Kommentar: Mehr kontrollieren! : Drogen am Steuer: 639 im ersten Halbjahr erwischt – Polizei greift hart durch

Es wurden im ersten Halbjahr mehr berauschte Fahrer erwischt. Sechs Verkehrsunfälle unter Drogen führten zu Schwerverletzten.

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05. August 2019, 20:31 Uhr

Kiel | Auf Schleswig-Holsteins Straßen hat die Polizei im ersten Halbjahr häufiger von Drogen berauschte Fahrer am Steuer erwischt: 639 Verkehrsteilnehmer gingen den Beamten bei Kontrollen ins Netz. „Das waren 74 mehr als in den ersten sechs Monaten des Vorjahres“, wie Jürgen Czerwonka, Sprecher im Landespolizeiamt erklärte.

Bei der jüngsten Kontrollwoche im Juni sei gegen 26 Fahrer eine Anzeige wegen des Besitzes von Drogen erstattet worden, so der Sprecher. Wenn nicht nur der Reifen breit ist, sind die Folgen oft besonders schwerwiegend. Im ersten Halbjahr 2019 nahm die Polizei sechs Verkehrsunfälle mit Schwerverletzten auf, bei denen Drogen im Spiel waren.

  • 2018 gab es laut Statistik 75 Leicht- und 35 Schwerverletzte bei Unfällen „unter dem Einfluss berauschender Mittel.“ Fünf Menschen starben. Insgesamt standen 2018 bei Kontrollen 1246 Fahrer unter Drogeneinfluss. Die Altersgruppe von 25 bis 35 war dabei überproportional häufig vertreten.

Harte Regeln bei Verstößen

Der Gesetzgeber trägt der Gefahr durch Drogen am Steuer durch eine „Nulllinie“ bei den Grenzwerten Rechnung. „Weil bei Drogen die Wirkung nicht wie bei Alkohol linear zur aufgenommenen Menge verläuft und somit unkalkulierbarer ist“, wie ein Tüv-Sprecher erklärt. Einzige Ausnahme ist Cannabis. Trotzdem sind Kiffer ihren Führerschein schneller los als alkoholisierte Autofahrer.

Ein Nanogramm des Wirkstoffs THC pro Milliliter Blut reicht in Deutschland für den Entzug der Fahrerlaubnis, man muss also nicht einmal akut berauscht sein. Zum Vergleich: Die Schweiz hat den Grenzwert auf drei Nanogramm festgelegt. Dafür ist auch der Deutsche Verkehrsgerichtstag.

Die meisten Autofahrer unter Drogen wurden vergangenes Jahr im Kreis Stormarn erwischt (216), gefolgt von Lübeck (124). Am vernünftigsten scheinen die Autofahrer im Kreis Plön zu sein (17), gefolgt von Neumünster (30). Bedeuten nun die jüngsten Zahlen, dass mehr Autofahrer Drogen nehmen? Jürgen Czerwonka verneint das:

Der Anstieg der festgestellten Taten ist auf die Erhöhung der polizeilichen Kontrollaktivität zurückzuführen. Jürgen Czerwonka

In Schleswig-Holstein ist die Zahl im Jahresvergleich trotz intensiverer Kontrollen sogar rückläufig. 2017 wurden 1259 Fahrer im Drogenrausch erwischt und 2016 waren es noch einmal mehr: 1505.

Eine deutschlandweite Auswertung der Statistik durch das Bundesverkehrsministerium (2007 bis 2017) zeigt allerdings, dass innerhalb von zehn Jahren die Zahl der Unfallverursacher unter dem „Einfluss anderer berauschender Mittel“ als Alkohol um fast 42 Prozent angestiegen ist. 

Mehr kontrollieren als bisher

Ein Kommentar von Eckhard Gehm

Der größte Kokainfund der deutschen Justizgeschichte im Hamburger Hafen zeigt es: Die Drogenkartelle, deren industrialisierter Schmuggel mit Pablo Escobar in Medellín (Kolumbien) begann, sind aktiver denn je. Weltweit. Auch Europa ist ihr Ziel, und  sie werden den Verlust von fast einer Milliarde Euro verschmerzen können.

In Schleswig-Holstein sind 2018 mit 10.000 Fällen von Rauschgiftkriminalität so viele Verfahren eingeleitet worden wie nie zuvor. Regelmäßig nimmt die Polizei  Cannabis-Plantagen hoch und kämpft gegen Darknet-Plattformen, die den Kauf aller möglichen Substanzen ermöglichen, ohne in dunkle Bahnhofsecken schleichen zu müssen.

Keine Frage: Konsum und Handel von Drogen haben zugenommen. Das gefährdet auch das Leben völlig Unbeteiligter. Nämlich dann, wenn sich zugedröhnte Kiffer oder Kokser ans Steuer setzen und Unfälle verursachen. 141 Schwerverletzte und zehn Tote waren in den vergangenen fünf Jahren im Norden die Folge.

Für die Polizei bedeutet das: Mit ihrem zusätzlichen Personal sollte sie noch mehr kontrollieren als bisher. Und die Urteile dürfen nicht zu lasch sein. So hat zum Beispiel das Amtsgericht München einem berauschten Fahrer sein Auto ersatzlos eingezogen.

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