Die Luftfahrt schwächelt

Sorgen über Jobzuwachs im Norden

shz.de von
15. November 2018, 10:38 Uhr

Den Nordlichtern geht ausgerechnet in der Boombranche Luftfahrt die Puste aus. „Der Beschäftigungsaufbau droht im Norden ins Stocken zu kommen“, warnte Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste, gestern bei der Vorstellung einer bundesweiten Betriebsrätebefragung zur Lage in der Luft- und Raumfahrtindustrie. Während im Rest der Republik fast die Hälfte der Unternehmen zusätzliche Jobs schaffen will, sind es in den fünf Küstenländern nur rund ein Viertel. Die Branche beschäftigt in Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern knapp 53 000 Mitarbeiter, davon 7600 Leiharbeiter sowie 14 700 über Werkverträge. Aktuell herrscht freilich noch eitel Sonnenschein über den Flugzeug- und Raumfahrtfabriken hierzulande. Airbus und Co. melden bundesweit einen Auslastungsgrad von nahezu 100 Prozent. Befragt nach den Perspektiven in zwei Jahren, erwarten die Nord-Betriebsräte jedoch ein Abrutschen auf 90 Prozent, während in Süd-, West- und Ostdeutschland der Wert 2020 noch bei 97 Prozent liegen werde.

Ursachen für die regionalen Unterschiede sind laut Studienleiter Thorsten Ludwig von der Agentur für Struktur- und Personalentwicklung (AgS) die schwieriger werdende Situation bei den Raumfahrtunternehmen in Hamburg und Bremen sowie Auftragunsicherheiten beim Militärtransporter A 400 M sowie dem A 380.

Laut IG Metall schmälert aber auch ein steigender Kostendruck vor allem auf Zulieferfirmen die Beschäftigungsaussichten. Exemplarisch steht dafür laut Geiken der beabsichtigte Job-Kahlschlag bei Diehl Aviation in Hamburg, das Bordtoiletten, -waschräume und -küchen für Airbus herstellt. Die Diehl-Manager wollen etwa 550 und damit die Hälfte der Arbeitsplätze ins günstigere Ungarn verlegen. Begründung: Nur durch Einsparungen bei den Lohnkosten seien die Vorgaben von Auftraggeber Airbus zu erfüllen.

Geiken sprach von einer „dramatischen“ Entwicklung und kritisierte die Bosse des Flugzeugbauers: „Wenn Airbus tatsächlich verlangen sollte, dass bei Zulieferern ein Produktionsstandort im kostengünstigeren Ausland liegen muss, taugt das Einkaufskonzept des Konzerns nichts. Dadurch werden Belegschaften gegeneinander ausgespielt.“ Auch Airbus-Gesamtbetriebsratschef Jan-Marcus Hinz sieht die Causa Diehl als „Spitze des Eisberges“ in Sachen Produktionsverlagerungen.

Anlass zur Kritik an der Branche sieht die Gewerkschaft noch in anderer Hinsicht. So liege die Frauenquote im Flugzeugbau mit rund 15 Prozent viel zu niedrig. Die Zahl der Leiharbeiter sei infolge tariflicher Vereinbarungen zwar rückläufig und auf 14,5 Prozent im Norden gesunken. Zugleich wichen aber viele Betriebe auf Werkverträge aus, die in Norddeutschland schon 28 Prozent des Arbeitsvolumens ausmachen. Höchst unzufrieden ist Geiken mit der Auszubildendenquote von 3,8 Prozent. „Ein unhaltbarer Zustand. Damit lässt sich nicht einmal die Altersabwanderung ausgleichen.“ Er fordert eine Quote von acht Prozent Lehrlingen an den Belegschaften.

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