Ohne Grund und Boden : Dürre im Norden: Warum Äcker wie Schwämme sind

Die Landwirte im Norden rechnen mit hohen Ernteausfällen.
Die Landwirte im Norden rechnen mit hohen Ernteausfällen.

Intensive Landwirtschaft, Trockenheit und Erosion haben die Erde ausgelaugt. Sie ließe sich wieder fruchtbar machen.

shz.de von
17. August 2018, 20:52 Uhr

Wenn Frank Ewert von Böden redet, spricht er erst einmal von Schwämmen. Von Haushaltsschwämmen, über die man Wasser aus dem Hahn laufen lässt, mit denen man etwas aufwischt und die man dann trocknen lässt. Ewert ist Direktor des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung im brandenburgischen Müncheberg. „Mit den Schwämmen“, sagt er, „ist es wie mit den Böden.“ Und die trockenen Böden sind in diesem Sommer ein riesiges Problem.

„Ein schöner, langsamer Sommerregen ist genau das, was sich Bauern wünschen“, sagt Ewert. Dann kann das Wasser langsam in den Boden sickern und ihn gleichmäßig durchnässen. Wie ein staubtrockener Schwamm, den man erst einmal einweichen muss, bevor man mit ihm den Tisch wischt. Der Schwamm kann das Wasser dann gleichmäßig abgeben. Genauso würde der Boden das Wasser speichern und bis zum nächsten Regen an die Pflanzen abgeben können. Aber: Da ist kein Regen. Seit dem Frühling herrscht Dürre in Brandenburg. Anfangs freute man sich noch über die hohen Temperaturen, die das Heranreifen auf den Feldern beschleunigten. Doch Hitze und Trockenheit halten nun schon viel zu lange an.

Hohe Ernteverluste im Norden

Wohin wird das führen, fragen sich Forscher und Landwirte nun. Schon jetzt beklagen Bauern in ganz Deutschland massive Ernteausfälle durch die anhaltende Dürre. Niedersachsen erwartet die schlechteste Getreideernte seit über 40 Jahren. Schleswig-Holstein rechnet mit Ernteverlusten von 30 bis 35 Prozent. Der Deutsche Bauernverband hat seine Ernteprognose in den vergangenen Tagen noch einmal nach unten korrigiert. Statt der zuletzt geschätzten 41 Millionen Tonnen Getreide rechnet man nun nur noch mit einer Erntemenge von rund 36 Millionen Tonnen. 2017 waren es noch 45,3 Millionen Tonnen.

Auch die Forstwirte beklagen große Verluste. Viele neu gepflanzte Bäume vertrocknen, weil sie keine Chance haben, genug Wasser zu bekommen. Ihre Wurzeln sind noch nicht tief genug, um das Grundwasser zu erreichen. Andernorts brechen sogar Rohrleitungen, weil der Boden um sie herum steinhart geworden ist. In den vergangenen Tagen ist das unter anderem in Jena, Chemnitz und Magdeburg passiert. Schon leichte Erschütterungen setzen die Rohre im Boden dann so sehr unter Spannung, dass sie brechen. Sommerfrost nennen Experten das Phänomen.

Trockenheit und Hitze befeuern sich gegenseitig

Es ist ein Teufelskreis, der den Zustand der Böden bestimmt. Trockenheit und Hitze befeuern sich gegenseitig. „Hohe Temperaturen beschleunigen zum einen das Austrocknen der Böden“, schreibt der niederländische Forscher Adriaan Teuling im Fachblatt „Nature Communications“. „Trockene Böden wiederum erhitzen die Atmosphäre, weil sie weniger Wasser enthalten, das durch Verdunstung die Luft kühlen würde.“

Ein einzelnes Sommergewitter hilft dann nur wenig. Auch das liegt daran, dass manche Böden wie Schwämme sind. Hält man den ausgetrockneten Schwamm kurz unter einen starken Wasserstrahl, wird er nur außen nass, sagt der Agrarforscher Ewert. Das Innere des Schwamms bleibt trocken. Auch bei einem kurzen, heftigen Sommergewitter, das auf ein ausgedörrtes Feld prasselt, dringt das Wasser nicht in tiefere Lagen vor. Ist der Regen besonders stark, staut sich das Wasser sogar an der Oberfläche.

Da unterscheiden sich Schwamm und Boden. Denn ein sandiger Boden ist kein Schwamm, der von seiner Struktur zusammengehalten wird. Sondern ein Zusammenhalt von großen, kleinen und winzigen Steinchen. Staut sich das Wasser an der Oberfläche, löst es ihren Verbund. Fließt es ab, schwemmt es kleine Steinchen davon. Und damit Teile der Bodenschicht, die für das Ackerland am wertvollsten ist: die Ackerkrume.

