Das Aushängeschild der DDR

Triumph in Calgary: Katarina Witt als Carmen bei ihrer Goldkür 1988 bei den Olympischen Winterspielen.
Triumph in Calgary: Katarina Witt als Carmen bei ihrer Goldkür 1988 bei den Olympischen Winterspielen.

Katarina Witt war das „schönste Gesicht des Sozialismus“ – und erlebte die Wendezeit im Ausland

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23. September 2020, 14:41 Uhr

Sie ist die Frau der Superlative. Für viele die beste Eiskunstläuferin aller Zeiten, die erfolgreichste allemal, ganz sicher die berühmteste Bürgerin der DDR-Geschichte. Und ein Zitat über sie fehlt bis heute in keinem Text und in keinem Film, der von ihr handelt: „Das schönste Gesicht des Sozialismus“. Erstmals so formuliert vom US-amerikanischen „Time Magazine“, das sich 1988 sogar noch zu einer Steigerung hinreißen lässt: „Wenn Kati Witt das wahre Gesicht des Sozialismus ist, kann Amerika gerne sozialistisch werden.“ Hätte es damals schon Twitter gegeben, wäre es für Donald Trump wohl eine schlaflose Nacht geworden. .

Katarina Witt hat als Sportlerin geschafft, was Politikern jahrzehntelang nicht vergönnt war: Sie konnte die Mauer einreißen, und wenn es nur für die Dauer einer Kür war. So wie am 27. Februar 1988. Bei den Olympischen Winterspielen in Calgary wird das Duell der DDR-Eisprinzessin und Titelverteidigerin gegen ihre US-Konkurrentin Debi Thomas zum „Krieg der Systeme“ und „totalen Klassenkampf“ hochstilisiert. Beide laufen ihre Kür zu George Bizets Oper „Carmen“, sie haben sich unabhängig voneinander dafür entschieden. Der US-Sender ABC meldet eine Einschaltquote von 40,2 Prozent, höher war sie bis dahin nur ein einziges Mal bei einer Sportübertragung. Und in westdeutschen Fernsehsesseln fiebert das Publikum mit der ostdeutschen Sportlerin.


Superstar in den USA

Katarina Witt läuft die Kür ihres Lebens. Und gewinnt. Die Freude über ihren Sieg kennt keine innerdeutsche Grenze. Spätestens jetzt ist sie „Katarina die Große“. Und das leuchtendste Aushängeschild der DDR. Das haben sich Erich Honecker und Genossen einiges kosten lassen: Witt hat vor den Spielen mit dem DDR-Regime ausgehandelt: Bring uns deine zweite olympische Goldmedaille, dann darfst du in eine amerikanische Eis-Show gehen und richtig Geld verdienen. Fortan führt sie ein Leben auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs – mit offiziellen Terminen in der DDR, Eis-Revues, einem Kinofilm und einer Tournee jenseits des Atlantiks. In den USA avanciert sie zum Superstar – und liefert 80 Prozent ihrer Einnahmen in der DDR ab. Längst hat sie da alle Auszeichnungen bekommen, die der Arbeiter-und-Bauern-Staat zu vergeben hat. Erich Honecker verleiht ihr den vaterländischen Verdienstorden in Gold, später gar noch die Ehrenspange dazu. Dafür macht sie gute Miene zum sozialistischen Spiel. Was nicht immer so einfach ist. 1984 sitzt Katarina Witt bei einem Ball neben dem Staatsratsvorsitzenden und bemüht sich um ein Gespräch mit ihrem Förderer und Gönner. Vergeblich: „Wir haben versucht, uns zu unterhalten, aber er hat so genuschelt, ich hab kein Wort verstanden“, erzählt sie in Jobst Knigges sehenswerter TV-Dokumentation „Katarina Witt – Weltstar aus der DDR“, die am 23. September auf Arte und am 3. Oktober im Ersten zu sehen ist (Arte, heute, 22.15 Uhr; Das Erste, 3. 10., 16 Uhr).Für diesen Film hat sie eine Ausnahme gemacht, denn eigentlich ist Katarina Witt des Erzählens von sich und der DDR müde und lässt Interviewanfragen zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung unbeantwortet. „Ich bin vom vielen Wiederholen meiner Lebensgeschichte selbst etwas gelangweilt. Ich komme mir manchmal vor wie eine Schallplatte mit Sprung“, sagt sie dem Arte-Magazin. „Dieses Jahr feiern wir 30 Jahre Wiedervereinigung, letztes Jahr waren es 30 Jahre Mauerfall. Danach ist hoffentlich für zehn Jahre erst mal Schluss.

