Drogenkriminalität in Hamburg : Cannabis: Polizei ist dem Kampf gegen das Kraut nicht gewachsen

Die Polizei ist zur Bekämpfung der Cannabis-Kriminalität verpflichtet, doch: „Egal, wie viele Dealer wir hochnehmen: Auf den Markt hat das keinen Einfluss. Es ist einfach zu viel da.“

Die Polizei ist zur Bekämpfung der Cannabis-Kriminalität verpflichtet, doch: „Egal, wie viele Dealer wir hochnehmen: Auf den Markt hat das keinen Einfluss. Es ist einfach zu viel da.“

Trotz des Verbots von Cannabis wird gedealt, konsumiert und angebaut. Ein Einblick in die Szene und in die Debatte um die Liberalisierung.

shz.de von
12. April 2018, 15:38 Uhr

Hamburg | Eine Taskforce zur Bekämpfung öffentlich wahrnehmbarer Drogenkriminalität hat die Polizei in Hamburg gegründet. Alle paar Wochen werden Pressemitteilungen verschickt. So und so viele Menschen seien überprüft worden, heißt es darin. Gegen so und so viele Personen sei ein Aufenthaltsverbot ausgesprochen worden. Imposante Zahlen, häufig im dreistelligen Bereich, die sogleich ihren Weg in die Hamburger Presse finden. Es klingt nach einem starken Staat, der hart durchgreift gegen das Verbrechen.

Allein 2016 gab es deutschlandweit mehr als 178.000 Delikte im Zusammenhang mit Cannabis. Wirklich voran kommt der Kampf gegen das Rauschmittel nicht – anders bei der Debatte um eine Liberalisierung: die Befürworter werden immer lauter.

Im Hamburger Schanzenpark ist davon nichts zu spüren. Am Tag nach einer dieser Mitteilungen stehen die Dealer wieder im Park. „Alles gut?“, fragen sie oder pfeifen Passanten herbei. An die 15 sind es. Ihr Wortschatz reicht gerade einmal für Geschäftsanbahnung und -abwicklung. In kleinen Tüten haben die jungen Männer die Ware dabei. Meist nur so viel, dass die Polizei sie bei Kontrollen wieder laufen lassen muss.

 

Die Kunden strömen aus der nahen S-Bahn-Station, versorgen sich mit Stoff – vorrangig Cannabis –, verschwinden im Schanzenviertel oder fahren mit der Bahn irgendwo anders hin zum Feiern. Der Park ist Durchgangsstation für fast alle, die sich in Hamburg mit Drogen versorgen wollen, die der Staat verbietet. In Hamburg weiß das jeder.

Der Schanzenpark gilt als ein Hotspot der Dealerszene – dies weiß in Hamburg jeder. Meist haben die Händler nur so viel dabei, dass die Polizei sie bei Kontrollen wieder laufen lassen muss.
Joto
Der Schanzenpark gilt als ein Hotspot der Dealerszene – dies weiß in Hamburg jeder. Meist haben die Händler nur so viel dabei, dass die Polizei sie bei Kontrollen wieder laufen lassen muss.

Orte wie den Schanzenpark gibt es in allen größeren deutschen Städten. Das Viertel beispielsweise in Bremen oder der Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg. Mit einer Null-Toleranz-Strategie versuchte der frühere CDU-Innensenator Frank Henkel in Berlin den öffentlichen Raum zurückzuerobern und wieder unter die Kontrolle des Staates zu bringen. Er scheiterte, der rot-rot-grüne Folgesenat stellte das Projekt ein. Der „Görli“ ist wieder in der Hand der Dealer.

Vierwöchiger Blick zurück: Cannabis-Vorfälle in Schleswig-Holstein

09. April:

Beamte des Polizeibezirksreviers Heide ziehen in Arkebek (Kreis Dithmarschen) einen Mann aus dem Verkehr, der unter dem Einfluss von Drogen stehend am Steuer eines Autos saß. Er war wegen einer allgemeinen Verkehrskontrolle am Montagvormittag gestoppt worden. Im Gespräch mit dem Seat-Fahrer stellten die Einsatzkräfte Merkmale von Drogenkonsum fest. Ein Drogenvortest bei dem 26-Jährigen verlief positiv auf Cannabis. Der Dithmarscher musste sich darauf der Entnahme einer Blutprobe unterziehen und muss sich nun wegen des Führens eines Kraftfahrzeugs unter Einfluss berauschender Mittel verantworten.

