die USA ihr Militärengagement in Vietnam verstärkten, meldete er sich für Kampfeinsätze. Bei einem Bomberangriff am 26. Oktober 1967 über Hanoi geriet sein Flugzeug unter gegnerisches Feuer. Abgeschossen und schwer verwundet wachte McCain in nordvietnamesischer Gefangenschaft wieder auf. Fünfeinhalb Jahre erduldete er die Kriegsgefangenschaft bei den Vietcong, in der er schwer gefoltert wurde.

Seine Vietnam-Erfahrungen haben McCains Sicht auf die Rolle Amerikas in der Welt stark geprägt. Seine Politikkarriere begann 1983 als er für die Republikaner ins Repräsentantenhaus einzog. Schon vier Jahre später wechselte er in den Senat und vertrat dort Arizona. Während seiner langen Zeit als Senator wurde McCain zur führenden Figur in außen- und verteidigungspolitischen Fragen. 2008 wollte er es noch einmal wissen. Er sicherte sich die Nominierung der Republikaner, war dann aber Leidtragender der Wirtschaftskrise, die die Finanzmärkte an den Rand des Zusammenbruchs führte. Auch deshalb verlor er gegen den charismatischen Barack Obama.

Eine der wichtigsten Entscheidungen als Senator traf er im Sommer 2017 kurz nach der Diagnose seines Gehirntumor. In einer nächtlichen Sitzung des Kongresses rettete McCain mit seiner Stimme die allgemeine Krankenversicherung „Obamacare“. Mit dem Tod McCains geht ein Stück Zivilisiertheit in der amerikanischen Politik zu Ende.

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