Dieselautos werden zum Autohaus-Hüter

Nur noch sehr schwer verkäuflich: Dieselfahrzeuge stehen mittlerweile bei vielen Autohäusern monatelang im Hof.
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Nur noch sehr schwer verkäuflich: Dieselfahrzeuge stehen mittlerweile bei vielen Autohäusern monatelang im Hof.

Abgas-Skandal für viele Betriebe „existenzbedrohend“ / Kfz-Gewerbe fordert Zwang zu Hardware-Nachrüstung

shz.de von
11. Mai 2018, 19:52 Uhr

Die Dieselkrise setzt das Kraftfahrzeuggewerbe schwer unter Druck. „Für viele Betriebe ist das existenzbedrohend“, sagte Jürgen Karpinski, Präsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK). „Wir haben zurzeit über 350 000 Euro 5-Diesel-Fahrzeuge auf unseren Höfen stehen mit einem Wert von 4,5 Milliarden Euro, die nur schwer verkäuflich sind. Das sind Verluste von Hunderten von Millionen für den Handel.“

„In Schleswig-Holstein sind wir glücklicherweise nicht ganz so angespannt unterwegs“, sagte Jan-Nikolas Sontag, Geschäftsführer beim Verband Kfz-Gewerbe Schleswig-Holstein, gestern auf Anfrage. Der Landesverband in Kiel vertritt nach eigenen Angaben 18 Kfz-Innungen mit fast 1500 Mitgliedsbetrieben. Gleichwohl gebe es auch in Schleswig-Holstein Betriebe, für die die jetzige Situation existenzbedrohend sei. So gebe es im Hamburger Randgebiet durchaus Autohäuser, bei denen einige Diesel-Fahrzeuge seit mehr als einem Jahr nahezu unverkäuflich sind. Exakte Zahlen für Schleswig-Holstein gebe es derzeit nicht, so Sonntag. Aber er rechne mit insgesamt etwas mehr als 10 000 Diesel-Fahrzeugen, die im Norden nur schwer verkäuflich im Handel stehen. Allerdings: „Je mehr Sie in den ländlichen Raum gehen, desto mehr normalisiert sich die Lage“, sagte Sontag weiter. Anders als auf dem Land sei die Situation vor allem in großen Ballungszentren bedrohlich – wie im Rhein-Main-Gebiet oder im Raum Köln-Bonn.

Es geht aber nicht nur um den Verkauf. Vielmehr stimmten die Restwerte bei Leasing-Autos, die zurück an den Handel gingen, nicht mehr. „Es gibt Abschläge von 10 bis sogar 50 Prozent“, sagte ZDK-Präsident Karpinski. Die ohnehin niedrigen Margen gerieten für die meist mittelständischen Betriebe damit weiter unter Druck. Dies komme zwar auch komme in Schleswig-Holstein zum Tragen, bestätigte Sontag. „Allerdings haben wir hierzulande eine geringere gewerbliche Quote und damit auch weniger Rückläufer“, sagte Sontag. Trotzdem gelten auch im Norden für Leasing-Rückläufer, die jetzt zurückgenommen werden müssten, noch deutlich höhere Rückkaufswerte, die am Ende ein Verlustgeschäft bedeuten könnten. Denn: „Meistens läuft so ein Leasing-Vertrag über drei Jahre“, erklärte Sonntag. „Und vor drei Jahren gab’s die Dieselkrise noch nicht.“ Die nahm am 3. September 2015 ihren Anfang – ein Datum, „das sich bei allen Händlern tief ins Gedächtnis eingebrannt hat“, sagte Sontag.

Nicht zuletzt: Zum gesamten Dilemma kämen noch hohe Rabatt-Erwartungen. „Wir müssen richtig Geld in die Hand nehmen. Aber die finanziellen Mittel der Betriebe sind begrenzt“, sagte Karpinski. Der ZDK-Präsident forderte mehr Unterstützung von der Bundesregierung. „Die Politik tut nichts für den sonst viel gerühmten Mittelstand. Wir fordern schon seit Beginn der Krise eine Nachrüstung der Hardware. Das ist möglich. Wir sprechen hier in der Hauptsache von Volumen-Fahrzeugen wie dem Golf oder dem Passat. Das würde enorm viel bringen. Dass das Geld kostet, ist uns klar.“

In der Bundesregierung indes ist umstritten, ob zur Senkung des Schadstoffausstoßes auch Umbauten direkt an den Motoren durchgesetzt werden sollen – sogenannte Hardware-Nachrüstungen. Die Autohersteller lehnen diese als zu aufwendig und teuer ab.

Hardware-Nachrüstungen aber wären das entscheidende Signal, um die Dieselkrise zu beruhigen. „Das würde die Restwerte stabilisieren, die Finanzlage der mittelständischen Betriebe stabilisieren und drohende Fahrverbote verhindern. Die Politik muss das verordnen.“ Die Verbraucher seien sehr verunsichert. „Der Kunde hat vor zwei Jahren im Vertrauen auf die Politik einen neuen Diesel gekauft. Und nun droht eine Enteignung“, sagte Karpinski.

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