17. März: 

Gegen 2.40 Uhr früh bemerken Polizisten auf der B 207 nahe Elmenhorst (Kreis Stormarn) einen Fiat-Lastkraftwagen, der auf die Bankette geraten war. Die Hinterreifen ragten bereits in einen Graben, so dass kein Fortkommen mehr möglich war. Bei der Ansprache des Fahrers bemerken die Beamten Cannabisgeruch. Der 44-jährige Ratzeburger räumt den Konsum ein – und dass ihm das Malheur beim Wenden des Gefährts passiert ist. Nach einem positiven Urintest wurde ihm eine Blutprobe entnommen. Nebenbei stellte sich heraus, dass der Mann keinen Führerschein hatte. Wegen des Fahrens unter Drogeneinfluss gibt es nun ein Strafverfahren.

04. März

Zwei Polizistinnen werden an diesem Sonntagmittag zu einem Wasserschaden in einem Mehrfamilienhaus in Norderstedt bei Hamburg gerufen – das Wasser war aus der Dachgeschosswohnung bereits bis hinunter in den Keller gelaufen. Da kaum jemand im Haus war, öffnen Feuerwehrleute diverse Wohnungstüren. Und: Eine dieser Wohnungen war unbewohnt. Stattdessen präsentiert sich den Feuerwehrleuten sowie den Polizistinnen dort eine stattliche Anbaufläche für Cannabis. 240 Pflanzen sind sorgsam auf zwei Felder aufgeteilt – und befinden sich in Teilblüte, also noch im Wachstum. Die Kripo ermittelt den 26-jährigen „Wohnungsinhaber“. Der Mann erhält eine Strafanzeige, die Pflanzen werden beschlagnahmt. sh:z

 

Die Dealer sind der kleine sichtbare Teil dieser Parallelwirtschaft. Die wahren Herrscher sind aber andere. Schattenmänner, die über eine ausgeklügelte Infrastruktur walten und so den Nachschub sicherstellen. Wer gegen sie vorgeht, kämpft gegen Windmühlen. „Der Politik geht es bei ihrem Handeln um das Sicherheitsbewusstsein der Bürger“, sagt Jan Reinecke. Er ist Landesvorsitzender des Bundes der Kriminalbeamten in Hamburg und weiß: „Bürger, die sich sicher fühlen, sind zufriedene Wähler.“

Cannabis ist häufig „Made in Germany“

Fortschritte mache die Polizei so aber keine. „Egal, wie viele Dealer wir hochnehmen: Auf den Markt hat das keinen Einfluss. Es ist einfach zu viel da.“ Harte Drogen wie Kokain werden häufig über den Hamburger Hafen eingeschleust. Cannabis hingegen ist zu einem nicht unerheblichen Teil „Made in Germany“. Immer wieder entdecken Ermittler Plantagen – mal in verlassenen Scheunen, mal in Kellern oder auf Dachböden, oder direkt in der Wohnung. Allein in Norddeutschland waren es im vergangenen Jahr mindestens 150 solcher professionellen Farmen, die aufflogen. Tausende Pflanzen wurden beschlagnahmt und vernichtet. In den meisten Fällen war es aber nicht die kriminalistische Arbeit, die zum Erfolg führte, sondern der Zufall.

Das Problem aus dem Sichtfeld der Bevölkerung verdrängen – so formuliert Reinecke den Kampf der Polizei gegen Drogenkriminalität. Statt Strukturen zu sprengen, blieben die Ermittler an der Oberfläche. „Diese Einschätzung ist von einem Gewerkschafter sicher nicht überraschend, aber letztlich fehlt es für eine effektive Bekämpfung an Ausstattung und vor allem an Personal.“

Cannabis ist Rauschmittel und Medizin zugleich

Cannabisprodukte gehören zu den ältesten bekannten Rauschmitteln der Welt und sind die nach Tabak und Alkohol in Deutschland gängigsten Drogen. Seit Jahrtausenden dient Cannabis aber auch als Nutz- und Heilpflanze. Zunächst in China, später auch in Europa, war die Hanfpflanze für die Kleiderproduktion wichtig.

Als Droge spielte sie zunächst in Indien eine Rolle, kam dort aber auch gegen Lepra oder Fieber zum Einsatz. In Europa ist die Rauschwirkung seit dem 19. Jahrhundert bekannt, Cannabis wird meist in Form von Haschisch oder Marihuana konsumiert. Hauptwirkstoff ist Tetrahydrocannabinol (THC), das je nach Pflanzensorte unterschiedlich konzentriert ist.

Egal ob im Guten oder im Schlechten – Cannabis wirkt sich auf den Seelenzustand aus und verstärkt die jeweilige Gefühlslage. Der Wirkstoff kann entspannen, zu Ruhe und Ausgeglichenheit führen und das Wohlbefinden steigern. Aber auch unerwünschte Nebenwirkungen sind möglich: Denkstörungen und Konzentrationsmangel, in seltenen Fällen aber auch Unruhe, Angst oder Verfolgungswahn. Wer Cannabis stark und regelmäßig konsumiert, riskiert, in eine psychische Abhängigkeit von dem Rauschmittel zu geraten.

Seit März 2017 haben Kassenpatienten in Deutschland einen Anspruch darauf, dass ihre Krankenversicherung die Kosten für Cannabis-Medikamente unter gewissen Voraussetzungen übernimmt. Die Nachfrage ist bundesweit enorm. Zum Teil kommt es zu Lieferengpässen bei Nachschub aus dem Ausland. Der staatlich kontrollierte Anbau in Deutschland befindet sich derweil noch im Aufbau. Experten schätzen, dass entsprechende Farmen erst ab 2019 ihren Teil zur legalen Cannabisproduktion beitragen werden. Einstweilen wird aus Kanada oder den benachbarten Niederlanden importiert. dpa

 

Es gibt starke Befürworter einer Liberalisierung von Cannabis. Die FDP und auch die Grünen im Bundestag kokettieren damit. Die Liberalen sprechen sich für Cannabis-Modellprojekte aus, bei denen das Rauschmittel kontrolliert abgegeben wird. In der Einleitung ihres Antrags heißt es: „Der Kampf gegen den Cannabis-Konsum durch Repression ist gescheitert.“ Der Staat soll die Kontrolle zurückerlangen, indem er selbst zum Dealer wird.

Deutschland vor politischer Zeitenwende?

Der Düsseldorfer Professor Justus Haucap interessiert sich aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht für Cannabis. Und er glaubt, dass Deutschland vor einer drogenpolitischen Zeitenwende steht. Ganz einfach deswegen, weil andere vorangehen: „Die Liberalisierung in Kanada und Kalifornien wird zu einem Umdenken in Deutschland führen. Wir werden sehen, dass Kanada nicht zum Drogen-Mekka mutiert, nur weil Cannabis frei verkäuflich ist.“

Haucap will untersuchen, welche fiskalischen Auswirkungen eine Liberalisierung in Deutschland haben könnte. Eine entsprechende Steuer auf Cannabis wie auf andere Suchtmittel wie Alkohol oder Tabak könnte viel Geld in den Staatshaushalt spülen, schätzt Haucap. „Ich halte ein Steueraufkommen von zwei bis drei Milliarden Euro für absolut realistisch.“ Zu hoch dürfte die Steuer allerdings nicht ausfallen, dann verfehle sie ihren Zweck, den Schwarzmarkt auszutrocknen. Hinzu kämen „signifikante Einsparungen“ bei Justiz und Polizei. „Allein schon deshalb, weil sich die Ordnungshüter wieder sinnvolleren Tätigkeiten widmen können als Cannabis-Konsumenten zu verfolgen.“

Der Hamburger Kriminalbeamte Reinecke will sich bei der Frage der Legalisierung nicht festlegen. Das müsse der Gesetzgeber entscheiden, sagt der Staatsdiener. Stand jetzt aber sei: „Das Gesetz schreibt der Polizei die Bekämpfung von Rauschgiftkriminalität vor. Um diesen Auftrag erfüllen zu können, muss die Polizei entsprechend ausgestattet sein, und das ist sie definitiv nicht.“

Zumindest offiziell gibt sich die Polizei in Hamburg siegessicher, was den Kampf gegen Cannabis und Co. angeht: „Die Schwerpunkteinsätze und der damit einhergehende Kontrolldruck führen zu Verunsicherungen in der Szene und somit mittelfristig bis langfristig zu einer Reduzierung der öffentlich wahrnehmbaren Drogenkriminalität“, heißt es aus der Pressestelle. Es sei bereits festzustellen, dass die Zahl der Betäubungsmittelhändler und der Konsumenten an den Brennpunkten zurückgehe.

Im Schanzenpark gehen sie ungeachtet dessen ihrer Arbeit nach. „Geht’s gut?“, fragt einer und stört sich nicht an den Sirenen der vorbeifahrenden Polizeitransporter.

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