Gesundheit : Broken-Heart-Syndrom: Vorsicht vor der Herzschmerzfalle

1991 wurde das Broken-Heart-Syndrom als Muskelstörung erkannt. Seitdem rätseln Mediziner darüber. Tintenfische helfen bei der Diagnose.

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15. Juli 2018, 15:38 Uhr

Sokrates. Shakespeare. Heine. Goethe. Die Bee Gees. Die Bibel. Sie alle hielten den schmerzhaften, allumfassenden, die Luft zum Atmen einschnürenden Herzschmerz in Gedichten, Psalmen oder Liedern fest. Als Dichter und Denker spürten sie – oft am eigenen Leib –, dass Liebeskummer das Herz tatsächlich zutiefst beschädigen kann. Doch wie genau? Und was dann?

„What Becomes Of The Broken-Hearted?“, wollte der US-Sänger Jimmy Ruffin 1966 wissen. Auch die drei englischen Gibb-Brüder suchten 1971 Auswege aus dem Dilemma: „How Can You Mend A Broken Heart?“ Und der Brite Elton John flehte 1976 inständig: „Don’t Go Breaking My Heart“. Tja.

Fatale Kraftminderung

Dass ein gebrochenes Herz tatsächlich mehr als Gefühlsduselei ist, nämlich eine ernsthafte und lebensbedrohliche Herzmuskelerkrankung, das wussten die Poeten damals trotzdem nicht sicher. Die Medizin nahm das viel beobachtete Phänomen nämlich bis ans Ende des vergangenen Jahrhunderts gar nicht ernst. Trotz auftretender Schmerzen der Patienten nach erlebten psychischen Stresssituationen hielten Kardiologen gebrochene Herzen lange für kein körperliches, höchstens ein seelisches Leiden. Erst im Jahr 1991 wurde die fatale Kraftminderung des Herzens als sogenannte Stress-Kardiomyopathie als echtes Krankheitsbild klassifiziert.

Seitdem sind knapp 30 Jahre vergangenen. Dank der jahrhundertelangen Vorrecherchen der Poeten hat sich der Begriff Broken-Heart-Syndrom als internationaler Medizinjargon verbreitet. Das klingt zwar ganz hübsch, doch täuscht es erneut über die Tatsache hinweg, dass es eben nicht nur um schnöden Herzschmerz geht. Ein Broken-Heart-Syndrom kann durch verschiedene Lebensereignisse ausgelöst werden – und es kann sogar tödlich sein. Wie man das verhindert, ist derzeit noch unklar. Aktuell gilt das Broken Heart als eine der am wenigsten erforschten Herzerkrankungen: Es liegen kaum Statistiken vor, dafür zahlreiche offene Fragen.

Am Universitätsklinikum Heidelberg forschen Kardiologen seit Jahren intensiv daran. Benjamin Meder, geschäftsführender Oberarzt, kann zahlreiche Beispielfälle aufzählen, sie alle drehen sich um kleine und große Dramen des alltäglichen Lebens. „Bei einer älteren Dame war eine Verabschiedungsszene der Auslöser dafür“, erinnert sich der Kardiologe. Die Enkelin der Frau habe sich am Bahnhof von der Familie verabschiedet, um in die USA zu gehen. „Sie ging schnurstracks zum Bahnhof, die ältere Dame brach zusammen.“ Es wirkte, als erlitt sie einen Herzinfarkt.

Typische Herzinfarktsymptome

Und dieser Irrglaube ist der Hauptgrund dafür, wieso Ärzte lange im Dunkeln tappten. Denn die Patienten klagen oft über typische Herzinfarktsymptome: starke Brustschmerzen, Übelkeit, akute Luftnot, Todesangst, Schweißausbrüche. Herzspezialisten konnten erst in den 90ern konkrete Unterschiede ausmachen. Im Körper von Broken-Heart-Patienten kommt es zu einer massiven Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Der Spiegel dieser drei Hormone ist deutlich höher als der von Herzinfarktpatienten. Bei ihnen liegen verstopfte Herzkranzgefäße vor – beim Broken Heart sind die allerdings frei.

Wirklich erkennen kann ein behandelnder Kardiologe ein Broken Heart deshalb nur, wenn er eine Herzkatheteruntersuchung durchführt. Bei einem Herzinfarkt sieht er die Arterienverkalkungen. Beim Broken-Heart-Syndrom läuft der Blutfluss in allen Herzkranzgefäßen völlig normal. Auch eine Koronarangiografie – die Untersuchung des Herzens mit Röntgenstrahlen und einem Kontrastmittel also – kann bei der Differenzierung helfen. Auch hier sind beim Infarkt verengte oder gar verschlossene Herzkranzgefäße zu sehen – beim Broken-Heart-Syndrom jedoch stießen Ärzte auf etwas Ungewöhnliches: Oft hat die linke Herzkammer eine merkwürdige Form.

Sie besitzt die größere Muskelstärke, denn ihre Aufgabe ist es, das Blut in den Körperkreislauf hineinzupumpen. Die rechte Herzkammer, die für den Lungenkreislauf zuständig ist, bleibt vom Broken Heart meistens unversehrt. Durch den erhöhten Stresshormonspiegel bekommt die linke Herzkammer jedoch zu wenig Sauerstoff. Als Folge verfällt sie in einer Art Starre, weitet sich aus und sieht aus wie ein Ballon.

Von Trauer bis zum zwischenmenschlichen Konflikt

Japanische Ärzte erinnerte diese einseitige Herzkammerverformung damals an etwas Altbekanntes: Tintenfischfallen. Dabei handelt es sich um bauchige Gefäße mit engem Hals, die Fischer mit Seilen auf den Meeresboden legen. Tintenfische bleiben kopfüber und lebendig darin stecken. Tako-Tsubo heißen diese Fallen in der japanischen Sprache, weshalb die Kardiologen in den 90er-Jahren die Bezeichnung Tako-Tsubo-Kardiomyopathie (kurz TTC) beziehungsweise Tako-Tsubo-Syndrom etablierten. Heute ist im angloamerikanischen Raum weiter das Broken-Heart-Syndrom gebräuchlicher, in Deutschland sprechen Kardiologen wahlweise vom TTC, von der Stress-Kardiomyopathie als auch vom Broken-Heart-Syndrom.

Benjamin Meder versucht, die Metapher zum gebrochenen Herzen zu vermeiden, wenn er mit seinen Patienten spricht. Er versteht zwar, dass das Herz in den meisten Kulturen mit der Seele gleichgesetzt wird. Doch benutze man Tako-Tsubo, so falle die Bewertung der auslösenden Situation weg. Auch er kennt keine Statistiken darüber, was die Krankheit am häufigsten auslöst. Im Grunde können es alle Formen stark belastender, emotionaler oder auch rein körperlicher Ereignisse sein. Das Spektrum reicht von der Trauer über das plötzliche Ende einer Partnerschaft oder den tödlichen Verlust des Partners bis hin zu zwischenmenschlichen Konflikten.

Die Datenlage ist noch sehr dünn. An der Universität Zürich wurde ein International Tako-Tsubo Registry eingerichtet, das weltweit einmalig ist. Darin werden Patientendaten aus 26 Herz-Kreislauf-Zentren aus neun Ländern (darunter Deutschland) zusammengetragen. Eine Auswertung der ersten rund 2000 Patienten wurde 2015 im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht. Dabei kam heraus, dass mehr als die Hälfte der Patienten (55,8 Prozent) eine akute psychiatrische oder neurologische Episode in der Vorgeschichte aufwiesen. Zudem ließ sich nach der Klinikentlassung eine leicht erhöhte Sterberate feststellen.

Patienten meist weiblich

Nachgewiesen ist inzwischen auch, dass in Europa und in den USA zu fast 90 Prozent Frauen betroffen sind. Am häufigsten tritt das Broken-Heart-Syndrom in der Zeit nach den Wechseljahren auf. Grund ist der schützende Effekt der weiblichen Geschlechtshormone bis zu diesem Zeitpunkt. Dann sinkt der Östrogenspiegel, der unter anderem gefäßerweiternd wirkt.

„Wieso es Frauen häufiger trifft, ist eines der ungelösten Rätsel“, kann auch der Hamburger Kardiologe Thomas Meinertz aus jahrzehntelanger Erfahrung sagen. Er ist der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Herzstiftung und sammelt privat mit großer Leidenschaft Lyrik über das Thema. Trotz der Fülle an poetischen Beschreibungen versteht auch Meinertz nicht, wieso das Broken Heart nicht schon früher diagnostiziert wurde. „Man kann am kranken Herzen sterben, ohne herzkrank zu sein“, erklärt er, denn viele Patienten litten bis zum Tag des Vorfalls weder an Herzschwäche noch an anderen koronaren Vorerkrankungen.

Schonen und regenerieren

Viele der Betroffenen nähmen die auftretenden Symptome zudem entweder nicht wahr oder nicht ernst genug. Mediziner raten daher eindringlich, bei Anzeichen der typischen Herzinfarktsymptome den Notarzt zu rufen.

Wird eine Stress-Kardiomyopathie nicht rechtzeitig behandelt, drohen lebensbedrohende Herzrhythmusstörungen oder Kammerflimmern mit plötzlichem Herztod. Gelingt es jedoch, die akute und oft schwere Herzschädigung medikamentös mit Betablockern in Schach zu halten, kann sich der Herzmuskel wieder vollständig regenerieren. Das braucht rund einen Monat – wer sich in dieser Zeit nicht schont, riskiert das Auftreten eines erneuten Syndroms. Je nach Schweregrad des auslösenden Dramas ergibt bei manchen Patienten auch eine Psychotherapie zur Heilung Sinn.

„Die meisten Menschen überstehen es aber sehr gut“, betont Thomas Meinertz. Ein Broken-Heart-Syndrom kann nach neuesten Vermutungen jedoch auch ohne emotional belastende Ereignisse auftreten. Momentan wird weltweit erforscht, inwieweit ein Zusammenhang mit vorliegenden Krebserkrankungen besteht.

„Un-Break My Heart“, wie sich US-Soul-Sängerin Tony Braxton 1996 wünschte, funktioniert seelisch leider nicht. Aber körperlich verheilt ein gebrochenes Herz. Sogar ohne Narben zurückzulassen.

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