Glücksbote oder schlimmer Finger? : Der Kuckuck – ein liebenswerter Fiesling

<p>So bekannt der Kuckuck (Cuculus canorus) auch ist: Wie er wirklich aussieht, wissen die wenigsten. Im Flug ähnelt er ein wenig dem Sperber.</p>

So bekannt der Kuckuck (Cuculus canorus) auch ist: Wie er wirklich aussieht, wissen die wenigsten. Im Flug ähnelt er ein wenig dem Sperber.

Jeder mag ihn, den Kuckuck. Dabei ist er ein Schmarotzer, der andere Vogelarten um ihren Nachwuchs betrügt.

shz.de von
24. Juni 2018, 18:25 Uhr

Unser Kuckuck. Es gibt wohl keinen anderen Vogel, den selbst ein ornithologischer Totalverweigerer am Ruf erkennt. Und alle Welt weiß: Der gefiederte Hallodri ist ein ganz schlimmer Finger. Ein Brutparasit, der andere Vögel um ihren Nachwuchs prellt. Eigentlich ein rabiater Fiesling – der aber andererseits als sympathischer Glücksbote gilt. Die Menschen freuen sich, wenn er im Frühling sein eintöniges Lied anstimmt. Wie heißt es doch so schön im Volksmund: Wenn der Kuckuck zum ersten Mal ruft, dann musst du mit den Münzen im Säckel klimpern. Reicher Geldsegen ist dir dann sicher.

Über der Koppel nebenan rufen heute sogar zwei Kuckucke gleichzeitig. Grün sind die beiden Schreihälse sich offenbar nicht. Fast drohend klingt ihr „Gesang“. Eine regelrechte Luftschlacht entbrennt zwischen den wütenden Machos. In wilder Jagd geht es auf und ab, mal oben am Himmel, dann auf Höhe der Knicks. Die Rufe werden hektischer. Sie steigern sich zum hysterischen Tremolo, bis die Stimmen sich schier überschlagen. Kein Wunder, denn dem Sieger winkt zum Lohn ein Revier. Genauer gesagt, die Hoheit über eine Vielzahl von Vogelnestern, in denen die Kuckucksweibchen ihre Eier legen können. Eine Stunde lang dauert das wüste Treiben, dann sucht einer der Beiden das Weite. Der erbitterte Kampf ist entschieden.

<p>Schon nach knapp zwei Wochen ist der Jungkuckuck größer als die Teichrohrsänger, die ihn großziehen.</p>
Per Harald Olsen

Schon nach knapp zwei Wochen ist der Jungkuckuck größer als die Teichrohrsänger, die ihn großziehen.

„Kuckuck, kuckuck,…“. Immer noch? Klar, aber diesmal klingt das Rufen freundlicher. Der Sieger ist jetzt auf Brautschau. Als ein paar Stunden später ein Weibchen erscheint, wandelt der Freier sich zum Charmeur: Mit lautlosen Verfolgungsflügen, heftigem Kopfnicken und tiefen Verbeugungen macht er der Angebeteten den Hof. Und dann geht alles ganz schnell. Die Vögel paaren sich, und für den Kuckucksmann war’s das auch schon mit dem amourösen Getue. Still und heimlich macht er sich aus dem Staub. Die Suche nach geeigneten Pflegeeltern überlässt er dem Weibchen.

Gar nicht so einfach. Denn Frau Kuckuck ist anspruchsvoll. Sie akzeptiert nur Nester von derjenigen Vogelart, von der sie auch selbst aufgezogen wurde. Am Schilfgürtel des Flüsschens Alte Sorge wird sie fündig. Dort leben die Vögel, die sie aus ihrer Nestlingszeit kennt: Teichrohrsänger. Ihr Aussehen und Gesang, der Lebensraum und das tiefe napfförmige Nest: Alles passt.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf

Frau Kuckuck akzeptiert nur Nester von derjenigen Vogelart, von der sie auch selbst aufgezogen wurde. In einem unbeobachteten Moment schleicht die Betrügerin sich an, klaut eines der Eier und legt stattdessen in Sekundenschnelle ein eigenes hinein. Und siehe da: Es ist zwar etwas größer, aber gleicht ansonsten denen der Rohrsänger wie „ein Ei dem anderen“.

Als die „Wirtseltern“ zurückkehren, inspizieren sie sorgfältig ihr Nest. Hmm, alles in Ordnung? Ja! Jetzt aber schnell weiterbrüten. Den kleinen Unterschied merken sie nicht. Und was sie erst recht nicht ahnen: Im Kuckucksei hat die Entwicklung des Embryos längst begonnen. Das Küken schlüpft deshalb früher als der eigene Nachwuchs. Schon nach zwölf Tagen kriecht es aus dem Ei.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf: Im Rückwärtsgang, zwischen seinen Schultern und den Flügelansätzen, schiebt der hinterlistige Winzling die echten Eier der Rohrsänger über den Nestrand nach draußen. Plumps, eines nach dem anderen fallen sie zu Boden und zerbrechen. Und schon ist der kleine Schmarotzer alle Sorgen los. Insekten, Larven und Würmer, was auch immer die unfreiwilligen Zieheltern heranschaffen, landet in seinem knallroten Schlund. Es dauert nicht lange, dann ist der nimmersatte Jungkuckuck fast doppelt so groß wie seine Ernährer. Trotzdem umsorgen und füttern sie ihn – und ahnen nicht, dass sie um ihren eigenen Nachwuchs betrogen wurden. Nett oder fies? Irgendwas hat die Natur sich dabei sicher gedacht.

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