Die Wohnungssuche greift ins Leere

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Geringverdiener sind bei der Suche nach bezahlbarem Wohnraum auch in Uetersen oft lange erfolglos

shz.de von
31. Juli 2018, 16:12 Uhr

Bezahlbarer Wohnraum, den Menschen mit geringem Einkommen, Rentner, Kranke, Arbeitslose oder Flüchtlinge dringend benötigen, ist deutschlandweit knapp. Wie die Entwicklung in Uetersen ist, berichten Vermieter, Verwaltungsmitarbeiter und Mitarbeiter von Beratungsstellen. Einhelliger Tenor: Auch in der Rosenstadt sind günstige Wohnungen rar. Es gibt aber Ideen, vorhandenen Wohnraum besser zu nutzen.

Die Gemeinnützige Bau- und Siedlungsgenossenschaft Pinnau in Uetersen verzeichnet beim Ansturm auf Wohnraum eine deutliche Zunahme. Die Wohnungsbaugesellschaft hat 660 Wohnungen im Bestand, davon ungefähr ein Drittel öffentlich gefördert. Waren es in 2017 noch 300 Personen, die auf der Warteliste standen und somit auf eine freie Wohnung warteten, sind es derzeit bereits 370.

Joachim Naumann (Foto) ist im Namen der privaten Eigentümer des Objekts Projektbetreuer für die 26 Einzimmerwohnungen über Woolworth. „Die Nachfrage ist ungebrochen hoch“, berichtet er. Pro Woche könne er zusätzlich zwei bis drei dieser Wohnungen, die im unteren Level der Mietpreise angesiedelt sind, vermieten. „In Uetersen fehlen anscheinend Kleinraumwohnungen“, so sein Rückschluss. Aus anderen Objekten, um die er sich kümmert, weiß er: „Barrierefreier Wohnraum wird im gesamten Kreis Pinneberg benötigt, hier liegen die Mietpreise gern bei elf bis zwölf Euro kalt pro Quadratmeter.“

Wie die Stadtverwaltung unserer Zeitung mitgeteilt hat, geht die Anzahl der ausgestellten Wohnberechtigungsscheine nach oben. Dabei handelt es sich um einen Nachweis, den Wohnungssuchende mit geringem Einkommen erhalten, um öffentlich geförderten Wohnraum zu beziehen. Bei diesen Wohnungen darf der Vermieter eine durch das Land festgelegte Höchstmiete nicht überschreiten. „Seit einigen Jahren werden es jedes Jahr mehr Wohnberechtigungsscheine“, so Verwaltungsmitarbeiter André Marten. Von 2014 bis 2017 ist die Anzahl der pro Jahr ausgestellten Scheine sukzessive von 88 auf 129 angestiegen. Geförderter, günstiger Wohnraum wird also verstärkt nachgefragt. Die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt führt in der Rosenstadt derzeit indes nicht zu einem Anstieg der Obdachlosigkeit. „Die Lage hat sich zur Vergangenheit etwas stabilisiert und die Zahl der Obdachlosen ist etwas zurückgegangen“, so Ordnungsamtsleiter Victor Delva. „Bisher konnten alle Personen, die tatsächlich keine Bleibe hatten, auch durch das Ordnungsamt in städtischen Einrichtungen untergebracht werden.“ Ab Anfang des Monats ist eine Sozialarbeiterin für den Bereich des Obdachlosenwesens bei der Stadt beschäftigt, die ein Abrutschen gefährdeter Personen in die Obdachlosigkeit verhindern soll. Doch Delva berichtet auch: „Es ist für die Obdachlosen und für den von Obdachlosigkeit bedrohten Personenkreis oftmals schwierig, bezahlbaren oder den vom Jobcenter anerkannten und angemessenen Wohnraum auf dem freien Markt zu finden.“

Über einen Engpass an günstigem Wohnraum berichtet auch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Uetersen, Christiane Greve (Foto). Ihre Sprechstunde wird des Öfteren von Menschen konsultiert, die sich trennen möchten. „Da will man natürlich auch aus der räumlichen Nähe raus“, sagt Greve, „doch je enger die finanziellen Möglichkeiten sind, desto eher wird eine Trennung nicht oder später vollzogen, weil keine Wohnung gefunden wird.“ Das sei den Familien nicht zuträglich.

Auch auf die Frauenhäuser in Wedel, Pinneberg und Elmshorn hat der Mangel an bezahlbaren Wohnungen Auswirkungen. „Oft sind die Frauen aus der akuten Krisensituation eigentlich raus, bleiben aber im Frauenhaus, weil die Wohnungssuche erfolglos bleibt“, berichtet Greve, die über den „Arbeitskreis Gewalt“ über die Entwicklung im Kreis informiert wird. In der Folge bleiben Plätze blockiert, die eigentlich für Frauen in Not vorgesehen sind. Der Wohnungsengpass müsste nicht sein, findet Greve. „Es gibt ja Wohnungen, wenn ich Geld habe, finde ich auch eine“, sagt sie und konstatiert: „Das Gemeinwesen sollte zum Ziel haben, genügend bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen.“


Wohnen für Hilfe ist eine alternative Perspektive

Eine alternative Perspektive ist für sie das Konzept „Wohnen für Hilfe“, das bereits in vielen deutschen Großstädten, darunter auch Hamburg, angelaufen ist. „Ältere Menschen, die oft mehr Platz haben, als sie benötigen, nehmen Jüngere wie zum Beispiel Auszubildende bei sich auf“, erläutert die Gleichstellungsbeauftragte. Dafür leisten die Jungen Haus- und Gartenarbeit und müssen sich lediglich an den Betriebskosten beteiligen. „Das hat sich in vielen Fällen bewährt“, weiß Greve zu berichten, die sich das Modell auch in Uetersen vorstellen kann. Damit Alt und Jung auch zusammenpassen, bedarf das Projekt allerdings einer Betreuung von außen.

Kirsten Wolf-Niederhausen (Foto) vom Seniorenbeirat beobachtet, dass Witwer oder Witwen in ihren Einfamilienhäusern wohnen bleiben, weil sie keine bezahlbaren Wohnungen finden. „Mir hat gerade eine alte Dame gesagt: ‚Ich muss in meinem Haus bleiben, ich kann keine Miete zahlen‘“, so Wolf-Niederhausen. Natürlich wollten die meisten älteren Menschen in ihrem Zuhause wohnen bleiben, doch irgendwann geht das nicht mehr, die Arbeit rund um Haus und Garten wird ihnen zu viel. Wenn man den älteren Leuten günstige Wohnungen oder bezahlbares betreutes Wohnen anböte, könne man den Wohnungsmarkt an anderer Stelle entspannen. „Denn dann würden ja wieder Häuser frei, in die junge Familien ziehen könnten“, sagt die Seniorenvertreterin.

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