Mauerfall, Wiedervereinigung. Wie hat das die Frau erlebt, die jahrelang die Sportbotschafterin der DDR war? Die man im Westen als „schönstes Gesicht des Sozialismus“ bejubelte, während anderen sichtbar gedopten Sportlerinnen aus dem Ostblock attestiert wurde, sie sähen aus wie Männer. Als Günter Schabowski am 9. November mit seinen historischen Worten „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich …“ stammelnd die Mauer fallen lässt, steht Katarina Witt in Sevilla auf dem Eis und dreht für „Carmen on Ice“. Und als sich die beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 vereinigen, arbeitet sie in den USA an ihrer Karriere als Superstar auf dem Eis und im Kino.


Ins Eis verliebt

Die Liebe zum Eis wird ihr weder in die Wiege gelegt noch von den Eltern aufgezwungen. Geboren am 3. Dezember 1965 in Falkensee, findet Katarina Witt schon als kleines Mädchen Gefallen am Eissport. In einem Interview mit unserer Redaktion erzählt sie vor ein paar Jahren: „Mein Kindergarten lag in der Nähe der Eisbahn. Wir sind mittags immer hingegangen, haben zugeschaut, und irgendwann habe ich angefangen, meine Eltern zu nerven und zu sagen: Jetzt bringt mich bitte dahin, ich will auch aufs Eis.“ „Ich habe meinen Eltern meinen Wunsch ganz schön aufgedrängt“, berichtet sie damals weiter. „Dabei weiß ich gar nicht, warum ich mich überhaupt ins Eis verliebt habe. Die Halle war neblig und kalt, es hatte eigentlich nichts Schönes. Mir hat’s trotzdem gefallen, und dann gehörte es ziemlich bald zu meinem geregelten Tagesablauf. Als ich dann noch merkte, dass ich im Wettkampf besser bin als im Training, habe ich das nie mehr infrage gestellt.“ Schnell wird die weltweit bekannte Erfolgstrainerin Jutta Müller in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, auf das Talent aufmerksam und nimmt die kleine Katarina unter ihre Fittiche. Der Rest ist Eiskunstlaufgeschichte: Mit zwei olympischen Goldmedaillen, vier Weltmeister- und sechs Europameistertiteln ist sie lebende Eislauflegende.

Ihr sei immer klar gewesen, dass der Sport vom Regime missbraucht worden sei, sagt Katarina Witt heute. Aber solange sie dadurch für sich die besten Bedingungen gehabt habe, sei es ein Deal gewesen, auf den sie sich eingelassen habe, „halb wissend, halb naiv, halb nutzend“. Internationale Wettkämpfe seien wegen der Rivalität der Systeme stets so gewesen, „als ob du in den Krieg ziehst“. Der Druck auf die Sportlerin war immens, das Gefühl „Entweder du gewinnst oder du stirbst“ immer präsent. Und doch sagt Witt im Interview des Arte-Magazins: „Ich habe eine unbeschwerte, schöne und spannende Kindheit erlebt und habe meine Träume als Leistungssportlerin erfüllen können. Daher empfinde ich große Dankbarkeit, durch das DDR-Sportsystem so viel Unterstützung erfahren zu haben.“ Wohl deshalb spricht sie noch heute von „unserem Land“, wenn sie von der DDR erzählt.

