Die Organisation der Verbrecher

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Am kommenden Montag vor 100 Jahren wurde die NSDAP gegründet

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16. Februar 2020, 19:36 Uhr

MÜNCHEN/Kiel | Es ist ein historischer Abend: Im Münchner Hofbräuhaus entsteht am 24. Februar 1920 durch Umbenennung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei die NSDAP. Das Kürzel „NS“ soll die Besonderheit der Partei hervorheben und wird von Adolf Hitler, Dietrich Eckart, Hermann Esser, Rudolf Heß, Ernst Röhm und Gottfried Feder an der Parteiführung vorbei eingeführt.

An jenem Abend veröffentlicht die NSDAP ihr 25-Punkte-Programm unter anderem mit Forderungen nach „Aufhebung des Versailler Friedensvertrages“, „Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft von Juden“ und „Stärkung der Volksgemeinschaft“. Vom 24. Februar 1920 bis zum 29. Juli 1921 führt Anton Drexler die Partei, der danach Ehrenvorsitzender wird. Anschließend übernimmt Adolf Hitler den Vorsitz – bis zu seinem Selbstmord im Bunker der Berliner Reichskanzlei am 30. April 1945. Kurz nach ihrer Ausrufung im Hofbräuhaus beginnt die NSDAP, erste Mitgliedsausweise auszugeben. Und da sie nicht als „unbedeutende Kleinstpartei“ dastehen will, beginnt das offizielle Parteienverzeichnis mit der Nummer 501. Hitler bekommt die Nummer 555. Die Mitgliederzahl steigt bis Mai 1943 auf über 7,7 Millionen.

Nordgründung in Neumünster Der NSDAP-Gau Schleswig-Holstein wird am 1. März 1925 in Neumünster gegründet. Zum Gauleiter ernennt Reichspropagandaleiter Gregor Strasser den Altonaer Ortsgruppenführer Hinrich Lohse, der dieses Amt bis 1945 ausübt. Ab 1941 wird Lohse zusätzlich im sogenannten Reichskommissariat Ostland in Riga, wohin er viele Mitarbeiter aus Schleswig-Holstein mitnimmt, verantwortlich für die Germanisierungspolitik und den Massenmord an den Juden in der Region.

Schleswig-Holstein gilt bald als „Muster-Gau“. Frühe Verankerung erreicht die NSDAP in Teilen der Mittelschichten sowie bei den Bauern, geographisch in Dithmarschen und in den Geestkreisen Rendsburg und Steinburg. 1928 erzielt die NSDAP in ganz Schleswig-Holstein 4,1 Prozent, in Dithmarschen 18 Prozent der Wählerstimmen. Sie verstärkt den Parteiaufbau und die Agitation, beerbt die „Landvolkbewegung“ und liegt fortan bei Wahlen deutlich über dem Reichsdurchschnitt – 1930: 27 Prozent (auf Reichsebene 18,3 Prozent), Sommer 1932: 51,1 Prozent, (auf Reichsebene 37,3 Prozent).

Altonaer Blutsonntag Schon 1932 beginnt die sogenannte Gleichschaltung in der preußischen Provinz Schleswig-Holstein. Auslöser ist der Altonaer Blutsonntag vom 17. Juli 1932, den die konservative Reichsregierung zum Anlass nimmt, die preußische SPD-Regierung abzusetzen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 werden KPD, SPD und Gewerkschaften verboten und verfolgt. In „wilden Konzentrationslagern“ quälen SA-Leute politische Gegner, namhafte Funktionäre werden ermordet.

Während des Zweiten Weltkrieges setzen die Nazis etwa 200 000 Verschleppte und Kriegsgefangene in Landwirtschaft, Industrie und Mittelstand als Zwangsarbeiter ein. Der NS-Staat errichtet in Kiel, Schleswig, Kaltenkirchen und Ladelund Konzentrationslager, in denen jeweils mehrere hundert Insassen sterben.

Sitz der letzten Reichsregierung Vom 2. bis zum 23. Mai 1945 führt der damalige Großadmiral Karl Dönitz die letzte Reichsregierung. Sie hat ihren Sitz anfänglich in Plön und Eutin, seit dem 3. Mai dann in Flensburg. Die Dönitz-Regierung sorgt allein durch ihre Anwesenheit dafür, dass zahlreiche NS-Funktionäre nach Schleswig-Holstein flüchten. Die Rechtmäßigkeit ist allerdings umstritten, alle Regierungsmitglieder werden am 23. Mai durch alliierte Soldaten verhaftet.


NS-Schatten im Landtag Auch in der Nachkriegszeit gilt Schleswig-Holstein als Rückzugsort von Nazis. So leitet in den 1950er-Jahren etwa der frühere NSDAP- und SS-Mann Ernst Kracht die Staatskanzlei in Kiel. SS-General Heinz Reinefarth wird bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 zum „Henker von Warschau“, wie er in Polen genannt wurde. Nach dem Krieg ist er Bürgermeister von Westerland auf Sylt und zieht 1958 in den Landtag ein. Professor Uwe Danker, Direktor des Instituts für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte der Europa-Universität Flensburg, hat die Lebensläufe sämtlicher Landespolitiker untersucht, die vor oder einschließlich 1928 geboren wurden und zwischen 1946 und 1996 aktiv waren. Für insgesamt 115 der 342 betrachteten Abgeordneten besitzt der Historiker gesicherte Informationen über eine Mitgliedschaft der NSDAP. Das entspricht einem Drittel. In den Landtagen 1946 und bei der ersten Landtagswahl 1947 liegt der Anteil ehemaliger Parteigenossen unter zehn Prozent. Bei der Wahl 1950 sind bereits 40 Prozent aller Abgeordneten der zweiten Legislaturperiode ehemalige Mitglieder der NSDAP – 1958 sind es sogar mehr als die Hälfte. Erst ab 1971 sinkt der Anteil durch die eintretende Verjüngung des Landtags stärker.

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