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19. August 2017 | 00:39 Uhr

Der Unparteiische im Stall

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der pensionierte Wissenschaftler Edgar Schallenberger ist Schleswig-Holsteins erster „Vertrauensmann Tierschutz“

Das Ziel ist hoch gesteckt: Eine „bessere Fleischproduktion“ hat Landwirtschaftsminister Robert Habeck im Sinn. Auf der Agrarmesse Norla in zwei Wochen will der Grüne den Bauern im Land das Thema auftischen. Gestern holte sich Habeck dazu einen Mitstreiter an die Seite. Der pensionierte Kieler Professor für Tierhygiene und ökologische Tierhaltung, Edgar Schallenberger, ist Schleswig-Holsteins erster „Vertrauensmann Tierschutz“.

Auslöser der Personalie sind nicht zuletzt Berichte über tierquälerische Vorgänge in Schweinemastbetrieben. Das System der Fleischproduktion und damit die Frage, wie Ferkel, Sauen und Schweine, Kälber Milchkühe und Rinder leben und sterben, werde zunehmend öffentlich diskutiert, sagte Habeck. Ein heikles Thema sei etwa die Ferkelkastration, sagt Schallenberger. Doch das ist es oft nicht allein: Schweinen werden die Schwänze coupiert, Hühnern die Schnäbel gekappt. Es sei eine „ethische Pflicht, Tierschutz und Tierwohl zu stärken“, sagt Habeck.

Pauschales Bauern-Bashing indessen liegt Habeck ebenso fern wie dem gebürtigen Allgäuer Schallenberger, der sich in der neuen Aufgabe als unabhängig und „niemandes Büttel“ sieht. Bei aller Kritik an tierquälerischen Vorgängen dürften die Bauern „nicht in die Pfanne gehauen werden“. Landwirte seien häufig allein Opfer des unglaublichen Preisdrucks mit schmalsten Gewinnmargen. Verbraucher wollten mehrheitlich möglichst wenig für Fleisch zahlen und dennoch „eine schöne heile Welt“ in der Landwirtschaft.

150 Euro für Benzin und Telefon soll Schallenberger erhalten, daneben kann der emeritierte Professor sein Dienstzimmer an der Uni Kiel weiter nutzen. Vor allem versteht sich Schallenberger als Ansprechpartner für Züchter, Landwirte und Veterinäre. Im Dialog will er Probleme erkennen und an Lösungen mitarbeiten.

Mögliche Straftaten aufzuklären, ist nicht Schallenbergers Ziel. Auch will er nicht Adressat für Denunziantentum sein. Dass er Hinweise auf Verfehlungen anonymisiert weitergeben kann, sieht der Professor als Chance, Veränderungen im Gesamtsystem der Fleischerzeugung zu erreichen. Dieses System ist in Schleswig-Holstein freilich eine Macht. Knapp 17 000 Viehhalter weist der jüngste Agrarreport aus. Knapp 1,15 Millionen Rinder und 1,5 Millionen Schweine, dazu gut 300 000 Schafe, werden zwischen Nord- und Ostsee gehalten. Dem stehen zur Kontrolle in den elf Kreisen und vier kreisfreien Städten nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums gerade einmal 40 Stellen in den Veterinärämtern gegenüber. Lediglich 21 Stellen sind mit Tierärzten besetzt.

Ein Jahr lang soll der Professor seinen neuen Job zunächst machen – mit Option auf eine Verlängerung um weitere zwölf Monate. Danach soll neu entschieden werden.

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