Interview mit Meteorologen : Corona-Pandemie wird für genaue Wetterberichte zum Problem

Meteorologe Detlev Majewski spricht im Interview über Probleme bei der Wettervorhersage, die durch Corona entstehen.
Meteorologe Detlev Majewski spricht im Interview über Probleme bei der Wettervorhersage, die durch Corona entstehen.

Einschränkungen machen Vorhersagen schwieriger. Meteorologe Detlev Majewski spricht über Wetterprognosen in der Corona-Zeit.

Avatar_shz von
25. Juni 2020, 05:30 Uhr

Offenbach | Durch die Corona-Epidemie muss der Deutsche Wetterdienst (DWD) wahrscheinlich langfristig auf wichtige Daten für die Wettervorhersage verzichten. Der DWD-Meteorologe Detlev Majewski erklärt unserer Redakteurin Stefanie Witte im Interview, was das bedeutet und wie der Sommer 2020 wird.

Herr Majewski, Letzte Woche habe ich in den Wetterbericht geschaut: Für zwei Tage später war gegen Abend Sonne angesagt. Die Sonne habe ich an dem Tag nicht gesehen. Ist das nur subjektiv so, oder sind die Wettervorhersagen unzuverlässiger als vor Corona?

Wir können diesen Effekt zurzeit noch nicht feststellen. Wir gehen jetzt in den Sommer – das bedeutet kleinräumigere Wettersysteme, also Schauer und Gewitterwolken. Die sind grundsätzlich schlechter vorhersagbar als großräumige Hoch- und Tiefdruckgebiete, die mehrere Tausend Kilometer Ausdehnung haben können wie etwa im Winter. Wenn ein Wintersturm kommt, können wir häufig schon vier, fünf Tage vorher sagen, wann der bei uns sein wird. Kleinräumigere Systeme im Sommer haben häufig nur eine Ausdehnung von zehn bis 20 Kilometern. Da kann es auch 24 Stunden vorher noch nicht klar sein, ob eine Wolke Osnabrück trifft oder eine Nachbarstadt. Ich fahre zum Beispiel elf Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit – von Mühlheim bis Offenbach – da kann ich in Mühlheim bei Regen losfahren, zwischendurch ist es trocken, und in Offenbach regnet es wieder.

Dadurch, dass weniger Flugzeuge während der Corona-Zeit geflogen sind, hatten Sie aber schon weniger Daten, oder?

Ja. Bislang stammten zehn Prozent unserer Daten von Flugzeugen. Jetzt sind es nur noch um die fünf Prozent. Die Phase, in der wir weniger Daten zur Verfügung hatten, begann allerdings ab Mitte März genau im Übergang zum Sommer. Dazu kommt, dass es auch zwischen den Jahren Unterschiede in der Präzision der Vorhersagen gibt. Es gab Junis, in denen wir überwiegend Hochdruckwetter hatten ohne Schauer – und damit viele zutreffende Vorhersagen. Und ein Jahr später gab es viele Schauer, die sich nicht immer auf den Kilometer genau vorhersagen lassen. Im Vergleich dieser Jahre würde man also große Unterschiede in der Vorhersagbarkeit des Wetters sehen. Ob man am Wochenende grillen kann, lässt sich leichter entscheiden, wenn wir eine Hochdruckwetterlage haben, die über mehrere Tage stabil bleibt.

Bei einer Lage wie in den vergangenen Wochen ist das viel schwieriger abzuschätzen. Im Vergleich zum Vorjahr lässt sich derzeit jedenfalls keine Verschlechterung bei den Prognosen nachweisen. Meteorologe Detlev Majewski

Woher kommen die Daten für Wetterprognosen noch?

Eine wichtige Quelle sind Bodenstationen – da wird in zwei Meter Höhe die Temperatur gemessen, der Luftdruck; an einem Mast wird der Wind in zehn Meter Höhe gemessen. Über Wasser gibt es noch einige wenige Wetterschiffe. Und auf Handelsschiffen kann es Container geben, die ebenfalls dazu da sind, Daten zu erfassen, die sie dann ins weltweite Wetterbeobachtungssystem einspeisen. Und dann gibt es Bojen, die bodennah messen.

Wie sieht es in der Luft aus?

Wir wissen natürlich, dass sich das Wetter in der gesamten Atmosphäre abspielt – das Relevante findet so bis 30 Kilometer statt. Um dort zu messen, haben wir Ballone. Daran hängt eine Radiosonde. Innerhalb einer Stunde steigt der Ballon vom Boden bis auf 30 Kilometer auf. Die Radiosonde misst dann Temperatur, Druck und Feuchte – und aus ihrer Verlagerung können wir den Wind ermitteln. Diese Sonden sind relativ teuer. Weltweit gibt es davon noch etwa 600 – vor allem auf der Nordhalbkugel und in den Industrieländern. Viele Entwicklungsländer können sich das gar nicht leisten. In Afrika gibt es das fast nur in Südafrika.

