„Das ist ein großes Experiment“

Lehrt und forscht an der an der Europa-Universität Flensburg: Christian Filk.
Lehrt und forscht an der an der Europa-Universität Flensburg: Christian Filk.

Christian Filk (51), Professor für Medienpädagogik und interdisziplinäre Medienforschung, über Schule in Zeiten nach der Corona-Krise

Kay Müller von
14. April 2020, 21:44 Uhr

Herr Professor Filk, auch Schüler und Lehrer sitzen im Home-Office, probieren gerade digitale Lernformen stärker denn je aus. Hat hier die Corona-Krise positive Effekte auf die digitale Ausbildung der Schüler?
So leicht kann man sich das nicht machen. Die Schulschließungen werden jeder Schule zuerst einmal aufzeigen, wo sie bei der Digitalisierung steht. Die Corona-Krise ist da so etwas wie ein Lackmustest.

Wagen Sie eine Prognose, was dabei herauskommt?
Wir wissen auch ohne Corona, dass wir bei der Digitalisierung hinter anderen Ländern – und zwar insbesondere den skandinavischen – hinterherhinken. Das liegt auch daran, dass bei uns die Digitalisierung eher technisch gesehen wird. Es ist aber nicht damit getan, dass man eine Laptop-Klasse einrichtet oder ein Smartboard in den Klassenraum hängt. Das wird sich jetzt zeigen.


Was ist stattdessen zu tun?
Jede Schule sollte für sich eine digitale Kultur entwickeln. Und wir können schon heute sehen, dass die Schulen, die dort weiter sind, in der Krise handlungsfähiger als solche sind, die das nicht getan haben. Denn sie haben die Antwort auf die Frage gefunden, was sie mit der Digitalisierung konkret erreichen wollen, und nicht nur, welchen Lerninhalt es jetzt gerade zu vermitteln gilt.

Was meinen Sie damit?
Eine Schule muss die Schüler auf die Wirklichkeit vorbereiten. Und die sieht meist ganz anders aus als sie in vielen Schulen gelebt wird. Die Schüler sind in mancher Hinsicht viel digitaler unterwegs als viele Lehrer. Aber die sollen sie auf eine Welt vorbereiten, die sich ständig verändert. Das müssen wir auch in der Lehrerausbildung berücksichtigen. Das heißt: digitale Medien als Bildungsmedien zu nutzen ist sowohl für Schüler als auch für Lehrer eine große Aufgabe.

Was wird die Krise noch zeigen?
Es wird klar werden, dass wir Schüler, Lehrer, Eltern – einfach alle, die mit Schule zu tun haben – bei der Digitalisierung stärker mitnehmen müssen. Diese Krise verdeutlicht aber auch, dass wir das Lernen in den Schulen nicht komplett durch den Einsatz von digitalen und sozialen Medien kompensieren können und sollten.

Aber viele Schulen versuchen doch, den Unterricht digital aufrecht zu erhalten.
Ja, und das ist ein großes Experiment: Unterricht komplett ohne den Lernort Schule. Die meisten Schüler werden merken, wie sie den irgendwie vermissen. Schulen sind ein bedeutsamer sozialer Treffpunkt für Kinder und Jugendliche. Früher war vielleicht das Daddeln am Handy wichtiger, jetzt wird klar, dass das Treffen in der Schule das ist, auf was es ankommt. Und das können Schulen sich zu Eigen machen.

Wie denn?
In dem sie versuchen, gemeinsam eine eigene digitale Schulkultur zu entwickeln. In jeder Schule gibt es Ideen und Ansätze, wie man die Digitalisierung für den Unterricht einsetzen kann. Viele Lehrer und Schüler werden merken, dass das gar nicht so schwer ist, weil sie es einfach ausprobiert haben. Diesen Schwung sollte man unbedingt nutzen und positive Anreize schaffen, um Bildung mit digitalen Medien zu verankern und auszubauen.

Wie kann das gehen?
In den Schulen gibt es ganz viel Kreativität. Die Lehrer sollten sich darüber austauschen und auch voneinander lernen, was sie im Alltag in den Unterricht integrieren können. Dadurch werden nicht alle Schulen gleich, sondern jede kann ihren eigenen Weg finden.
Aber schon heute gibt es doch ganz verschiedene Lernplattformen, manchmal mehrere Tools in einer Klasse – schafft Ihr Weg nicht noch mehr Verwirrung?
Das glaube ich nicht. Wir haben zwar bei einer Studie im Jahr 2015 herausgefunden, dass es rund 40 unterschiedliche Systemlösungen an den Schulen im Land gibt. Das kommt, weil es über viele Jahre immer einen Wildwuchs, aber kaum Austausch über Konzepte gegeben hat. Das meint auch immer Qualifizierung von Lehrkräften. Langfristig ist man gut beraten, eine Landeslösung anzubieten, die den Schulen aber noch genügend eigenen Gestaltungsspielraum lässt. Entsprechende Schritte hat Schleswig-Holstein angeschoben. Und ich glaube, da ist das Land auf einem guten Weg.

Zeigt diese Krise auch, wo die Grenzen der Digitalisierung liegen?
Dafür braucht es nicht Covid-19. Dänemark ist uns bei der Digitalisierung der Schulen zwar weit voraus, aber ich kann nicht erkennen, dass die Digitalisierung beim Lernen der drei klassischen Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen ausschließlich Vorteile hat. Dazu ein Beispiel: Das Schreiben mit der Hand schult die Feinmotorik und trainiert das Gehirn. Das vernetzte Lernen mit digitalen Medien ist eine vierte Kulturtechnik, mit deren Hilfe wir uns die modere Welt besser erschließen können.

Also wird es künftig nicht nur Unterricht aus dem Home-Office geben, sondern die analoge Schule bleibt lebendig?
Natürlich. Schule und Bildung kann man nicht auf Lernprozesse reduzieren. Das Ziel muss sein, psychisch stabile Kinder in eine widersprüchliche Welt zu entlassen. Und das kann man letztlich nur in einer lebendigen Schule schaffen.

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