Der Boden reicht an manchen Orten mehrere Meter in die Tiefe. Die wichtigsten Prozesse aber spielen sich immer in den oberen 20 bis 30 Zentimetern ab. Die meisten Nutzpflanzen wurzeln weniger als einen halben Meter tief. Das liegt daran, dass sich in diesen oberflächennahen Schichten die meisten Nährstoffe befinden. Sie entstehen aus abgestorbenen Pflanzenresten, die im Boden langsam verfallen. Mikroorganismen machen die Nährstoffe daraus für neue Pflanzen verfügbar. Humus nennt man diesen wichtigen Anteil im Erdboden. Er besteht zum größten Teil aus Pflanzenresten, aber auch aus Klein- und Kleinstlebewesen.

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Intensive Landwirtschaft rächt sich derzeit

Wenn es heiß ist, sterben einige von ihnen – Regenwürmer etwa, die massenmäßig den größten Anteil der Lebewesen im Boden ausmachen. Viele Bodenbakterien dagegen reagieren auf die Hitze: Sie bilden eine Schutzschicht, die sie gegen die hohen Temperaturen schützt. So können sie lange Zeit im Boden überdauern, auch bei Dürre. Wenn Regen fällt und der Boden aufweicht, werden sie wieder aktiv. Dann können sie die Pflanzenreste im Boden wieder zu Nährstoffen verarbeiten. Vorausgesetzt, sie sind vorhanden: Bodenorganismen und Pflanzenreste.

Wo viel Ertrag gewünscht war, ist der Humus in den vergangenen Jahrzehnten schneller verschwunden, als er neu gebildet werden konnte. Die fehlenden Nährstoffe wurden durch Gülle und Dünger ausgeglichen. Mit ihnen blieb auch humusarmes Ackerland fruchtbar, die Ernten stimmten.

Doch in extremen Zeiten wie diesen, in denen der Boden zum trockenen Schwamm wird, rächt sich die intensive Landwirtschaft. Denn ohne Humus sind die Böden nicht nur weniger fruchtbar, sondern auch empfindlicher. Der Humus verhindert, dass Wind und Regen die Sandkörnchen abtragen können. Ohne Humus weht der Wind die wertvolle Ackerkrume einfach weg. Zurück bleibt ein karger, unfruchtbarer Boden.

Zwar lässt sich der nährstoffreiche Humus wieder aufbauen, indem die Felder nicht mit Getreide, sondern mit Lippenblütlern bepflanzt werden. Lupinen zum Beispiel, die Nährstoffe in den Boden einbringen und ihn mit ihren Wurzeln auflockern. Doch Lupinen brauchen Zeit zum Wachsen. Zeit, in der das Feld nicht mit Ackerfrüchten bestellt werden kann. Für die Bauern heißt das: Ernteausfälle.

Ackerland enthält 30 bis 40 Prozent weniger Humus als ungenutzter Boden, sagt Axel Don. Er kennt wie kein anderer den Zustand der Ackerböden in Deutschland. Don ist stellvertretender Leiter des Thünen-Instituts für Agrarklimaschutz in Braunschweig. Hier wird der Zustand landwirtschaftlich genutzter Böden in Deutschland in einer bislang einzigartigen Inventur erhoben. Zum Beispiel: Wie hoch ist der Anteil von Ton in einem Boden? Daran könnte man abschätzen, wie viel Wasser er speichern kann. Wie groß sind die Körner, aus denen er sich zusammensetzt? Wie hoch ist der pH-Wert? Wie viel Eisen, Carbonat und, vor allem, wie viele Nährstoffe enthält er? Solche und weitere Faktoren sind wichtig, wenn man wissen will, wie es den Böden geht.

Seit zehn Jahren läuft das Projekt. Die Forscher des Instituts haben ein Raster über Deutschland gelegt und das Land dabei in acht mal acht Kilometer große Quadrate zerlegt. Dort, wo ein Acker liegt, sind sie mit dessen Eigentümer in Kontakt getreten, um ein Loch in seinen Acker zu graben. An mehr als 3000 Orten in Deutschland wurde der Boden beprobt, mehr als 175.000 Proben sind zusammengekommen. Ende dieses Jahres sollen alle Daten ausgewertet sein. Eines zeigt sich jetzt schon: In Brandenburg, wo die Dürre nun besonders ihren Tribut fordert, sind die Böden von Natur aus arm an Humus. Und sie sind arm an Ton, können also wenig Wasser speichern. Brandenburg ist deshalb für Trockenheit besonders anfällig. Was also, wenn die kommenden Sommer auch Dürren bringen – wird das Land dann zur Wüste werden?

Don bleibt optimistisch. Auch sandige Böden, wie die in Brandenburg, könnten mit der Hitze eigentlich umgehen, sagt er. Manche trocknen vielleicht schneller aus, andere sind so nährstoffarm, dass sie nur Lebensraum für Spezialisten bieten. Trotzdem finden sich meist noch Pflanzen, die auf ihnen gedeihen können. Selbst auf sandigen Böden, auch bei dieser Hitze. Wenn man aber reiche Ernten haben will, sagt Axel Don, dann müsse man sich um seine Böden kümmern. Sodass sie auch nach der Hitze weiter bestehen können.

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