Weniger dankbar dürfte Katarina Witt allerdings dafür sein, dass sie und ihre Eltern seit ihrem siebten Lebensjahr quasi ununterbrochen von der Stasi und Teamkollegen bespitzelt wurden. Ohne Überwachung keine Förderung. Entsprechend dick ist ihre Akte, in die sie für den Film einen Blick wirft und dabei neben peniblen Protokollen ihrer Aktivitäten auch die Warnung vor der Gefahr entdeckt, dass sie sich „überfuttern“ könnte.In ihrer Autobiografie „So viel Leben“ schreibt sie 2015: „Manches hätte ich besser nie erfahren. Ich war kein Spitzel, aber auch keine Widerstandskämpferin. Kein Opfer, allenfalls Objekt.“ Auf der anderen Seite verwöhnt die DDR ihr Aushängeschild mit Privilegien, von denen andere Bewohner des Arbeiter-und-Bauern-Staates nur träumen können. Reisen ins KA – das kapitalistische Ausland sind für sie selbstverständlicheine Selbstverständlichkeit, wenn auch unter ständiger Aufsicht von IMs undhauptamtlichen Stasi-Mitarbeitern. Ein Superstar, der im Westen bleibt, ist für die Genossen das absolute Schreckensszenario.

Nicht nur Defizite in DDR Doch im Fall Katarina Witt ist die Sorge völlig grundlos: „Nie, nie, nie war das auch nur eine Option, die meine Gedanken gestreift hat.“ Sie wäre sich „wie eine Verräterin“ vorgekommen und hätte niemals den Preis bezahlt, ihre Eltern und Freunde nicht mehr wiederzusehen. Ihre schöne Wohnung schmückt die Olympiasiegerin mit einem für andere DDR-Bürger unerreichbaren Geschirrspüler. Ihr Auto, ein VW Golf, wird nach einem von Witt verursachten Unfall durch dasselbe bestens ausgestattete Modell ersetzt. Und als sie ihren Führerschein wegen zu schnellen Fahrens verliert, sorgt die Stasi dafür, dass sie ihn zurückbekommt. Die Erlaubnis, nach dem Olympiasieg in den USA mit einer Eis-Revue auf Tournee zu gehen, ist das Sahnehäubchen auf dem Privilegienkuchen.

Das alles fällt mit dem Mauerfall in sich zusammen. Plötzlich machen einstige Landsleute der Witt den Geschirrspüler und das Auto zum Vorwurf, wird ihre Nähe zur DDR-Führung kritisch beleuchtet, muss sie sich mit einer Unterlassungserklärung gegen den in verschiedenen Medien erhobenen Vorwurf wehren, sie sei Mitarbeiterin der Stasi gewesen. Und aus dem „schönsten Gesicht des Sozialismus“ wird zumindest in der „Bild“-Zeitung eine „SED-Ziege“.

Aber auch das ist Schnee von gestern. Längst ist Katarina Witt im wiedervereinten Deutschland angekommen. Ein Schlüsselerlebnis ist ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Lillehammer 1992 als reamateurisierter Profi. Sie fühlt sich dort als „Eislauf-Mama“, es geht nicht mehr ums Gewinnen, sondern ums Dabeisein. Als Mitglied des gesamtdeutschen Teams. Der siebte Platz spielt keine Rolle, für Katarina Witt sind diese Spiele „ein Heimkommen ins gemeinsame Deutschland“.Nackt im „Playboy“Populär im ganzen Land, wird sie zum Gesicht der letztlich vergeblichen Bewerbung Münchens um die Olympischen Winterspiele 2018. Von den ersten Bildern der Pegida-Demos in Dresden ist sie „erschüttert und zutiefst erschreckt“. Als sie 1998 unverhüllt im „Playboy“ zu sehen ist, wird die Ausgabe zum ersten Mal seit Marilyn Monroes Nacktauftritt weltweit ausverkauft. 2005 gründet sie eine nach ihr benannte Stiftung, um behinderte Kinder zu unterstützen, immer wieder ist sie als Jurorin, Produzentin, Moderatorin oder Kandidatin an TV-Spielshows beteiligt. Den Arbeiter-und-Bauern-Staat, dessen Aushängeschild sie war, will sie auch heute nicht verteufeln: „In der DDR war vieles nicht in Ordnung, aber wir sollten aufhören, das Leben in der DDR auf die Defizite zu reduzieren“, sagt die 54-Jährige, die „froh und dankbar ist, eine ostdeutsche Frau zu sein“. Und nimmt Bezug auf eine andere Frau aus dem Osten, die noch berühmter wurde als sie: „Wir haben in der DDR gelernt, bescheiden und rational zu bleiben. Daher ist sicherlich auch Angela Merkel so, wie sie ist. Sie zelebriert sich nicht. Und Erfolge werden eher abgehakt.“

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