Eier kraulen mit Poldi – Sehnsucht nach einem besonderen Spieler

Der freut sich: Lukas Podolski.
Der freut sich: Lukas Podolski.

shz.de von
28. Juni 2018, 15:01 Uhr

Wahrscheinlich begann die Krise des deutschen Fußballs schon im August 2016. Da erklärte Lukas – „Poldi“ – Podolski seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Dieser Abschied fiel aus sportlicher Sicht kaum ins Gewicht, denn Podolski spielte schon lange nicht mehr die Rolle, in die er einst als schussstarker Intuitions-Stürmer gewachsen war. Aber der Überzeugungs-Kölner fehlte als Mensch, als Korrektiv und, ja, auch als Clown.

Beim WM-Gewinn 2014 in Brasilien stand Podolski in sieben Spielen ganze 54 Minuten auf dem Platz. Trotzdem verbreitete er immer und überall nur gute Laune: Breites Grinsen, Daumen hoch – et hätt noch immer jot jejange.

Er versteckte Hotelschlüssel, er aß ungehemmt Chips und filmte 2006 während des Sommermärchens mit der sogenannten „Poldicam“ im heiligsten der Mannschaft: in Umkleide und Dusche, kaum bekleidete Mitspieler inklusive. Ach ja, der Poldi. Irgendwie fehlt er uns, aber vor allem fehlt er der aktuellen National-Mannschaft. Das wird gerade in diesen Tagen deutlich, in denen Deutschland zurecht nach der Vorrunde ausgeschieden ist.

Es gibt viele Gründe für dieses Scheitern , der wesentlichste ist offensichtlich: die fehlende Lockerheit. An Talent jedenfalls mangelte es diesem Kader nicht.

Allerdings wirkte die deutsche Mannschaft während des ganzen Turniers ähnlich freudvoll wie Angela Merkel vor dem Koalitionsgipfel mit der CSU. Es fehlten Spontanität, Kreativität und vor allem: Spaß. Aber ohne Spontanität und ohne Spaß kann Kreativität im Spiel gar nicht erst entstehen. Die deutsche Mannschaft stand sich selbst im Weg.

Zumal Thomas Müller, der einzige halbwegs geeignete Nachfolger in der Poldi-Rolle, viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. So ist also das, was hängen bleibt vom deutschen WM-Auftritt, diese Ernsthaftigkeit, dieses Gemaule, diese Sprachlosigkeit.

DFB-Präsident Reinhard Grindel hat nach Podolskis Rücktritt einen bemerkenswerten Satz gesagt: „Mich hat beeindruckt, wie er sich bei der EM in Frankreich um die jüngeren Spieler gekümmert hat.“ Die Nominierung Podolskis für diese Europameisterschaft 2016 war umstritten. Weil er kaum noch spielte, wurde er als „Maskottchen“ verhöhnt, was natürlich eine böse Beleidigung war. Er gab in Frankreich schließlich eine Mischung aus Trainingsgast und Mannschafts-Außenminister. Seinen größten Auftritt hatte Poldi, als Jogi Löw während der EM die Hand ausrutschte. „80 Prozent von euch – und ich auch – kraulen sich auch mal an den Eiern“, sagte Poldi – und damit war die Sache durch. Zack, Bumm. So wie er spielte, sprach er auch.

Dieser Tage hat man gesehen, wie sehr ein Typ wie Podolski in Russland gefehlt hat. „Ein Weltmeister im Teambuilding“ – so hat DFB-Präsident Grindel ihn genannt. Recht hat er.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen