Geschichte in Kiel : Der Blutrichter an der Stadt-Spitze

Kiels Nachkriegs-OB: Otto Tschadek.
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Kiels Nachkriegs-OB: Otto Tschadek.

Film-Projekt von Gymnasiasten erinnert an die zwei Gesichter von Kiels Nachkriegs-Oberbürgermeister Otto Tschadek.

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01. Mai 2018, 17:34 Uhr

Der Film einer Schülergruppe des Gymnasiums Altenholz erinnert an die dunkle Seite von Kiels Nachkriegs-Oberbürgermeister Otto Tschadek. Der Marinerichter, von den Briten im Juli 1945 zunächst als Bürgermeister und dann im Februar 1946 als OB eingesetzt, hat nach Recherchen von Historikern während des Krieges als Marinerichter mindestens vier Todesurteile gesprochen.

„Otto Tschadek – Täter oder Opfer?“ heißt der zehnminütige Streifen. Den haben die Jugendlichen gerade beim Schülerwettbewerb „Recht und Unrecht – Juristen nach 1945“ eingereicht, ausgeschrieben vom Deutschen Anwaltverein und dem Philologenverband. Auf das Thema kam die neunte Klasse durch einen Straßennamen nahe des Gymnasiums: Die dortige Oskar-Kusch-Straße ist auf einen U-Boot-Kommandanten getauft, den das Kieler Marinegericht 1944 wegen Zweifeln des Soldaten am Endsieg hinrichten ließ. Und zwar auf einem Schießstand nahe Holtenau – dort, wo auch andere Todesurteile der Militär-Gerichtsbarkeit vollstreckt wurden. Darunter auch solche, die Otto Tschadek gefällt hatte. Das hat im Jahr 2010 der Wiener Politologe Thomas Geldmacher dokumentiert, Mitglied des österreichischen Personenkomitees „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“.

Der hat sich für Tschadek interessiert, weil auch jener ein Österreicher war. In seiner Heimat war er zunächst das ganze Gegenteil eines Nazis, nämlich Sozialdemokrat. Eigentlich war Tschadek Rechtsanwalt, durfte den Beruf jedoch mangels Mitgliedschaft im NS-Rechtswahrerbund nicht ausüben.


Vier Militärs verurteilte Tschadek zum Tode

1940 dann der Wechsel an die Küste: Der Österreicher wurde zur Kriegsmarine nach Stralsund eingezogen. Wie sich ein Aufstieg vom Matrosen bis zum Marinekriegsgerichtsrat im Rang eines Kapitän-Leutnants vollzog, ist nicht überliefert. Dokumentiert ist jedenfalls, dass der Alpenländer 1941 zur Kriegs-Justiz nach Kiel gewechselt ist. 1953 äußerte Tschadek über seine Zeit am Marinegericht: „In den fünf Jahren meiner richterlichen Tätigkeit hatte ich viel Gelegenheit, politisches Unheil zu verhindern und manche harten Urteile abzubiegen. Daher war ich bei den Verteidigern, aber auch bei den zahlreichen Soldaten und den Arbeitern der Kieler Werft in kurzer Zeit sehr bekannt geworden.“ Jüngere Forschung – so bestätigt es auch die Kieler Stadtverwaltung – hat indes gezeigt: Es gibt auch eine andere Facette. Mindestens vier Militärs hat Tschadek zum Tod verurteilt – als angeblichen „Volksschädling“, wegen Wehrkraftzersetzung, wegen Fahnenflucht und wegen Plünderung. Was für zusätzliches Stirnrunzeln sorgt: Das Todesurteil gegen den angeblichen Plünderer erschien selbst einem vorgesetzten Richter zu hoch. Er wandelte den Schuldspruch in eine Zuchthausstrafe um. Den Fahnenflüchtigen, den Tschadek bereits zum Tod verurteilt hatte, belegte der Österreicher symbolisch mit zusätzlichen Strafen wie dem Verlust von Ehrenrechten, fünf Jahren Zuchthaus und einer Geldstrafe von 400 Mark.

Inwieweit dies der britischen Besatzungsmacht bekannt war, bleibt unklar. Dass sie Tschadek als Bürgermeister und dann als OB einsetzte, wird damit zu tun gehabt haben, dass er vor dem Krieg als politisch unverdächtiger Sozialdemokrat engagiert war und über kommunalpolitische Erfahrung verfügte.

Tschadek stellte denn auch wichtige Weichen beim Wiederaufbau der Landeshauptstadt, etwa bei der Funktionsfähigkeit von Wasser- und Stromversorgung, bei der Schaffung von Notunterkünften oder der Wiedereröffnung des Schauspielhauses. Dass seine Amtszeit bereits im März 1946 endete, lag daran, dass er in den heimischen Nationalrat gewählt worden war. Später stieg er in Österreich als Mitglied der SPÖ zum Justizminister auf.


Von Kiels Blutrichter zum Justizminister Österreichs

Die Altenholzer Schülergruppe findet am Fall Tschadek vor allem interessant, dass ein Verhalten je nach den äußeren Umständen so stark auseinanderklaffen kann, wie Film-Mitautorin Caroline Ramm deutlich macht. Indem sie den Fall zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit holen, möchten die Schüler nach eigenen Worten kritisieren, dass die Stadt Kiel beschlossen hat, Tschadek bei seinem Fortzug „das Bürgerrecht zu erhalten“ und ihm dies später nie aberkannt hat. Ebenso ist Tschadek Träger des Großkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik.

Der Erhalt der Kieler Bürgerrechte führt dazu, dass Tschadek im Wikipedia-Eintrag zum Stichwort Kiel sogar als Ehrenbürger auftaucht. Was allerdings ein Missverständnis ist, wie Stadt-Sprecher Arne Ivers erklärt. Der damalige Fortbestand der Bürgerrechte sei eben keine Ehrenbürgerwürde gewesen – sondern nur eine auf Lebzeiten bezogene symbolische Geste. „Mit dem Tod ist das Bürgerrecht erloschen“, betont Ivers. Deshalb sei eine Aberkennung nicht erforderlich. „Wir freuen uns aber über jede kritische Auseinandersetzung mit dem Thema“, so der Rathaus-Sprecher. „Daher begrüßen wir das Schülerprojekt außerordentlich und haben es mit unserem Stadtarchiv gerne unterstützt.“

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