Ehemals Karl-Marx-Stadt : Chemnitz ist mehr als ein Gewaltbrennpunkt

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Zwischen zahlreichen Blumen und Kerzen steht ein Foto des Opfers am Tatort in Chemnitz.
Zwischen zahlreichen Blumen und Kerzen steht ein Foto des Opfers am Tatort in Chemnitz.

Das ist kein Plädoyer für Chemnitz – obwohl einem die Stadt leid tun kann in diesen Tagen.

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31. August 2018, 20:17 Uhr

Chemnitz | Chemnitz ist keine Schönheit, da muss man sich nichts vormachen, aber Chemnitz ist durchaus hübsch geworden in den letzten Jahren. Hier gibt es viel Industrie, aber auch viel Kultur, jedenfalls mehr, als man annimmt. Die einst typisch sozialistische Innenstadt hat ihr Gesicht verändert seit der deutschen Wiedervereinigung. Chemnitz ist tausendmal besser als sein Ruf. Und selbst der ist schon lange nicht mehr so schlimm, wie er einmal war.

Symbol für den tristen Osten 

Bis vor ein paar Tagen. Optisch hat sich zwar nichts geändert seit dem schlimmen Sonntag und dem schlimmen Montag. Karl Marx schaut immer noch grimmig bis kauzig vom Sockel. Das hat was. Doch jetzt steht Chemnitz wieder als Symbol für den grauen und tristen und ausländerfeindlichen Osten – den es in dieser Bestimmtheit natürlich so nicht gibt. Aber Chemnitz hat jetzt leider seinen schlechten Ruf zurück.

Einst Karl-Marx-Stadt

Ich bin in der DDR in einem kleinen Ort 25 Kilometer südlich von Karl-Marx-Stadt – so hieß Chemnitz damals – aufgewachsen. Karl-Marx-Stadt hatte im Land eine komische Rolle. Die Stadt wurde wegen ihres Namens immer ein klein wenig belächelt; auch die Menschen, die hier fürchterlich sächselten.

Karl-Marx-Stadt war in der DDR bekannt als die Stadt mit den drei O – Korl-Morx-Stodt. Die Stellung in Sachsen war ebenfalls nicht zwingend dazu angetan, das Selbstwertgefühl der Leute aufzubessern. In der traditionsreichen Industriestadt Karl-Marx-Stadt wurde produziert, Karl-Marx-Stadt hatte den Ruf eines Aschenputtels weg; während der Glanz auf Dresden und Leipzig fiel.


Weltereignis Länderkampf

So gab es hier wenig Schickimicki. Das mochten wir als Kinder und Jugendliche. Und wer sich für Sport interessierte wie ich, der bekam etwas geboten. Einmal gab es im großen Ernst-Thälmann-Stadion einen Leichtathletik-Länderkampf zwischen der DDR und den USA. 50.000 Menschen in der Arena und Athleten aus dem unerreichbaren Westen. Das war für uns ein Weltereignis.

Warum wieder Sachsen?

Das ist jetzt alles Jahrzehnte her. Selbst das Jahr der Wiedervereinigung liegt gefühlt eine halbe Ewigkeit zurück. Chemnitz hat sein Renommee mächtig aufpoliert. Die Wirtschaft steht gut da, die Städtischen Kunstsammlungen zeigen Dali und Warhol. Es arbeiten Menschen aus der halben Welt in der Stadt, die 2025 europäische Kulturhauptstadt werden will. Und jetzt das. Warum ausgerechnet Chemnitz? Warum wieder Sachsen?


Latente Fremdenfeindlichkeit

Man kann den Leuten das Verbrechen eines Asylbewerbers, der womöglich längst hätte abgeschoben werden müssen, nur schwer erklären. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass sich viel zu viele Menschen in der Stadt mit dem braunen Mob gemein gemacht haben. Das kann natürlich auch im Westen passieren, aber im Osten ist das augenfällig. Vielen Leuten hier mangelt es an Selbstbewusstsein und etwas an Bildung. Aus der latenten Fremdenfeindlichkeit, die ich hier seit vielen Jahren spüre und die kaum einer wahrhaben will, ist jetzt offener Hass geworden.

Sachsen hat verloren
 

Natürlich hat auch das Ansehen der Sachsen gelitten. Nehmen wir das Hütchen-Männchen vom LKA aus Dresden. Da hat man als Sachse ganz einfach 0:1 verloren. Mindestens.

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