Der Blick in eine fremde Welt

Kontakt zu Einheimischen: Der Elmshorner Biologe Armin Püttger’den-Conradt war fünf Monate lang für Forschungen in Südost-Asien unterwegs.  Fotos: Püttger’den-Conradt (4)
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Kontakt zu Einheimischen: Der Elmshorner Biologe Armin Püttger’den-Conradt war fünf Monate lang für Forschungen in Südost-Asien unterwegs. Fotos: Püttger’den-Conradt (4)

Der Elmshorner Biologe Armin Püttger’den-Conradt ist von einer Forschungs-Expedition in Südost-Asien zurückgekehrt

shz.de von
22. Mai 2018, 16:00 Uhr

Nach fünf Monaten ist der Elmshorner Biologe Armin Püttger’den-Conradt kürzlich von seiner zweiten großen Südost-Asien Expedition aus der Tropenwelt Indonesiens und Malaysias zurück. Er berichtet von seinen Forschungen und Erlebnissen.

Seit fünf Uhr morgens bin ich unterwegs und steige auf einem schmalen Pfad durch den Urwald aufwärts. Ziel ist der Gipfel des Pangrango auf der Insel Java, ein Vulkan von über 3000 Meter Höhe. Es ist der selbe Weg, den vor 200 Jahren der Dithmarscher Naturforscher Heinrich Boie aus Meldorf beging. Viele Monate verbrachte er in der Region und entdeckte neue Arten, beschrieb Landschaft und Tiere, die ich nun mit der heutigen Zeit vergleiche. An Lianen und Baumstämmen, oft auf allen Vieren, erreiche ich schliesslich den höchsten Punkt und finde zu meiner Freude die große Primel, die damals entdeckt wurde und durch ihre Einzigartigkeit für Aufsehen sorgte. Aber die Java-Nashörner, die sich ehemals ihre Pfade durch den Dschungel bahnten, sind gänzlich verschwunden. Der nächtliche Abstieg erfolgt im Taschenlampenlicht, begleitet vom Schrillen der Zikaden und dem Schreien der Affen in den Bäumen.

An der Universität und dem Botanischen Garten Kebun Raya in Bogor machte ich den Namen des jung verstorbenen Boie, der bereits bei A. von Humboldt arbeitete, hoffähig. Man öffnete mir alle Türen zu den zoologischen Sammlungen zum arbeiten und erhielt die Genehmigung, den Stein des historischen Forschers, dessen Grab ich 2011 wiederentdeckte, im kommenden Winter mit einer neuen Marmorinschriftenplatte zu versehen.

Es waren im vorletzten Jahrhundert mehrere deutsche Forscher in der damaligen holländischen Kolonie im Auftrag der Naturkundlichen Kommission zu Leiden unterwegs, so auch F. Junghuhn, der intensiv besonders die Vulkane der Insel untersuchte. Die riesige Caldera, aus der sich der Gunung Bromo steil erhebt, war für mich eine schwarze Lavawüste, die Junghuhn nach einem frischen Ausbruch als weiss beschrieb. Ein tiefer schauriger Schlund bot sich mir dar, als ich in den Krater schaute, in dem schwefelige Dämpfe waberten, während kalter Wind und Regen tobte in einer Region, die mit ihrem Anblick an die Urzeit der Erde erinnerte.

In den 1930er Jahren hielt sich der Holsteiner Dokumentarfilmer, Künstler und Forscher Victor von Plessen auf Bali auf, um einen Kinofilm über die Kultur der Balinesen anzufertigen. Noch heute wird das Antlitz der Insel von Göttern und Dämonen beherrscht, die in Dörfern und in den Wäldern als steinerne Statuen einem begegnen. Ich sah wunderbare traditionelle Tänze in den Tempelanlagen, musste aber auch feststellen, das dieses tropische Paradies vom Massentourismus regelrecht überrannt wird und der atemberaubende Ketjak-Tanz, den Plessen in seinem Film so faszinierend darstellte, inzwischen zu einer billigen Show verkommen ist. Es ist erstaunlich, wie unfassbar tolerant die Einheimischen mit den oft überheblichen und anmaßenden Touristen umgehen, die ihre Heimat regelrecht überrennen.

So wollte ich auch schnell nach einer Reihe von naturkundlichen und historischen Forschungen weiter zur Insel Lombok. Die Fähre brachte mich dabei über die Wallace Linie, eine imaginäre Grenze mitten zwischen den beiden Eilanden, die die asiatische Flora und Fauna von der australischen trennt. Darauf aufmerksam wurde im vorletzten Jahrhundert der Naturforscher A. R. Wallace, der gleichzeitig mit C. Darwin die Grundlagen der Evolution, der Veränderlichkeit der Arten, entdeckte. Erstmals kam ich nun selbst in diese Zone und konnte auf meinen Wanderungen durch die Berge Lomboks zahlreiche neue Arten beobachten, die mir bisher fremd waren. Die Strände und Küstengewässer fand ich jedoch voll mit Plastik, oftmals in so dicken Schichten angespült, das man nicht mehr zutreten konnte. Ein ungeheures Umweltproblem, dass sich in den Meeren abspielt und jährlich Millionen von Seevögeln das Leben kostet.

