Nachwuchsreporter in SH : Diana Nacarlı kämpft an der Uni Kiel gegen Diskriminierung und Rassismus

Diana Nacarlı setzt sich bei EmBIPoC gegen Rassismus ein.
Diana Nacarlı setzt sich bei EmBIPoC gegen Rassismus ein.

Die Mitgründerin von EmBIPoC, Diana Nacarlı erklärt den jungen Reporter*innen, wie sie mit den Themen umgeht.

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15. April 2021, 17:49 Uhr

Kiel | Was fühlst Du, wenn Menschen auf der Straße rassistische Parolen vertreten?
Das ist ein sehr beängstigendes Gefühl, vor allem da ich weiß, dass ich dann auch damit gemeint bin. Ich habe zwar das Privileg, dass ich eine „White passing Person“ bin, also sieht man mir meinen Migrationshintergrund nicht unbedingt direkt an, aber wenn es hart auf hart kommen würde, wäre ich genauso davon betroffen.

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Was würdest du denen sagen, die solche Parolen vertreten?
Ich glaube, erst einmal würde ich nichts sagen. Ich würde wahrscheinlich fragen, warum sie diese Parolen vertreten.

Wie würdest du eure Arbeit von EmBIPoC beschreiben?
Wir sind ein antirassistisches Kollektiv, das sich auf Basis von gemeinsamen Rassismuserfahrungen zusammengefunden hat. Wir sind vor allem an der Universität aktiv. Wir haben damit angefangen, dass wir erst einmal nur einen „Safer Space“ gegründet haben. Dort treffen wir uns und tauschen uns dann aus wie wir unseren Alltag bewältigen können. Mittlerweile geben wir Workshops, organisieren Veranstaltungen sowie Vorlesungsreihen und versuchen, diese Aufklärung weiterzugeben – auch an weiße Menschen.

Keniya Kilicikan, Diana Nacarlı und Maryam Al-Windi sind die Gründerinnen von EmBIPoC, einer antirassistischen Hochschulgruppe der CAU Kiel.
EMBIPOC
Keniya Kilicikan, Diana Nacarlı und Maryam Al-Windi sind die Gründerinnen von EmBIPoC, einer antirassistischen Hochschulgruppe der CAU Kiel.
 

Und für wen setzt ihr euch speziell ein?
Wir haben bewusst den Begriff BIPOC gewählt, weil wir uns als Plattform für Menschen mit verschiedenen Rassismuserfahrungen verstehen. Wir versuchen auch, das alles aus einer feministischen Perspektive zu machen, weil gerade Sexismus und Rassismus häufig miteinander verbunden sind.

Wie entsteht denn eigentlich Rassismus? Ist das eine Anschauung, die man selbst entwickelt oder ist das eine Sache der Prägung durch die Eltern?
Ich glaube, wir müssen uns irgendwie ein bisschen von dem individuellen Rassismus lösen. Es ist keine Entscheidung, rassistisch zu sein. Wir sind alle in einem rassistischen System sozialisiert. Rassismus muss man als gesamtgesellschaftliches System verstehen.

Würdest du sagen, dass in Deutschland Rassismus zu wenig thematisiert und diskutiert wird?
Ich würde sagen, dass die Black-Lives-Matter-Bewegung und der Tod von George Floyd letztes Jahr die Rassismus-Bewegung in den Mainstream gebracht haben. Wir begegnen aber immer noch der Frage: „Gibt es Rassismus wirklich?“. Als wäre es schockierend, dass es Rassismus gibt und er noch nie bemerkt wurde. Es werden jedoch zu wenig Konsequenzen aus der Thematisierung gezogen.

Wer ist denn bei uns für rassistische Diskriminierung verantwortlich?
Ich glaube, auch hier sind wir auf ganz vielen unterschiedlichen Ebenen. Natürlich ist jeder Mensch für seine eigenen individuellen Handlungen auch verantwortlich. Weiße Personen, gerade in der neueren Generation, können sich schuldig machen, dass Rassismus weiter existiert. Wir müssen aber endlich auch anfangen, auf allen Ebenen Institutionen einzurichten.

Wie hat die Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA mit dem Tod von George Floyd deine Arbeit verändert und beeinflusst?
Antirassistische Bewegungen bauen generell auf schwarzen Bewegungen auf. Aber es ist auf jeden Fall auffällig, dass Rassismus-Bewergungen viel mehr Gehör bekommen. Die Bewegung hat es damit in den Mainstream geschafft. Nach solchen Ereignissen kriegen wir mehr Gehör. Ich würde aber sagen, das, was unsere Arbeit vor allem geprägt hat, war der Anschlag in Hanau.

Wie hat dich Hanau in deinem Denken und Handeln beeinflusst?
Zuerst hat mich der Anschlag auf jeden Fall sehr gelähmt. Ich hatte sehr viel Angst, weil es auch mich, meine Familie, meine Freunde, meine Cousins hätte treffen können. Auf der anderen Seite fand ich es auch schön zu sehen, wie viel Solidarität das auch hergestellt hat und, dass sich viele rassifizierte Menschen organisieren.

Du sagst, du wünschst dir Strukturänderungen. Was müssen wir alle wirklich verändern?
Ein Bereich, in dem auf jeden Fall viel passieren muss, ist in der Bildung. Was in der Schule und an der Universität gelehrt wird, legt den Grundbaustein. Dass breitere Perspektiven zugelassen werden, dass nicht alles aus einer eurozentrischen Sicht gelehrt wird. Ein Anfang wäre auf jeden Fall, dass viel mehr migrantische Stimmen miteinbezogen werden und diese einfach sichtbarer werden.

Glaubst du, dass wir noch einmal eine Welt ohne Rassismus erleben werden?
Ich hoffe es, weil ich sonst wahrscheinlich meine ganze Arbeit einfach hinschmeißen würde. Es gibt natürlich immer so Ups und Downs. Die AfD im Bundestag ist natürlich ein Dämpfer. Aber auf der anderen Seite sehe ich auch sehr positive Bewegungen. Die Frage ist: Können wir in dem System, in dem wir gerade sind, überhaupt einmal ohne Rassismus leben? Aber was wir auf jeden Fall machen können, ist, rassismuskritischer zu sein, uns mehr damit auseinanderzusetzen und sensibler zu werden.

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