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„Die Wischiwaschi-Zeiten sind vorbei“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

shz.de von
erstellt am 31.Aug.2013 | 00:33 Uhr

Gastrednerin der Absolventen-Feier war Silke Burmester (47), Spiegel-Online-Kolumnistin und Buchautorin („Das geheime Tagebuch der Carla Bruni“). Ihr Rat an die jungen Redakteure: Findet das Besondere, in und mit dem Ihr glänzen könnt und werdet.

Als ich mein Abitur hatte, war ich 26 Jahre alt. Mein Volontariat bei der „Szene Hamburg“ bekam ich, weil ich in einer Kneipe arbeitete, in die die Chefredakteurin sonntags abends zum Kiffen kam. Als ich sie später wiedertraf, bot sie mir ein Praktikum an, kaum war ich bei der „Szene Hamburg “angekommen, verließ sie nach einer Auseinandersetzung mit der Geschäftsführerin von einer Minute auf die andere die Redaktion. Der Volontär wurde Chefredakteur und ich Volontärin. Später wurde mir klar: Die Leute, die Journalismus studierten, waren die, die für die Praxis nicht geeignet sind.

Heute bekommt man ohne Studium kein Volontariat und Journalismus zu studieren ist oft genug ein Akt der Verzweiflung derjenigen, die unbedingt Journalist werden wollen, aber kein Volontariat bekommen. Nicht, weil sie nicht bereits studiert hätten, sondern weil, wie wir wissen, der Markt schrumpft. Blätter eingehen, dichtgemacht werden. Jemand wie ich – 26 und noch nix zu Wege gebracht – hätte heute kein Chance mehr. Wohlmöglich nicht einmal bei der „Szene Hamburg“.

Sie hingegen haben das große Glück, beides in einem zu haben. Volontariat und Studium. Eine Art Zwei in Eins. Nun ist die Situation, wie wir wissen, nicht so toll. Ich möchte Ihnen daher heute etwas mitgeben, etwas, das ich für wichtig halte. Es geht darum, das Eine zu finden, das Eures ist und in dem ihr echt und authentisch seid. Es geht darum, das zu fassen zu bekommen, weil die Erfahrung zeigt, ihr werdet darin gut sein. Man mag sich Dinge antrainieren, lernen können und gut werden. Aber man wird niemals so gut sein, wie in dem einen, das einem entspricht, dieses Eine, das das Eigene ist. Und deshalb ist es wichtig, dass Ihr in Eurem Beruf nicht irgendwas macht. Sondern, dass Ihr das Besondere findet, in und mit dem Ihr glänzen könnt und werdet.

Es wäre nicht so wichtig, da ausführlich drüber zu reden, wenn die Situation nicht so wäre, wie sie ist. Schwierig bis bedrohlich. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Die eine ist, Panik zu schieben. Auf Sicherheit zu setzen. Fiese Kompromisse einzugehen. Und am Ende unglücklich zu werden. Die andere ist, zu gucken, was kann ich eigentlich am besten? Was ist es, das ich machen will? Und es zu tun.

Die Krise der Verlage ist Eure Chance. Langsam kapieren die Verleger, Blattmacher und sogar mancher Geschäftsführer, dass sie etwas machen müssen. Dass sie besser und origineller werden müssen. Die Produkte können aber nicht besser und origineller werden, egal, ob im Print oder Online, wenn Ihr es nicht seid. Und deswegen ist es wichtig, dass Ihr neben dem soliden Standard auch Euch bringt. Eure Form. Eure Idee.

Was ich sagen will ist, findet raus, was Ihr drauf habt und macht es! Durch das Internet habt ihr alle Möglichkeiten. Die Leute lieben das. Die wollen Charakter und ein Gegenüber. Diese Wischiwaschi-Zeit, in der der Autor sich hinter seinem Text versteckt, ist vorbei. Dadurch, dass Ihr mit etwas Eigenem sichtbar werdet, erlangt Ihr Profil.

Aber was soll das bringen?, werdet Ihr fragen. Und ich sage Euch: Das bringt in erster Linie Spaß. Und in zweiter Linie gibt es Euch die Möglichkeit, Euch aus dem Wust der Schreibenden herauszuschälen und gefragt zu sein. Ihr gebt Euch ein Profil und Eurer Arbeit Relevanz. Denn Eure Arbeit wird wichtig, weil sie den Lesern wichtig wird. Weil diese sie mögen.

Das kann einen nicht automatisch vor Entlassung retten oder davor, dass es hart wird. Aber es gibt einem ein gutes Gefühl. Denn es macht Spaß. Es macht Riesenspaß, das zu tun, was in einem steckt und damit Erfolg zu haben. Das allein ist ein so wunderbares Gefühl, dass es ausreicht. Es macht nicht satt, aber es ist die Brücke, die einen über vieles hinwegträgt.

Wenn Eure Idee gut ist, wird sie funktionieren. Denkt nicht lange nach. Geht da raus, sucht Euch das Eine, das Eures ist und setzt es um. Egal, was Andere sagen, egal, welche Zweifel man dazu bemühen könnte. Nachdenken, was schief gegangen ist, könnt Ihr immer noch, wenn es schief gegangen ist. Aber warum sollte es das tun? Ihr habt hier eine Menge gelernt. Ihr wisst, worum es geht. Also nehmt Euer Rüstzeug, die warmen Worte von der Burmester und zeigt den Skeptikern, dass der Journalismus so lange nicht tot ist, so lang wache, neugierige und vor allem motivierte Menschen ihn machen.





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