In Afrika ist der Wetterbericht also ungenauer?

Ja. Da hat man sicher viel weniger Möglichkeiten. Neben den Wetterballonen haben wir in der Luft aber eben auch noch die Flugzeuge. Die messen bei Start und Landung Temperatur, Druck und Wind. Ganz wenige Flugzeuge messen die Feuchte – etwa diese neun Lufthansa-Flugzeuge, die wir hier über Europa hatten. Das ist gerade im Sommer für die gute Vorhersage von Schauer- und Gewitterwolken wichtig. Und zu alledem kommen noch die sogenannten Fernerkundungsdaten. Die bekanntesten kommen von Satelliten. Die messen die thermische Strahlung – man könnte sagen, die Wärme, die die Erde und die Atmosphäre abgeben. Außerdem sieht man die Wolken, und aus deren Verlagerung kann man auf den Wind in ihrem Niveau schließen. Das letzte System ist das Wetterradar. Das sieht die Niederschlagspartikel in der Luft.

Weiterlesen: Weniger Flieger am Himmel? Flugdaten zeigen Vorher-Nachher-Vergleich

Inwieweit konnten Sie den Datenverlust durch die Flugzeuge ausgleichen?

Zum einen haben wir mehr Radiosonden an den deutschen Stationen aufsteigen lassen. Zum anderen kam ein Forschungssatellit namens Aeolus neu dazu. Der liefert Daten zum Wind von Bodennähe bis 30 Kilometer Höhe – mittels Laserstrahl. Den Satelliten haben wir in diesem Jahr in unsere Ausgangsdaten aufgenommen. Die Genauigkeit dieser Winddaten ist schlechter als das, was ein Flugzeug liefert.

Ich glaube aber nicht, dass wir vor 2022 wieder auf dem Flugdatenniveau sind, das wir vor Corona hatten. Insofern hilft uns der Satellit gerade sehr. Meteorologe Detlev Majewski

Sollte es bei den niedrigen Flugzahlen bleiben: Was kann das langfristig für Wettervorhersagen bedeuten?

Ich erwarte die größten Auswirkungen in Richtung Winter. Zur Strecke Europa– Amerika gibt es nur wenige Datenquellen. Da sind wir über offenem Wasser. Die Flugzeuge waren eine unglaublich gute Informationsquelle. In diesem Gebiet entwickeln sich im Winter die Winterstürme. Was in Europa aufs Festland trifft, war 48 Stunden vorher an der Ostküste Nordamerikas. Wenn wir da weniger Beobachtungsdaten haben, kann es sein, dass wir eine starke Tiefdruckentwicklung viel später erkennen.

Weiterlesen:  Wie wird denn nun der Sommer? Wetterprognose im Faktencheck

Zurzeit haben wir das normalerweise drei Tage vorher recht gut im Griff und können Zugbahn und Intensität vorhersagen. Wenn im Winter weiter so wenige Flugzeuge fliegen, erwarte ich schon einen Effekt. Das heißt: Statt drei Tage im Voraus wird man ein solches Tief vielleicht nur zweieinhalb Tage vorhersagen können. Ich würde mir wünschen, dass zumindest der Aeolus-Satellit weiter erhalten bleibt. Im Moment ist das ein Forschungsprojekt der Europäischen Weltraumorganisation, das auf ein, zwei Jahre ausgelegt ist. Es gibt aber kein Anschlussprojekt. Wenn der weg ist, ist er weg. Und mit ihm die Daten.

Wir haben uns daran gewöhnt, teils bis zu zwei Wochen im Voraus wissen zu wollen, wie das Wetter wird – wie seriös sind solche Vorhersagen?

Die Leute schauen ja, wie das Wetter genau an ihrem Ort wird. Das ist jenseits von fünf Tagen schwierig. Vor allem, wenn man an das typische mitteleuropäische Wetter denkt – da liegt die Vorhersagbarkeit bei drei, vier, maximal fünf Tagen. Wenn nicht gerade ein stabiles Hochdruckwetter herrscht, ist eine solche Vorhersage unrealistisch.

Wie wird der Sommer?

Da bin ich eher zurückhaltend. Für Siebenschläfer – am 27. Juni – gibt es allerdings schon einen statistischen Zusammenhang. Wie das Wetter um den Siebenschläfer herum ist, das hat eine Beziehung zum folgenden Sommer. Ist es in dieser Zeit eher unbeständig, haben wir eine Tendenz zu einem unbeständigeren Sommer. Wenn ein stabiles Hochdruckwetter herrscht, ist die Wahrscheinlichkeit eines trockenen, sonnigen Sommers größer. Der Zusammenhang liegt bei ungefähr 70 Prozent.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen