Homöopathie : „Bei mir hilft es!“ – Sieben Argumente wider die Vernunft

Unter Fachleuten hat sich der Widerstand gegen die Homöopathie verstärkt.

Unter Fachleuten hat sich der Widerstand gegen die Homöopathie verstärkt.

Millionen Menschen schwören auf Homöopathie, obwohl sie widerlegt ist. Argumente von Globuli-Anhängern – und die Fakten.

shz.de von
14. Juli 2018, 18:56 Uhr

1. Bei mir hat es geholfen
Diese subjektive Erfahrung ist kein Beweis, weil sie lediglich anekdotischen, keinen statistischen Wert hat. Aus gutem Grund gelten hohe Anforderungen an Wirksamkeitsnachweise von Arzneimitteln (von denen die Homöopathie ausgenommen ist). Der wichtigste Grund, weshalb Menschen sich nach Einnahme von Globuli besser fühlen, ist, dass die Mehrheit der Krankheiten von selbst ausheilt (Spontanheilung) – und nach einer schlechten Phase, in der der Patient Hilfe sucht, ist eine Besserung wahrscheinlich. Zudem können Globuli einen Placebo-Effekt haben.

Interessant: Evolutionär ist es im Menschen angelegt, dass er auch dort Kausalzusammenhänge ausmacht, wo keine sind und selektiv Dinge wahrnimmt, die seine Erwartungen bestätigen (confirmation bias).

2. Studien belegen die Wirksamkeit von Homöopathie
Nein. In 200 Jahren Forschung ist es den Homöopathen nicht gelungen, die Wirksamkeit ihrer Lehre nachzuweisen (und sie sind in der Beweispflicht). Zwar sind unter den rund 400 klinischen Studien zur Homöopathie auch einige positive – doch sie halten so gut wie nie den harten Kriterien der evidenzbasierten Medizin stand (z. B. Zufallszuteilung, große Zahl von Testpersonen, Reproduzierbarkeit ...). Tatsächlich erbringen methodisch schwache Untersuchungen eher ein positives Ergebnis als hochwertige. Zudem sind vereinzelte positive Ergebnisse statistisch dem Zufall geschuldet und daher erwartbar. Was zählt, ist: Zusammenfassungen aller methodisch einwandfreien Studien zeigen keine Wirksamkeit der Homöopathie.

Hinzu kommt, dass die homöopathischen Annahmen den Naturgesetzen widersprechen. So hat etwa das „Ähnlichkeitsgesetz“, nach dem Ähnliches mit Ähnlichem geheilt wird, keine Grundlage in der Biologie. Man weiß auch, dass eine Substanz nicht wirken kann, wenn sie gar nicht vorhanden ist. Dies aber ist bei den stark verdünnten Potenzen der Fall. Bei der C30-Potenz (1:1060) etwa entspricht die Verdünnung der eines Zuckerstückchens in Milliarden Galaxien. Auch die Behauptung eines „Wassergedächtnis’“ widerspricht dem Stand der Wissenschaft: Wasser kann keine Informationen speichern und Schütteln überträgt ebenfalls keine Energie auf Wasser.

3. Die negativen Studien sind doch alle von der Pharmaindustrie gekauft
Die negativen Studien sind gekauft, die positiven nicht – das behaupten gern Homöopathen. Doch erstens gibt es viele unabhängige Studien, eine der umfangreichsten und aktuellsten etwa von der australischen Gesundheitsbehörde; zudem zählt am Ende ohnehin nicht die Finanzierung einer Studie, sondern ihre Qualität und Überprüfbarkeit. Übrigens sollte man auch die Konzerne und Großunternehmen, die mit homöopathischen Mitteln im Jahr Hunderte Millionen Euro Umsatz machen, zur Pharmaindustrie zählen – mit dem Unterschied, dass sie praktisch keine Kosten für Forschung und Entwicklung haben und sich die teuren Studien zum Nachweis von Wirkungen und Nebenwirkungen sparen. Und auch die Herstellung der Globuli ist billig – schließlich bestehen sie nur aus Zucker.

4. Viele Krankenkassen bezahlen Homöopathie – also muss sie doch wirken
Falsch. Wirksamkeit ist kein Kriterium für eine Aufnahme in den Leistungskatalog von Krankenkassen. Stattdessen schauen diese schlicht, mit welchen Leistungen sie Kunden gewinnen können – und da Homöopathie beliebt ist, lockt die Übernahme der Kosten Mitglieder.

5. Globuli helfen ja auch Tieren und Kindern, also kann es kein Placebo-Effekt sein
Diese Annahme hat ihren Ursprung in einem grundsätzlich falschen Verständnis des Placebo-Effekts – nämlich, dass er damit zu tun hat, ob man an etwas glaubt. Der Placebo-Effekt ist aber deutlich komplexer – er funktioniert über Konditionierung und Erwartungshaltung, Stimmung und Zuwendung. Die Placebo-Wirkung bei Tieren und Babys ist nachgewiesen und unter dem Begriff „Placebo by Proxy“ gut untersucht.

6. Wenn der Placebo-Effekt hilft, kann man Globuli doch nehmen. Es schadet ja nichts

Abgesehen von dem Geld, das man für Zuckerkugeln ohne Wirkstoff ausgibt, kann Homöopathie immer dann schaden, wenn man im Vertrauen auf sie andere Therapien unterlässt. So starb im vergangenen Jahr ein Siebenjähriger in Italien, weil die Eltern ihm gegen Mittelohrentzündung Globuli statt Antibiotika gaben. Immer wieder werden ernste Erkrankungen wie Krebs zu spät konventionell therapiert, weil zunächst auf Homöopathie vertraut wird. Und dann ist da noch die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, den Patienten darüber im Unklaren zu lassen, dass seine Pillen überhaupt keine Wirkstoffe beinhalten.

7. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht erklären kann
Stimmt. Homöopathie gehört nicht dazu. Die Methode ist kein ungelöstes Rätsel; die Fakten liegen klar vor uns. Und Naturgesetze sind keine Meinungssache. Deshalb springen wir auch nicht aus dem Fenster im zehnten Stock in der Hoffnung, fliegen zu können.

Ärzte weltweit: Der Widerstand gegen Homöopathie wächst

Der Widerstand gegen die Homöopathie hat sich verstärkt. Beim Ärztetag im Mai forderte der „Münsteraner Kreis“ aus Wissenschaftlern, Ärzten, Juristen und Ethikern, die Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ für Ärzte abzuschaffen. Die ehemalige Homöopathin und heutige Kritikerin der Lehre, Natalie Grams („Informationsnetzwerk Homöopathie“), nennt Homöopathie „Betrug am Patienten“ und fordert, dass Krankenkassen diese nicht mehr zahlen. Die französische und spanische Ärztekammer mahnen die Abgrenzung der wissenschaftlichen Medizin von Pseudomedizin an; in Russland gilt Homöopathie offiziell als Pseudowissenschaft. In den USA müssen Hersteller den Hinweis auf Verpackungen von Globuli drucken: „Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, dass dieses Produkt wirkt.“ Die Verkäufe von Homöopathika gingen 2017 um rund 3,6 Prozent zurück.

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