Viele Jahre verbrachte Wallace auf den Molukken, wohin mich mein Abstecher führte. E. Rumphius aus Deutschland forschte hier vor bereits über 300 Jahren botanisch und zoologisch, und in der Fachwelt ist sein Name und Lebenslauf noch immer geläufig. Erblindet lebte er schließlich mit seiner indonesischen Frau in einfachen Verhältnissen und hinterließ ein gewaltiges Werk an dicken biologischen Bänden, die die Artenvielfalt von Insulinde anhand Zeichnungen beschreiben, deren Originale ich in der wissenschaftlichen Bibliothek von Lipi einsah, bevor es weiter nach dem buddhistischen Tempel von Borobodur ging.

Auch nach Borneo führte mich erneut mein Weg. Nachdem ich 2011 die Insel durchquert hatte und den Spuren von V. von Plessen folgte, untersuchte ich diesmal intensiver die Tier- und Pflanzenwelt an unterschiedlichen Orten, begegnete erneut den Orang Utans und Nasenaffen, die mit ihren riesigen Nasen auf mich herab blickten, war in den Langhäusern der ehemaligen Kopfjäger und folgte den Spuren des Schriftstellers und Seefahrers Joseph Conrad, dessen authentische Schauplätze und Personen sich im Osten Borneos fanden. Meine Dschungeltouren brachten mich näher an die unerschöpfliche Vielfalt der Arten, die aufgrund der sich ins Ungeheure ausbreitenden Ölpalmplantagen einer enormen Bedrohung entgegen sieht, die auch unser Weltklima beeinflussen wird.
Mein Weg führte mich weiter nach Sumatra. Das Meer bei Padang sowie die Berge von Bukittingi wurden historisch und naturkundlich unter die Lupe genommen, wahrlich enorme Gegensätze die viele Vergleiche und Erkenntnisse brachten. Grundsätzlich hat jede indonesische Insel ihre eigene Kultur. In einer kleinen Stadt im Süden Sumatras erkundigte ich mich auf dem Bahnhof bei drei bildhübschen jungen Frauen am Schalter nach Reisemöglichkeiten. Aufmerksam und äusserst hilfsbereit recherchierten sie mein Vorankommen, und als ich ging, streckten sich alle sechs Arme winkend in die Höhe und „Take cares“ und „Good journeys“ klangen mir bis an die Tür nach. Das muss man sich mal an einem Bahnschalter in Deutschland vorstellen. . . !

Es waren noch immer einige Wochen Zeit für die malaysische Halbinsel. Von Dumai setzte ich nach Melaka über, einer hoch kultivierten Unesco-Welterbestadt. Im Vergleich zu afrikanischen Ländern haben die Malayen keine Probleme, mit ihrem kolonialen Erbe umzugehen, sondern haben es völlig in ihre eigene Geschichte gleich berechtigt integriert. Nun ist Malaysia aber auch einer der Tigerstaaten, die uns in Europa bereits so manches vormachen können. Es fällt auf, wie man untereinander auf gutes Benehmen bedacht ist; so sieht man zum Beispiel Schilder und Piktogramme in Metro-Bahnen, die darauf hinweisen, dass man alten Leuten seinen Platz anbietet und die Umwelt sauber hält. Auch da kann Deutschland mit seiner oft zu beobachtenden Wohlstandsverwahrlosung nicht mithalten.

In Kuala Lumpur überraschte mich ein Urwald inmitten der Wolkenkratzer, unweit der Twin Tower, der Bukit Nanas, ein seit 1903 geschützter Resturwald mit Hiking Trails und interaktivem Naturmuseum. Oder ein Hochhaus, von oben bis unten mit Pflanzen begrünt. Botanische Gärten, Hinduhöhlen und Vogel- und Schmetterlingsparks bieten Natur in der Großstadt. Den Abschluss machten dann die Cameron Highlands bei Tanah Rata, wo sich beste Möglichkeiten der Erforschung des Urwalds fanden. Zahlreiche Pfade führten durch eine wilde Landschaft, Kannenpflanzen und Orchideen begleiteten den Weg. Häuser im Fachwerkstil unserer Berge machten einen malerischen Eindruck und erinnerten an die Schweiz. Penang, die Insel am Indischen Ozean, machte den Abschluss meiner Forschungsreise. Unzählige Ergebnisse und Impressionen warten nun auf deren Aufarbeitung – bis ein neues Abenteuer beginnt.

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