Osdorf/Lindhöft : „Die Trächtigen müssen wir retten“

Sorgt sich um ihre Kühe: Sabine Mues vom Versuchsgut Lindhof.
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Sorgt sich um ihre Kühe: Sabine Mues vom Versuchsgut Lindhof.

Drei Monate Dürre: Das Versuchsgut Lindhof und der Rinderhof Seyer sehen sich mit Notschlachtungen und Preiskriegen konfrontiert.

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28. Juli 2018, 12:00 Uhr

Osdorf / Lindhöft | Wie ein brauner Filzteppich ziehen sich die Weideflächen durchs Land. Fast drei Monate Dürre haben ihre Spuren hinterlassen. Dort, wo um diese Jahreszeit Rinderherden mit prallen Bäuchen saftiges Gras fressen sollten, herrscht jetzt ein Zustand wie in der texanischen Steppe: Die wenigen Tiere, die noch nicht im Stall stehen, suchen die verbrannten Flächen nach letzten Halmen ab. „Und erstaunlicherweise finden sie immer noch welche“, sagt Sabine Mues vom Lindhof beim Blick auf ihre 20 wenige Monate alten Jersey-Kälber, um deren Augen die Fliegen dunkle Ringe bilden. Auch die 31 Masttiere des Guts befinden sich noch auf extensiven Weideflächen. 115 Mutterkühe und tragende Jungtiere des Versuchsguts für Ökologischen Landbau stehen im Stall. Sie sind „das Gold“ des Lindhofs und erfahren besonderen Schutz.

Trockene Weiten: Die Flächen des Rinderhofs Seyer.
Foto: Georg Hass
Trockene Weiten: Die Flächen des Rinderhofs Seyer.
 

Gerade ist der dritte Grasschnitt vorbei. Das Ergebnis – mager. „Die paar Ballen sind den Aufwand nicht wert“, sagt Sabine Mues, „aber für den Winter brauchen wir alles, was wir kriegen können.“ Der erste Schnitt des Jahres sei noch gut gewesen, der zweite war dann schon ein Schröpfschnitt. Dieser sollte das Wachstum des Grases anregen. „Wir hatten die Hoffnung, dass es danach Regen gibt und Masse nachwächst.“ Fehlanzeige: Stattdessen Hitze und Trockenheit. Die Pflanzen sind im Trockenstress und damit im Überlebensmodus: „Sie bilden jetzt einfach keine Blattmasse aus“, so Mues. Weil Milchkühe für die Milchproduktion aber Saftfutter benötigen, bekommen die trächtigen Tiere im Stall jetzt das Winterfutter. Doch auch das ist begrenzt. Die Konsequenz für das Versuchsgut Lindhof – wie für viele andere Landwirte auch – sind der Verkauf oder die Schlachtung des Viehs. Das betrifft die Masttiere, wenn sie auf den Weiden nichts mehr zu fressen finden, sowie die nicht-tragenden Kühe in Lindhöft: „Sie müssen vorzeitig den Betrieb verlassen, weil sie das Futter verbrauchen – die Trächtigen müssen wir retten.“ Sind es sonst eher zehn, müssen jetzt mindestens 50 Tiere den Hof verlassen, prognostiziert die Landwirtin.

Sorgt sich um ihre Kühe: Sabine Mues vom Versuchsgut Lindhof.
Foto: Lange (2)
Sorgt sich um ihre Kühe: Sabine Mues vom Versuchsgut Lindhof.
 

Als Biolandbetrieb stehen die Rinder des Lindhofs von Februar bis November auf 50 Hektar Weide-Flächen. Jetzt sind nur die Masttiere und Kälber draußen. Diese werden mit Heu zugefüttert. Zwar fänden sie ab und zu einen grünen Halm, aber: „Sie sind schlapp, kämpfen gegen die Fliegen“, sagt Sabine Mues und streichelt einem vier Monate alten Kalb über den Kopf. Das Land habe mittlerweile wenigstens bewilligt, dass auch Biobauern konventionelles Futter kaufen und zufüttern dürfen – allerdings erst nach Beantragung und Mengenzuweisung durch das Land.

Zunehmende Notschlachtungen als Konsequenz der Dürre lassen den Fleischpreis in den Keller rutschen. Doch die Kosten unter anderem für den Schlachter und das Stroh steigen. Das merken auch Maya und Jens Seyer. Die Landwirte des Rinderhofs Seyer in Borghorsterhütten mussten für ihre 150 Rinder Stroh zukaufen. Den 43 Mutterkühen – Angus, Galloway, Jersey und Wagyu – und ihren knapp 90 Kälbern stehen sonst 55 Hektar Grünland zur Verfügung. Noch im Frühjahr hatten die Seyers elf Hektar Gras für das Winterfutter ausgesät. „Von der Fläche haben wir bis jetzt vier Ballen“, erklärt der 47-Jährige. „Sonst sind es um diese Zeit 80 Ballen und die Tiere könnten schon auf der Weide laufen.“ Stattdessen mussten sie 35 Hektar Stroh zukaufen und die Winterreserven anbrechen, um die Rinder über den Sommer zu kriegen. „Der Strohpreis ist merklich gestiegen“, so Jens Seyer. „Und die Nachfrage ist groß – was man jetzt nicht bestellt hat, kriegt man auch nicht mehr.“ Ein regelrechter Preiskampf vor allem um Anbauflächen sei ausgebrochen.

2015 hatten Maya und Jens Seyer ihren Milchviehbetrieb nach der Milchkrise auf Mutterkuhhaltung umgestellt. „Und wir machen drei Kreuze, dass wir den Schlussstrich gezogen haben“, so Maya Seyer. „Unsere Kühe sind anspruchslos, sie müssen nur fünf Liter pro Tag produzieren. Aber für Milchkühe mit 20 Litern ist das Wetter die absolute Katastrophe.“ Die Einsatzkosten seien bei Weitem nicht so hoch wie bei anderen Betrieben, „weil wir nicht ausmasten, sondern im Moment eher Überlebenstraining betreiben“, so die 37-Jährige. Denn ihre Rinderherde steht nach wie vor auf der Weide, bekommt zusätzlich etwas Stroh und Wasser. Und obwohl die Flächen völlig verbrannt wirken, finden auch sie hier und da noch einen Halm. Die Kühe haben ein System wie in der Steppe, sagt Jens Seyer, mit festen Ritualen: „Mittags laufen sie geschlossen zum Wasserloch, um sich die Füße zu kühlen, den Rest des Tages stehen sie alle auf einer Stelle, am nächsten Tag an einer anderen.“

Jens und Maya Seyer bei Lure: Das Kalb hält trotz gelber Weide tapfer durch.
Jens und Maya Seyer bei Lure: Das Kalb hält trotz gelber Weide tapfer durch.
 

Wie lange ihre Herde die Trockenheit noch durchhält, können auch Maya und Jens Seyer nicht abschätzen. Sie hoffen, diesen Sommer mit „zwei dunkelblauen Augen“ zu überstehen. „In der allergrößten Not, wenn wir nicht alle über den Winter kriegen, müssten wir die Generation schlachten, die wir erst in ein- bis eineinhalb Jahren schlachten würden.“ Die Not ist spürbar, sagen sie und versuchen trotzdem, ein wenig Leichtigkeit zu bewahren: „Wir üben jeden Abend den Regentanz“, sagt Maya Seyer lachend.

Sabine Mues’ Blick ist ernster: „Wir können noch bis Ende August im Stall füttern, danach muss draußen wieder genug wachsen und der Winter kurz sein.“ Es werden Betriebe schließen müssen nach diesem Sommer, davon ist sie überzeugt.

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