Das Ende von „DE 01 229 02216“

Ergebnis eines Arbeitstages: Roland Lausen in seinem Kühlhaus, in dem acht Schweine und acht Rinder lagern. Fotos: Michael Staudt
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Ergebnis eines Arbeitstages: Roland Lausen in seinem Kühlhaus, in dem acht Schweine und acht Rinder lagern. Fotos: Michael Staudt

Nicht erst die Debatte um die Schlachthöfe bringt viele Menschen zum Nachdenken: Was bedeutet es, ein Tier zu töten? Unser Reporter war mit dabei

Kay Müller von
17. Juli 2020, 11:13 Uhr

Silberstedt | Irgendwann geht es ganz schnell. Das Gerät in Roland Lausens Hand macht ein kleines Klickgeräusch. Der Bolzen fliegt kurz heraus, trifft „DE 01 229 02216“ auf die Stirn. Das Rind, das diese Nummer als Namen trägt, sackt zusammen. Ein wenig Blut läuft aus dem Maul der Färse, also einer Kuh, die noch kein Kalb geboren hat. Roland Lausen prüft am Auge, ob das Rind wirklich von dem Bolzenschuss betäubt worden ist – und gleich darauf zieht sein Mitarbeiter Simon Clausen das Tier an Ketten kopfüber nach oben. Mit einem schnellen Stich öffnet Lausen die Hauptschlagader des Tieres – und beendet so das Leben von „DE 01 229 02216“. „Das war’s“, sagt der Landschlachter, der gleichzeitig Landesinnungsmeister ist.

Der freundliche 52-Jährige ist in seiner Schlachterei in Silberstedt (Kreis Schleswig-Flensburg) groß geworden, die sein Vater einst gegründet hat. „Für mich ist das Handwerk hier.“ Und Lausen ist offen. Er zeigt Kindern aus der örtlichen Kita die Fleischerei, stellt mit ihnen Frikadellen her. Und er zeigt mir, dem Zeitungsreporter, wie das ist, ein Tier zu töten, um das, was nach der Schlachtung übrig ist, als Steak oder Wurst aufzuessen.

Schon lange gibt es Streit darüber, wie sinnvoll es ist, dass Menschen genau wissen, woher ihr Essen kommt. Ob gar Kinder einmal mit eigenen Augen sehen sollten, was passieren muss, damit sie Wurst und Fleisch auf dem Tisch haben. Ich finde ja, weil es das Bewusstsein dafür stärkt, wie wir uns ernähren – und jeder selbst entscheiden kann, ob er das so oder anders will.

Natürlich weiß auch ich, dass eine Kreatur ihr Leben dafür lassen muss, wenn ich Fleisch essen will. Aber ich will sehen, was das mit mir macht, wenn ich es direkt miterlebe. Roland Lausen drückt mir eine weiße Gummischürze und eine kleine Mütze in die Hand. Die Gummistiefel habe ich schon an den Füßen als ich zu dem kleinen Gatter gehe und die Färse das erste Mal sehe. Sie ist relativ ruhig, Lausen lässt sich Zeit bevor er den Schuss ansetzt. Der Tod des Tieres lässt mich nicht kalt, die Kuh ist noch ganz warm, ich kann es fühlen. Mich irritiert die Masse an Blut, die Simon Clausen schnell in den Gully spült, und dass er in weniger als einer Minute den Kopf des Tieres abtrennt. Er hängt ihn an einen Haken, wo ihn später der Veterinär begutachten wird, der die Tiere vor und nach der Schlachtung untersucht.

Das sind keine schönen Bilder. Aber vielleicht bin ich nicht empathisch oder tierlieb genug, denn diese Szenen entsetzen mich auch nicht.

Das Tier wird schnell zur Ware. Ich kann Menschen verstehen, die das nicht wollen. Doch auf der anderen Seite gibt es viele Leute, die Fleisch essen, wie es Menschen seit Jahrtausenden getan haben – nur, dass sie die Tiere heute eben nicht wie unsere Vorfahren selbst erlegen müssen.

