Neuwittenbek : DRK Neuwittenbek: Eine Nachkriegsgeschichte

Die DRK-Vorsitzende Evelyn Kaliebe vor der Ausstellung.
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Die DRK-Vorsitzende Evelyn Kaliebe vor der Ausstellung.

Nach dem Krieg mussten die Neuwittenbeker nicht nur Hunger und Armut erleiden, sondern auch hunderte Flüchtlinge mitversorgen: Die Geburtsstunde des DRK-Ortsvereins.

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13. Juni 2018, 18:35 Uhr

Neuwittenbek | Der dreijährige Mats zielt mit einem Schlauch auf die kleinen gelben Bälle auf einem Eisengestell. Er hat einen Riesenspaß daran, sie mit dem Wasserstrahl nacheinander auf die Wiese zu befördern. Die Freiwillige Feuerwehr hat zum DRK-Jubiläum an der Klaus-Stein-Halle Wasserspiele für die Jüngsten aufgebaut. Das Feuerwehrauto kann besichtigt werden. Die Kameraden grillen Würstchen. Was wäre das Dorf ohne Deutsches Rotes Kreuz und Freiwillige Feuerwehr? Man hilft sich gegenseitig und feiert gemeinsam. Ein paar Meter weiter sitzt Elisabeth Stein (80) bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen im Zelt. Sie ist einer von 710 Gründen, warum vor 70 Jahren in Neuwittenbek das Deutsche Rote Kreuz gegründet wurde. Als Siebenjährige kam sie im März 1945 nach der Flucht aus Ostpreußen gemeinsam mit ihrer Mutter, zwei älteren Schwestern, Onkel, Tante und Großeltern in Neuwittenbek an. Bomben, Hunger, Krankheiten, Kälte bedrohten das Leben der Flüchtlinge unterwegs. Der Winter 1945 war bitterkalt. Die Familie kam im Hof Neuwittenbek unter. Insgesamt 50 Flüchtlinge lebten dort. „Der Saal war mit Wolldecken getrennt, um wenigstens ein Minimum an Intimsphäre zu gewährleisten“, erinnert sie sich. An ihre bescheidene Kindheit auf dem Hof hat sie nicht nur schlechte Erinnerungen. „Für uns Kinder war das auch schön. Es waren immer Kinder da. Es war immer etwas los.“ An Hunger erinnert sie sich nur indirekt, an Beulen an den Beinen. „Das waren wohl Hunger-Symptome.“ Die anderen Flüchtlinge wurden in die übrigen Häuser und kleinen Bauernhöfe aufgeteilt. Aus 332 Neuwittenbeker Einwohnern waren durch Flüchtlinge und Kriegsheimkehrer bis 1946 1042 Einwohner geworden. Dabei war die Gemeinde schon vor dem Krieg arm gewesen. Zerstörungen von Wohnhäusern und Wirtschaftsgebäuden durch Bomben kamen dazu. Und dann die vielen Flüchtlinge, die alles verloren hatten. Ein wenig Entspannung bei der Unterbringung der Flüchtlinge gab es, als 1946 die britischen Soldaten das Landwehrlager räumten und so 200 Flüchtlinge eine vorläufige Bleibe fanden. Dennoch blieb die Not groß, denn es fehlte an allem – an Nahrung und Kleidung. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Die Not verschärfte sich dadurch weiter, dass die Kinder wuchsen und es keine Kinderkleidung gab. In dieser Situation hatte Marga Görche, die – selbst Kriegerswitwe – zu ihrer Mutter auf den Hof Neuwittenbek geflohen war und jetzt Verantwortung für 50 Flüchtlinge hatte, die Idee in Neuwittenbek einen Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes zu gründen.

Am 22. Januar 1948 war es dann soweit. Marga Görche wurde erste Vorsitzende, die zweite Vorsitzende war eine Flüchtlingsfrau. Ortschronistin Marianne Wolff hat bei ihren Recherchen herausgefunden, dass sich die Flüchtlinge von Anfang an selbst engagierten, um ihre Situation zu verbessern. „Es kam zu einem gemeinsamen Handeln von Einheimischen und Flüchtlingen.“ Zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten stellte sie in einem Vortrag die Neuwittenbeker Nachkriegsgeschichte und die Gründungsgeschichte des DRK-Ortsvereins nach. Das DRK arbeitete mit dem britischen Hilfswerk zusammen. So kamen Lebensmittel in das Dorf. Es war die Geburtsstunde der Schulspeisung. Gekocht wurde ehrenamtlich. Kleidersammlungen wurden organisiert. Angenommen wurde alles, auch zerrissene und verfärbte Kleidungsstücke. Frau Willrudt arbeitete als ehrenamtliche Schneiderin und machte auch aus den Resten noch brauchbare Kinderkleidung. „Verteilt wurde nach Bedürftigkeit. Da konnte sich niemand etwas aussuchen“, so Marianne Wolff. „Die Flüchtlinge haben Neuwittenbek verändert. Da war es plötzlich nicht mehr wichtig, ob jemand vorher Magd oder Herrin war. Es ging nur noch ums Überleben.“

Es dauerte lange, bis alle Flüchtlinge mit Wohnraum versorgt waren. In den 50er-Jahren wurde die Siedung Bölskamp für die Füchtlinge gebaut. Elisabeth Stein bewohnte mit ihrer Mutter und den beiden Schwestern bis 1957 ein winziges Zimmer auf dem Hof Neuwittenbek. Jahrzehntelang ist sie danach nicht mehr auf dem Hof gewesen. Vor wenigen Jahren erst war sie zusammen mit ihrer Enkelin dort. „Es hat sich seit damals viel verändert.“

Eine kleine historische Ausstellung und Gästebücher aus den vergangenen Jahrzehnten luden zum Hinschauen ein, ließen für viele ihre erlebte Geschichte zusätzlich lebendig werden. Jetzt feierten sie alle gemeinsam: Die alten Neuwittenbeker, die in schwerer Zeit gemeinsam den Neuanfang organisierten, die Nachgeborenen, die von den leidvollen Erfahrungen ihrer Eltern geprägt wurden und die Jungen, die sich nicht vorstellen können, wenn selbst die lebensnotwendigen Dinge einfach nicht da sind. Und mittendrin der dreijährige Mats.


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