Die vergessene Revolte der Boomer

Hausbesetzer 1982 in Berlin-Kreuzberg: Fest in der Cuvrystraße, unter anderm von der evangelischen Kirche und den Hausbesetzern in der Straße organisiert.
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Hausbesetzer 1982 in Berlin-Kreuzberg: Fest in der Cuvrystraße, unter anderm von der evangelischen Kirche und den Hausbesetzern in der Straße organisiert.

„Aufprall“: Generationenroman über Kreuzberger Hausbesetzer im Berlin der Achtziger

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04. November 2020, 19:52 Uhr

Berlin | „1981 war sie 21, und das Jahr war kobaltblau.“ Ein Satz wie eine einzige Verheißung von Jugend und Aufbruch. Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland schreiben in ihrem Generationenroman „Aufprall“ komplexere, mit mehr Gedanken beladene Sätze, aber keiner leuchtet so wie dieses kurze Mantra einer Erinnerung, die anrührend durch die Jahre schimmert.

Luise ist die junge Frau, die Overall trägt, Zigarillos raucht und Arno Schmidt liest. Die Studentin kommt aus Heidelberg, taucht ein in die Szene der Hausbesetzer in Berlin-Kreuzberg. Sie weiß noch nicht, wie dramatisch sich ihr Leben kurz darauf verändern wird, aber es steht stellvertretend für die Altersgruppe der Boomer und ihre Jugend in den 80ern zwischen Punk und Aids, Clubkultur und dem Kult um Intellektuelle wie Paul Virilio und Jacques Derrida. Was war ihre Mission? Wie haben sie Deutschland verändert? „Aufprall“ erzählt davon.


Vor dem Mauerfall

Die Autoren Bude, Munk und Wieland gehören zu der Generation, von der sie erzählen. Sie waren selbst in Berlin in den Jahren vor dem Mauerfall. Heinz Bude ist der prominenteste Kopf. Der Soziologe taucht in Talkshows auf, schreibt viel gelesene Bücher wie zuletzt „Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee“ und ist gerade zum Gründungsdirektor des Documenta-Instituts in Kassel gewählt worden. Bude ist genau ein Jahr älter als die 1955 gegründete Weltkunstschau Documenta. Präziser können individuelle Biographie und Kulturgeschichte kaum synchronisiert sein. Gemeinsam mit der Künstlerin Bettina Munk und der Autorin Karin Wieland schaut Bude auf die eigene Studentenzeit in Berlin zurück: wilde Jahre im Schatten der Mauer als Lehrstück einer Revolte als Beschleuniger von Biografien.

Die Romanhandlung von „Aufprall“ steht auf dem sicheren Fundament der Dokumentation realer Lebensläufe. Das Autorentrio hat der Versuchung widerstanden, mit Luise und ihrem Freund Thomas zwei sympathische Protagonisten als Identifikationsfiguren auf die Reise durch eine bewegte Zeit zu schicken. Stattdessen erzählen sie die Jugend der früher geburtenstark genannten Jahrgänge als Geflecht aus den Stimmen und Schicksalen von zwei Dutzend Figuren. Heterogenität ist Programm. „Ohne Richtung und ohne Ziel, aber immer auf dem Sprung“: So liest sich die Philosophie einer Protestgeneration, die keine geschlossene Philosophie mehr hat. Demokratische Praxis zählt mehr als ferne Utopie.


In besetzten Häusern

Die Wohngemeinschaften der besetzten Häuser würfeln denkbar gegensätzliche Charaktere zusammen, die Aktivistin Irene, die Arbeitertochter Vroni, den Macho John, den Anarchisten Michael. Eines ist allen gemeinsam: Sie sind die Bürgerkinder, die nicht nur gegen Staat und Kapital aufbegehren, sondern auch gegen Ideologie. Sie stehen zwischen der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Eltern und den linken Utopien von 1968. Sie wollen leben, was Willy Brandt versprochen hatte: mehr Demokratie. Sie besetzen Häuser im abbruchreifen Kreuzberg, leben ihr freies Leben jenseits der Norm, trotzen Politik und Polizei. Und sie üben ein, was sie wichtig für das Land machen wird – Diskurs, Demokratie, Gleichberechtigung, kurz, zivile Tugenden.


Dagegen und doch dabei

Ihre Revolte ist schwungvoll und melancholisch zugleich. „Man ahnte, dass Dagegensein auch eine Art des Dabeiseins war“: In diesem Satz steckt die Einsicht, dass Protest bestehende Ordnung nicht einfach ersetzt, sondern sie produktiv verändert. Die Boomer sind eine Generation der skeptischen Reformer. Warum? Weil sie sich mehr an Erfahrungen als an Utopien orientieren.

Im Roman verändert die konkrete Erfahrung – als Verkehrsunfall auf der Ebene der Biografie, als Mauerfall auf der Ebene der Geschichte. Die fröhliche Fahrt nach Prag endet in der fatalen Karambolage mit einem sowjetischen Militärfahrzeug. Dieses Motiv avanciert zur rabiaten Metapher der Realität, die die Revolte bricht. Soraya verliert ihr Leben, Luise wird schwer verletzt. Alles danach ist Trauer und Bewältigung.

Bude, Munk und Wieland haben mit „Aufprall“ kein ausgefeiltes Sprachkunstwerk vorgelegt, keinen formal gewagten Roman, dafür aber ein flüssig erzähltes, gut reflektiertes Erinnerungsstück jener Altersgruppe, die gerade von der Generation Greta Thunbergs wegen ihrer angeblichen Verfehlungen in der Umweltfrage angegangen wird. Das Buch handelt von einer Jugend zwischen Punkmusik und Suhrkampverlag, autonomer Wohngemeinschaft und individuellem Traum. Und es beleuchtet die Frage, was von jeder Revolte bleibt – nach dem „Aufprall“ kommt das Leben der Kompromisse, der melancholischen Rückschau, der Aufbrüche.

Heinz Bude,
Bettina Munk, Karin Wieland: Aufprall. Roman. 384 Seiten. Hanser Verlag. 24 Euro.

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