Die Entdeckung der Langsamkeit

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Unsere Autorin hat die fernöstliche Kampfkunst Tai-Chi aus der Zuschauerreihe beobachtet

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12. Februar 2020, 11:18 Uhr

Schleswig | „Die sind entspannt, die machen Tai-Chi“, lacht Andreas Hansen, als ich an einem Donnerstagabend in seinen Kurs platze. Und tatsächlich, keiner lässt sich von mir stören.

Die Gruppe in Schleswig hat sich gefunden, die Jüngste ist Mitte 30, der älteste Teilnehmer 81 Jahre alt. „Tai-Chi ist von Alter und Fitness völlig unabhängig“, sagt der Lehrer. Seit über drei Jahrzehnten übt der 50-Jährige die fernöstliche Kampfkunst aus – und ihm ist deutlich anzusehen, dass er diesen Sport bis heute liebt. „Er hat aus mir eine fröhliche und ausgeglichene Persönlichkeit gemacht“, so der Norddeutsche.

Im Hintergrund hört man leise Musik. Bevor es losgehen kann, wird sich aufgewärmt und sogar die Kopfhaut mit den Fingerspitzen bearbeitet. Die langsamen, fließenden Bewegungen wirken fast wie in Zeitlupe aufgenommen. Mit Schattenboxen, wie Tai-Chi auch gern genannt wird, hat es eigentlich nichts zu tun. „Es geht viel mehr darum die Lebensenergie zum Fließen zu bringen“, erklärt mir der Lehrer.

Wer mit Tai-Chi anfängt, sollte Geduld mitbringen. „Am Anfang erlernt man erst einmal nur die Abfolge, das dauert seine Zeit. Später erst verinnerlicht man das Loslassen. Langsamkeit ist für uns Europäer ungewohnt“, weiß Andreas Hansen. Eine Abfolge kann gut 20 Minuten dauern. Im Tai-Chi gibt es verschiedene Haupt- und zahlreiche Nebenstile. Entsprechend unterschiedlich sehen die Bewegungsabläufe aus: Je nach Stil wird eine Form mal mit ausladenden, mal mit kleineren Bewegungen in unterschiedlich hohen Körperstellungen ausgeführt. Ein entscheidendes Element ist das Atmen. Durch die bewusste Bauchatmung wird die Frequenz niedriger, Geist und Körper kommen zur Ruhe.

Die Frauen und Männer schließen ihre Augen, und selbst ich in der Zuschauerreihe lehne mich zurück. „Es geht darum, die Gedanken ziehen zu lassen und in seine Mitte zu finden“, sagt Andreas Hansen. Doch Tai-Chi ist ebenso ein Ganzkörpertraining, das Sehnen und Muskeln geschmeidig hält. Ebenso ist der Kampfsport eine Art Gehirnjogging. „Die Abläufe können sehr komplex sein, das fordert auch den Kopf“, weiß der Lehrer.

Tai-Chi entstammt einer alten chinesischen Lehre. Der Körper bleibt dabei die ganze Zeit in Bewegung, baut Spannung auf und löst diese wieder. So können Blockaden verschwinden und der Körper wird mobilisiert. Auch auf das Herz-Kreislauf-System und die Atmung hat Tai-Chi eine positive Wirkung. Klinische Untersuchungen der westlichen Medizin haben gezeigt, dass regelmäßiges Praktizieren viele positive Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit hat, wie beispielsweise auf das Immunsystem, das Schmerzempfinden, das Gleichgewicht und allgemein auf die Körperkontrolle. Tai-Chi wirkt unter anderem Haltungsfehlern entgegen und die Energien kommen „in den Fluss“.


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