Die Frage bleibt: Wer stach zu?

Urteil im Prozess um Messerstecherei in Elmshorn / Vorwurf des versuchten Totschlags fallengelassen

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13. April 2018, 16:00 Uhr

Er hat gepokert – und verloren: Eine Einstellung des Verfahrens hing in der Luft, aber der junge Elmshorner wollte sich nicht auf eine Beerdigung des Prozesses einlassen, er wollte einen Freispruch. Und er bekam eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung: 90 Tagessätze zu 40 Euro lautete das Urteil des Landgerichts Itzehoe. Die Kammer mit der vorsitzenden Richterin Isabel Hildebrandt blieb damit genau an der unteren Grenze des Strafmaßes für dieses Delikt und um 30 Tagessätze unter dem Antrag von Staatsanwältin Maxi Wantzen.

Angeklagt war der junge Mann wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung. Im Verlauf eines Streits erlitt ein Elmshorner Kurde im Juli 2016 in einer Bar in der Elmshorner Innenstadt zwei schwere Stichverletzungen; dass der Angeklagte ihm die beigebracht hatte, ließ sich im Verfahren nicht nachweisen, darin waren sich alle Beteiligten einig. Der versuchte Totschlag fiel also weg.

Blieb die gefährliche Körperverletzung: Der junge Türke hatte vor Gericht zugegeben, seinen Kontrahenten geschlagen und dabei einen Schlüssel zwischen die Finger geklemmt zu haben. Da der Mann zusammen mit seinem Vater gegen das Opfer vorging, waren für die Strafkammer mit einem gefährlichen Werkzeug – dem Schlüssel – und dem gemeinschaftlichen Handeln zwei Merkmale einer gefährlichen Körperverletzung erfüllt. Das Opfer erlitt von diesem Schlag keine erheblichen Verletzungen, darum ging das Gericht von einem minder schweren Fall aus. Zu Gunsten des Angeklagten wertete Richterin Hildebrandt sein leeres Vorstrafenregister, Provokationen vom Opfer und dass er den Schlag zugegeben hatte.

Verteidiger Cornelius Diedrich aus Hamburg legte noch im Gerichtssaal Revision gegen das Urteil ein. „Der Schlag war gerechtfertigt, also ist mein Mandant freizusprechen“, hatte sein Plädoyer gelautet. Er verwies darauf, dass das Opfer selbst in der Nacht aggressiv auf den Angeklagten und dessen Vater losgegangen sei und den Vater mit einem Stuhl auf den Kopf geschlagen habe. „Mein Mandant durfte davon ausgehen, dass es zu weiteren Angriffen kommt“, deshalb sei der Schlag als Notwehr oder Nothilfe zu bewerten.

Aber dieser Argumentation folgte das Gericht nicht. Das Opfer und der Vater des Angeklagten hätten sich zwar in einer Bar des Vaters gestritten, habe danach allerdings die Bar verlassen und eine andere aufgesucht. Dort habe das Opfer friedlich am Tresen gestanden, als in seinem Rücken Vater und Sohn eingetreten seien. Zeugen hätten die beiden als Aggressoren beschrieben und versucht, sie zurückzuhalten. Damit sei der Schlag nicht als Notwehr zu werten, „selbst wenn der Angeklagte auf ihn zugekommen sein sollte“, stellte Richterin Hildebrandt fest.

Die zentrale Frage, wer zugestochen hat, ließ sich in der Beweisaufnahme trotz vieler Zeugen nicht klären. Vater oder Sohn oder beide – das musste Hildebrandt offen lassen. „Der Angeklagte und sein Vater wissen, was passiert ist. Sie müssen damit leben, was sie getan haben“, führte sie in ihrer Urteilsbegründung aus.

Geprägt war der Prozess von vielen Erinnerungslücken und widersprüchlichen Angaben der Zeugen. „Wer hat uns eigentlich den größten Unsinn erzählt? Die Wahrheit hat keiner gesagt“, schimpfte Staatsanwältin Maxi Wantzen in ihrem Plädoyer.

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