Charme und Ehrlichkeit

Tom Saller las im Theater Wedel aus seinem Roman „Wenn Martha tanzt“.
Tom Saller las im Theater Wedel aus seinem Roman „Wenn Martha tanzt“.

Tom Saller begeistert mit seinem Debütroman „Wenn Martha tanzt“ / Publikum verzeiht Eingemeindung Wedels in Hamburg

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09. Oktober 2018, 16:28 Uhr

Es ist schon ein echtes Kunststück, das dem Kulturforum mit seinen Lesungen im Theater Wedel immer wieder gelingt: die Vorsitzende Monika Dohmen und ihre Unterstützer haben ein geschicktes Händchen bei der Auswahl der Autoren. Dieses Mal lockten sie mit Tom Saller einen Roman-Debütanten in das Theatercafé. Und doch war das rappelvoll, alle wollten ihn hören und ein paar Fragmente aus seinem Erstlingswerk „Wenn Martha tanzt“.

Saller erschien im hellblauen Jeanshemd, dazu natürlich die Büxen einer nicht zu definierenden Jeansmarke, kecke Locke mitten auf der Stirn wie ein bekannter Schnulzen-Sänger, das Einlass-Bändchen irgendeines Musik-Festivals um das Handgelenk. Und er nahm sein Publikum sofort für sich ein – trotz des schwerwiegenden Patzers, dass er den Ort seines Auftretens forsch nach Hamburg eingemeindete und es als Hamburg-Wedel bezeichnete, so wie Hamburg-Fuhlsbüttel. Das Gemurre des Publikums, das so stolz auf Wedels Stadtrechte ist, war unüberhörbar. Doch Saller hatte sie gleich wieder auf seiner Seite. Mit umwerfendem Charme und entwaffnender Ehrlichkeit.

Saller las gut an seinem unbequemen Stehpult, fast so als ob er frei sprach. Immer mit den richtigen Betonungen machte er die kurzen Sätze fülliger, hatte auch genügend Adjektive, um Situationen realistisch erscheinen zu lassen. Der Roman „Wenn Martha tanzt“ sei keine Autobiographie, erzählte er. Das Buch des Psychiaters und Psychotherapeuten aus Wüpperfürth im Rheinland habe allerdings Vorbilder aus dem eigenen Leben. Die beiden zeitlich so unterschiedlichen Erzählstränge machte er an den starken Frauenfiguren in seiner eigenen Geschichte fest: Hedi, seiner Großmutter und seiner Urgroßmutter Martha, von der ihm allerdings real nur ein Brief bekannt ist. Der andere Strang spielt im Auktionshaus Sotheby’s, wo der eigentlich nicht an seiner Familiengeschichte interessierte verkrachte Student Thomas das Tagebuch seiner Urgroßmutter zu einem Millionengewinn versteigern lassen will.

Saller räumte ein, selbst auch nie an der eigenen Familien-Geschichte interessiert gewesen zu sein, bis ihm erst mit 50 Jahren der Brief in die Hände fiel. Flucht und Vertreibung während des Zweiten Weltkriegs sei für ihn dann zum Thema geworden. Die Geschichte Marthas mit dem Tanzstudium an der staatlichen Bauhaus Hochschule bei Gropius allerdings sei rein fiktiv, für ihn eine Begegnung mit den Künstlern und dem Leben der Studenten in einer ungewöhnlichen, von Zwängen befreiten Zeit in Weimar. Ein Jahr lang hat Saller über Martin Gropius und seine Bauhaus-Kunst sowie über Ereignisse während des Krieges recherchiert und an dem Roman geschrieben. Wie gut ihm das gelungen ist, muss jeder beim Lesen selbst entscheiden. Sallers Vortrag hat zumindest Spaß und neugierig gemacht.

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