In den Großschlachthöfen werden Tiere industriell getötet. Die Corona-Krise hat ans Licht gebracht, wie Menschen und Tiere dort behandelt werden. „Die rechnen rückwärts“, sagt Lausen. „Da wird festgelegt, was eine Bratwurst im Handel kosten darf – und dann kalkuliert man, was man machen muss, um diesen Preis zu schaffen.“ Bei ihm sei das anders: „Ich arbeite und sehe dann, was ich dafür haben muss. Es geht mir darum, die Begehrlichkeit nach dem Lebensmittel zu steigern.“

Lausen verarbeitet in seiner Schlachterei nur Tiere aus der Region, aus biologischer oder konventioneller Produktion, meist für Direktvermarkter und ab und zu auch für die Gastronomie. Das ist keine Massenware wie in den Großbetrieben, 350 Rinder und doppelt so viele Schweine schlachtet er im Schnitt pro Jahr, manchmal drei in einer Stunde, wenn er und Simon Clausen sich beeilen. Lausen hat keine Tötungsroboter, bei ihm müssen die Tiere nicht ein genaues Schlachtgewicht haben und dürfen auch mal größer sein als von den Maschinen in einem Industrieschlachthof vorgegeben. Im Zweifel kann Lausen sich Zeit mit dem Schlachten lassen bis sich ein Tier wieder beruhigt. Er beschäftigt keine rumänischen Leiharbeiter mit Werkverträgen, hat vier Angestellte und eine Auszubildende – alle aus der Region. Das alles hat seinen Preis, deswegen kostet ein Kilo Nackensteak bei ihm nicht 4,50 Euro wie im Supermarkt, sondern das Doppelte.

Es gebe bei manchen Leuten einen Unterschied zwischen dem, was sie sagen und dem was sie tun, sagt Lausen: Fast alle wollten, dass die Tiere gut leben und greifen doch bei der Billig-Ware zu.

Ich kenne das. Auch ich bin im Fleisch-Überfluss groß geworden. Alles wurde im Laufe der Jahre teurer, nur Wurst und Schnitzel nicht. Es gab kaum einen Tag im Jahr, an dem ich mich vegetarisch ernährt habe.

Seit Jahren ist der Fleischkonsum in Deutschland nahezu konstant – rund 60 Kilo isst jeder im Schnitt pro Jahr. Macht in meinem Leben rund 2,8 Tonnen – also etwa sieben der Färsen, von denen eine jetzt tot vor mir liegt. Ich schätze, dass mein Fleischkonsum noch deutlich höher lag.

Essen wir zu viel Fleisch? Lausen zuckt mit den Schultern. Was soll er sagen? Er will seine Dienstleistung verkaufen. „Ich finde schon, dass es diese XXL-Portionen nicht geben muss“, sagt er dann. „Lieber weniger und dann bessere Qualität.“

Ich versuche mich seit längerem daran zu halten. Ich esse bewusster, achte darauf, wo das Fleisch her kommt. Und es gibt eben nicht jeden Tag Schnitzel, sondern eher einmal die Woche Sonntagsbraten.

Dass der hart erarbeitet werden muss, sehe ich in der Landschlachterei. Der Kuh wird das Fell über die Ohren gezogen und später als Leder verwertet – wie das meiste vom Tier. Zunge, Bäckchen, Leber – alles hängt an Haken. Ich bin ganz froh, dass ich nicht selbst etwas aus dem Tier herausschneiden soll. Als Lausen den Pansen und die anderen Innereien aus der Kuh holt, wird der Geruch nach Blut, Fett, Mageninhalt und dem Gummi der Schürze, die mir vor dem Bauch hängt, stärker. Ich werde ihn noch länger in der Nase haben. Für Simon Clausen ist das Alltag. Er hat einen anderen Blick: „Man sieht, dass das Tier gut gelebt hat“, sagt er und deutet auf das Fett, das Lausen abschneidet. Ich habe keinen Blick dafür, denn ich soll nun doch selbst ran. Ich habe es ja so gewollt. Lausen teilt mit einer speziellen Säge die Kuh fast in zwei Hälften, den Rest mache ich mit einem großen Beil. Ich kann mir etwas Schöneres vorstellen, aber es ist auch nicht unerträglich.

Nach einer Stunde ist alles vorbei. Lausen und Clausen spülen sich das Blut von Händen und Schürze, ich habe nur wenig abbekommen. Die Färse oder was von ihr übrig ist, hängt in zwei Hälften an Haken und kommt jetzt zehn Tage lang ins Kühlhaus bevor sie zu dem Bauern zurück kommt, von wo sie vor ein paar Stunden gekommen ist. 400 Kilo wiegt das geschlachtete Tier, macht bei einem Preis von 3,30 Euro pro Kilo 1320 Euro. Irgendwie ein Wert. Aber genug für ein Tier, das 27 Monate gelebt hat?

Ich kann verstehen, wenn Menschen das Leben eines Tieres nicht in Geld bemessen wollen, die vielleicht der Bericht über eine Schlachtung abstößt. Aber ich für meinen Teil bin froh, wenn die Tiere von Leuten geschlachtet werden, die das seriös, mit Fachwissen und Zeit machen. Die Bilder davon werden mich weiter beschäftigen, aber ich zumindest werde weiter Fleisch essen.

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