Corona: Die Psyche der Kinder leidet

Zahl der Kinder- und Jugendlichen mit Psychotherapie-Bedarf hat sich im Norden seit 2009 mehr als verdoppelt

Margret Kiosz von
29. April 2021, 21:21 Uhr

Vierjährige spielen Homeoffice mit Tablett und Kafffeetasse. Zehnjährige schlagen Alarm, weil auf alten Fotos die Verwandtschaft ohne Sicherheitsabstand posiert. 18 Jährige, die eigentlich flügge werden sollten, sitzen zu Hause fest. Wie sich das langfristig auf die Psyche des Nachwuchses auswirkt, ist noch nicht absehbar. Aber die Hilferufe nehmen derzeit rasant zu. „Wir haben in unseren Praxen im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt so viele Anfragen. Besonders die 15- bis 24-Jährigen sind betroffen“, berichtet der Chef der Psychotherapeutenkammer im Norden, Heiko Borchers.

Dabei stieg die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die unter Angst und Depressionen leiden und psychologische Hilfe brauchen, schon vor Corona. „Innerhalb von elf Jahren hat sich die Zahl der jungen Patienten mehr als verdoppelt“, berichtet Bernd Hillebrandt, Landeschef der Barmer in Schleswig-Holstein. Er warnt vor ernsten Folgen. „Aus kranken Kindern werden nicht selten kranke Erwachsene“. Man müsse frühzeitig auf Alarmsignale achten.

2019 wurden in Schleswig-Holstein 3,5 Prozent der unter 24-Jährigen psychotherapeutisch behandelt. Das entspricht rund 24 000 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen – ein Plus von 115 Prozent. Den meisten Therapiebedarf gab es in Berlin mit einem Anteil von 5,2 Prozent. Bundesweit erhöhte sich die Zahl der stationär therapierten Kinder und Jugendlichen von 2015 bis 2019 um 24 Prozent auf 18 000, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte.Der Corona-Effekt „Die Pandemie hinterlässt besonders bei jungen Menschen Spuren, die ohnehin psychisch angeschlagen sind“, sagt Hillebrandt. Eine enge Kooperation von Eltern, Ärzten und Psychotherapeuten sei während der Corona-Pandemie wichtiger denn je. Ein besonderes Augenmerk muss laut Borchers auf die Schüler in Abschlussklassen und auf Studenten geworfen werden. Erstere hadern derzeit mit ihren Zukunftsentscheidungen und letztere sitzen oft in engen Studentenbuden in fremden Städten tagelang allein vor dem PC – ohne soziale Kontakte. „Die klassischen Ratschläge – geh’ nach draußen, treibe Sport, trete in einen Verein ein – ziehen derzeit nicht, das ist alles in Pandemie-Zeiten nicht möglich“, schildert Borchers die missliche Lage der Heranwachsenden.

Kleine Kinder seien zwar auch betroffen, „aber die überwinden diese negativen Eindrücke nach Ende der Ausnahmesituation schnell wieder ohne bleibende Schäden“, so seine Hoffnung. Von einer verlorenen Generation, geprägt von Traumata wie sie Kriegskinder davontragen, will Borchers aber nicht sprechen und distanziert sich ausdrücklich von solchen Einschätzungen einiger universitärer Kollegen in Kiel.

Trotzdem: Eine Zunahme von Depressionen, Angststörungen, akuten suizidalen Gefährdungen und anderen Krankheitsbildern haben auch andere Therapeuten gemeldet. Wie jüngst Professor Tobias Renner vom Uniklinikum Tübingen. Seine Notfallversorgung sei „so stark beansprucht wie nie zuvor“. Bei akut behandlungsbedürftiger Magersucht habe der Anstieg bei 100 Prozent gegenüber dem Vorjahr gelegen.

Reta Pelz, Chefärztin in der Mediclin-Klinik Offenburg, sagte: „Seit Januar sind wir durchweg um 110 bis 120 Prozent überbelegt.“ Kinder, die aus einer tiefen Traurigkeit nicht mehr rauskämen, keinen Grund zum Weiterleben sehen und keine Perspektive entwickelten, „sahen wir mehr als sonst“. Hamburger Forscher haben derweil herausgefunden, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Problemen von zehn Prozent vor der Pandemie auf 18 Prozent bis Mitte 2020 angestiegen ist.Häufig jahrelange

Leidensgeschichte

Laut Barmer Report leiden viele junge Menschen über Jahre an psychischen Störungen. So wird bei mehr als jedem dritten Betroffenen bereits fünf Jahre vor Start einer klassischen Psychotherapie zumindest eine psychische Störung dokumentiert. „Haben sich psychische Probleme erst einmal chronifiziert, wird die Behandlung oft schwieriger und langwieriger“, so Hillebrandt. So seien laut Arztreport zum Beispiel bei 62,5 Prozent aller Betroffenen auch noch fünf Jahre nach Start der Psychotherapie psychische Störungen diagnostiziert worden. Fünf Jahre nach Therapiebeginn schluckt auch noch jeder fünfte junge Patient Psychopharmaka.

Im Alter zwischen acht und zwölf Jahren – also vor dem Eintritt in die Pubertät – suchen mehr Jungen als Mädchen Hilfe. 2019 nahmen unter den Elfjährigen 6,6 Prozent der Jungen und 4,6 Prozent der Mädchen psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. Im Laufe der Pubertät steigt die Rate bei den Mädchen stark an. Unter den 17-Jährigen lag der Anteil der Mädchen in psychotherapeutischer Behandlung bei 8,4 und der Jungen bei 3,7 Prozent.

Dieser Unterschied setzt sich auch bei den jungen Erwachsenen fort. So waren 7,1 Prozent der 24-jährigen Frauen in Behandlung (Männer: 3,6 Prozent).

Die Zahlen für 2019 zeigen: schwere Belastungen und Anpassungsstörungen gehören zu den häufigsten Diagnosen. Darunter fallen Trauererlebnisse genauso wie Trennungserfahrungen und (Cyber)Mobbing. Zweithäufigster Anlass waren Depressionen, gefolgt von emotionalen Störungen im Kindesalter, die sich in Überängstlichkeit nach schwerwiegenden Milieuschäden.

Aber es gibt auch Erfreuliches: Der Zugang zur psychotherapeutischen Erstversorgung ist in den vergangenen Jahren leichter geworden und die Zahl der Therapeuten hat sich erhöht.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen